Am Vormittag vor Weihnachten saß Luka bei seiner Großmutter in der Küche. Auf dem Tisch stand die große Schüssel mit Teig, daneben lagen Mehl, ein kleines Messer und ein paar trockene Weizenähren, die Baka Mara am Morgen aus der Speisekammer geholt hatte.
Die Ljetnjača war schon rund geformt. Luka durfte beim Verzieren helfen. Er machte zwei Sterne, dann noch einen, der ein wenig schief geriet. Mara setzte Ähren aus Teig auf den Laib und legte den kleinen Pflug dazu, den sie jedes Jahr machte.
Draußen fiel Schnee. Dicke Flocken blieben auf dem Fensterbrett liegen, und der Pflaumenbaum im Hof hatte längst weiße Äste.
Baka Mara arbeitete weiter. Sie formte zwei Ähren und einen kleinen Mond. Dann nahm sie ein neues Stück Teig und drückte es rund.
Luka wusste gleich, was das werden sollte.
„Die Sonne.“
„Ja.“
Er sah hinaus.
„Die sieht man heute aber nicht.“
„Nein, heute nicht.“
Das schien Baka nicht weiter zu stören. Sie setzte die ersten Strahlen an.
Luka schob seinen schiefen Stern ein wenig zur Seite. „Ich mache noch eine Schneeflocke.“
„Mach nur.“
Das war schwieriger, als er gedacht hatte. Der erste Versuch sah nach gar nichts aus. Beim zweiten brach ein Arm ab. Luka knetete alles wieder zusammen.
Sein Großvater kam herein und stellte einen Korb Holz neben den Ofen. Auf seinen Schultern lagen Schneeflocken, die in der Wärme rasch verschwanden.
„Was baust du denn da?“
„Eine Schneeflocke. Wenn sie endlich eine wird.“
Der Großvater beugte sich kurz über das Brett. „Dann würde ich ihr nicht noch mehr Arme machen.“
Luka hatte gerade über einen siebten nachgedacht und ließ es bleiben.
Baka Mara setzte inzwischen die Sonne mitten auf das Brot. Daneben kamen die Ähren. Luka kannte die Zeichen. Sie waren jedes Weihnachten da gewesen, solange er sich erinnern konnte.
Nur eine Schneeflocke hatte es noch nie gegeben.
Diesmal gelang sie ihm. Nicht vollkommen gleichmäßig, aber Luka war zufrieden. Vorsichtig trug er sie zur Ljetnjača.
„Hier?“
Baka rückte den Mond ein wenig zur Seite. „Hier ist Platz.“
Luka legte die Flocke hin.
Nun fehlte nur noch etwas an der Sonne. Ihre Strahlen waren Baka zu kurz geraten. Jedenfalls fand Luka das.
„Darf ich?“
Sie gab ihm den Teig.
Er machte sechs neue Strahlen. Den letzten rollte er länger als die anderen.
„Der stößt gleich an die Ähre“, sagte Baka.
Luka hielt inne. Der lange Strahl lag tatsächlich beinahe auf ihr.
„Kann er nicht so bleiben?“
Baka sah hin. „Warum nicht.“
Dann kam die Ljetnjača in den Ofen.
Bis sie fertig war, musste Luka sich gedulden. Er trug Holz herein, lief zweimal zum Fenster, weil er glaubte, jemanden am Gartentor gesehen zu haben, und erwischte seine Mutter dabei, wie sie schon von den Weihnachtsplätzchen probierte.
„Nur einen“, sagte sie.
Luka nahm ebenfalls einen. Dann waren es zwei.
Als Baka endlich die Ofentür öffnete, kam Luka sofort herbei.
Die Ljetnjača war schön braun geworden. Mond, Sterne und Ähren hatten sich beim Backen gehoben. Lukas Schneeflocke war etwas dicker geraten als geplant, aber sie war noch zu erkennen.
Und der lange Sonnenstrahl?
Der hatte sich an die Ähre geschoben.
Luka wollte schon danach greifen.
„Heiß“, sagte Baka und hielt seine Hand zurück.
Also wartete er.
Später, als die Ljetnjača auf dem Weihnachtstisch lag und aus dem Flur Stimmen kamen, sah Luka noch einmal nach seiner Schneeflocke.
Sie war immer noch da, gleich neben dem Mond.
Und an der Ähre hing der lange Strahl der Sonne.
Ein besonderer Weihnachtslaib
Die Ljetnjača ist ein festlich verzierter Weihnachtslaib aus der bosnischen Region Posavina. Auf dem Teig finden sich traditionell Motive wie Sonne, Mond, Sterne, Ähren oder ein Pflug.
Die Verzierungen der Ljetnjača greifen vieles auf, was früher zum täglichen Leben der Menschen gehörte. Überliefert sind Zeichen aus der Natur und der Landwirtschaft, darunter Sonne, Mond, Sterne, Getreideähren und Pflug. So wird aus dem Weihnachtsbrot zugleich ein kleines Bild der bäuerlichen Lebenswelt. Welche Motive verwendet werden und wie sie aussehen, kann von Familie zu Familie verschieden sein.
Wenn Sie die Geschichte später noch einmal lesen oder gemütlich vorlesen möchten, können Sie „Die Sonne auf dem Weihnachtsbrot“ hier kostenlos als PDF herunterladen. So lässt sich die Weihnachtsgeschichte ganz einfach ausdrucken und für einen ruhigen Advents- oder Weihnachtsnachmittag bereitlegen:
Wie gut sind die kleinen Einzelheiten der Geschichte hängen geblieben? Das Quiz zur Weihnachtsgeschichte können Sie ebenfalls kostenlos als PDF herunterladen und ausdrucken – eine schöne Ergänzung nach dem Lesen oder Vorlesen, oder alle Quizze gesammelt für Ratespiele in der Weihnachtszeit:
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