Es war einmal ein Hund, der lebte am Rand eines Dorfes. Er hatte scharfe Zähne, flinke Pfoten, einen wachen Blick; sein Magen forderte Beute, sobald die Sonne höher stieg.
Wenn im Dorf Markttag war, zog es ihn dorthin, denn aus allen Gassen strömten Gerüche von Brot, Käse, Wurst; zwischen Ständen, Körben, Schürzen fand er jede Menge Krümel, die die Menschen achtlos fallen ließen.
An einem solchen Tag drängte sich der Hund durch die Menge. Händler riefen ihre Waren aus, Münzen klirrten, Kinder lachten; der Hund schob die Nase unter ein Brett, das vor einem Fleischer lag. Dort ruhte ein großes Stück Fleisch, rot und saftig.
Er duckte sich hinter einen Korb, spähte nach Händen, Stöcken, Blicken; da sah er eine Lücke, sprang vor, packte das Fleisch mit einem Ruck, riss es vom Brett und schoss davon.
Hinter ihm hob sich Geschrei. Schritte jagten über das Pflaster. Der Hund rannte quer über den Platz, sprang über eine Pfütze, huschte durch ein Tor; sein Herz hämmerte, doch er hielt fest zu, denn der Duft des Fleisches raubte ihm jeden anderen Gedanken.
Bald lag das Dorf hinter ihm. Vor ihm begann der Wald, ein schmaler Pfad führte hinein. Der Hund nahm ihn, denn dort erwartete er Schutz vor Menschenhänden.
Zweige streiften sein Fell. Wurzeln ragten aus dem Boden. Über ihm knackte ein Ast, irgendwo rief ein Vogel; der Hund achtete nicht darauf, er wollte nur fort, fort zu einer Ecke, in der keiner ihm sein Mahl streitig machen konnte.
Der Pfad senkte sich, dann öffnete sich das Gehölz und ein Bach erschien. Das Wasser lief rasch über Steine, schimmerte hell, trug kleine Wirbel; darüber spannte sich eine alte Holzbrücke, schmal und wacklig.
Der Hund setzte eine Pfote auf das erste Brett. Es gab nach, doch er ging weiter, Schritt um Schritt; das Fleisch lag schwer in seinem Maul, sein Speichel rann, der Hunger trieb ihn.
In der Mitte der Brücke hielt er an, denn unter ihm glitt das Wasser so klar dahin, dass es sein Spiegelbild zeigte. Dort unten stand ein zweiter Hund, genau unter der Brücke, mit funkelnden Augen; auch er trug ein Stück Fleisch im Maul.
Da fuhr dem Hund ein gieriger Gedanke in den Kopf. Zwei Stücke Fleisch, dachte er; eines in meinem Maul, eines im Maul des anderen. Er spannte die Schultern, knurrte tief aus der Kehle; der Hund im Wasser knurrte zugleich. Er zeigte die Zähne; der Hund im Wasser zeigte die Zähne. Der Neid schob jede Vorsicht beiseite. Der Hund beugte sich vor, riss das Maul weit auf, wollte nach unten schnappen, wollte das fremde Fleisch rauben.
In demselben Augenblick entglitt ihm sein eigenes Fleisch. Es fiel mit einem Platschen in den Bach, drehte sich, sprang zwischen Steinen; das Wasser packte es, zog es fort, trug es unter der Brücke hinweg. Der Hund stieß ins Wasserbild, traf nur Wasser.
Er starrte dem Fleisch nach, sprang ans Ufer, rannte am Bach entlang; doch der Strom war schneller, das Stück verschwand hinter einer Biegung.
Der Hund blieb keuchend stehen. Sein Maul war leer, sein Magen knurrte. Auf einem Ast hockte ein Rabe, schwarz gefiedert, mit hellem Blick. Er schüttelte den Kopf und sprach: „Du wolltest fremde Beute nehmen, nun hast du dein eigenes Mahl verloren.“
Der Hund senkte den Blick. Er trottete durch den Wald zurück, ohne ein Stück Fleisch.
Hinweis: Diese Geschichte geht auf die Fabel nach Äsop „Der Hund und das Spiegelbild“ zurück. Äsop gilt als einer der bekanntesten Fabeldichter der Antike, dessen kurze Tiergeschichten seit Jahrhunderten weitergegeben werden. Der Text hier ist eine freie Neuerzählung in moderner Sprache für Kinder im Vorschul- und Grundschulalter.
Gier nach fremden Dingen
Gier nach fremden Dingen entsteht, sobald das eigene plötzlich wertlos erscheint. Ein Blick auf das, was jemand anderes zu haben scheint, macht unruhig und drängt zu schnellen Entscheidungen. Genau dann wird aus einem guten Besitz ein Risiko.
Fremdes wirkt spannend, weil es neu ist und weil der Kopf daraus schnell ein Extra macht. Dabei wird übersehen, was schon da ist, und es wird zu hastig gehandelt. Am Ende bleibt die Erkenntnis: Wer nach fremdem Gut greift, kann das eigene verlieren.
PDF-Download der Fabel „Der Hund und das Spiegelbild“
Hier wartet die Fabel „Der Hund und das Spiegelbild“ als kostenloses PDF. Einfach anklicken, herunterladen, speichern oder ausdrucken – eine praktische Vorlage für Zuhause, die Kita oder den Unterricht:
Die Fabel „Der Hund und das Spiegelbild“ kurz mit Moral
Ein Hund trägt ein Stück Fleisch im Maul und kommt an einem klaren Bach vorbei. Im Wasser sieht er sein Spiegelbild und glaubt, ein anderer Hund trage dort unten noch mehr Fleisch. Gierig schnappt er danach, öffnet das Maul – und sein eigenes Fleisch fällt ins Wasser und treibt davon.
Die Moral: Wer sich vom Trugbild locken lässt, steht am Ende leer da.
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