Über einen wilden Bach führte ein schmaler Steg. Drei alte Bretter verbanden die beiden Ufer. Sie waren feucht vom Nebel, grün vom Moos und an den Enden mit rostigen Nägeln befestigt. Darunter schoss das Wasser über Steine und Felsen.
Von der einen Seite kam eine Ziege den Hang herunter. Seit dem Morgen hatte sie kaum etwas Vernünftiges zu fressen gefunden. Auf der anderen Seite des Baches dagegen wuchsen saftige Kräuter und junge Halme. Also setzte sie vorsichtig einen Huf auf den Steg und ging los.
Zur selben Zeit kam vom anderen Ufer eine zweite Ziege. Hinter ihr bellte der Hofhund, und sie wollte zurück zum Stall. Auch sie betrat den Steg.
Erst als beide fast die Mitte erreicht hatten, bemerkten sie einander.
Die erste Ziege blieb stehen. Die zweite ebenfalls. Keine machte Anstalten, zurückzugehen.
„Ich war zuerst hier“, sagte die erste.
Die andere schnaubte und schob sich noch ein Stück vor.
Nun standen sie sich mitten über dem Bach gegenüber. Der Steg war so schmal, dass keine an der anderen vorbeikam. Rückwärts wollte aber auch keine. Die eine dachte an das Gras auf der Wiese, die andere an ihren Stall. Jede fand ihren eigenen Weg wichtiger.
Am Ufer hockte eine Kröte im Gras. Sie beobachtete die beiden Ziegen, die noch immer keinen Schritt zurückwichen.
Die erste schob sich ein Stück vor. Die zweite hielt dagegen. Unter ihren Hufen knarrten die nassen Bretter.
Die Kröte rückte sicherheitshalber etwas vom Wasser weg.
Da scharrte die erste Ziege mit dem Huf. Die zweite stellte die Beine breit und senkte den Kopf. Einen Moment standen sie so da. Dann gingen sie aufeinander los.
Der Steg wackelte heftig. Die zweite Ziege rutschte ein Stück zur Seite, fing sich wieder und drängte zurück. Nun wollte erst recht keine mehr weichen.
Noch einmal prallten die Hörner gegeneinander.
Diesmal krachte es unter ihren Hufen. Ein rostiger Nagel sprang aus dem Holz, ein Brett brach entzwei, und plötzlich war der Steg unter ihnen weg.
Mit einem lauten Platschen fielen beide in den Bach.
Das kalte Wasser schlug ihnen über den Rücken. Die eine tauchte sofort wieder auf, die andere bekam Wasser ins Maul und prustete. Für den Streit blieb keine Zeit mehr. Sie strampelten zwischen den Steinen und versuchten nur noch, ans Ufer zu kommen.
Ein Blatt hing der ersten Ziege am Horn. Die zweite stieß mit dem Hinterbein gegen einen Felsen und erschrak so sehr, dass sie noch heftiger paddelte.
Die erste Ziege fand zwischen den Steinen Halt und kletterte ans Ufer. Wenig später kam auch die andere aus dem Bach.
Dort standen sie nun, jede auf ihrer Seite, nass bis auf die Haut. Wasser tropfte aus ihren Bärten, und beide schüttelten sich erst einmal kräftig. Vom Steg war nicht mehr viel übrig. Ein Brett hing schief über dem Wasser.
Die Kröte saß noch immer im Gras.
„Hat sich ja gelohnt“, quakte sie.
Keine der Ziegen sagte etwas. Die eine blickte zur Wiese hinüber, die andere zum Weg zurück zum Stall. Beide standen noch eine Weile da und tropften vor sich hin.
Dabei hätte eine von ihnen nur ein paar Schritte zurückgehen müssen.
Als ein neuer Steg fertig war, begegneten sie sich dort wieder. Diesmal blieb die eine schon am Ufer stehen und ließ die andere hinüber. Beim nächsten Mal war es umgekehrt.
So kamen sie von da an ohne Streit über den Bach.
„Die zwei eigensinnigen Ziegen“ geht auf eine Fabel zurück, die Äsop zugeschrieben wird. Die alte Geschichte vom Streit auf dem schmalen Steg ist hier neu erzählt, sprachlich modernisiert und um kleine Szenen und Details ergänzt. Die Grundidee der ursprünglichen Fabel bleibt dabei erhalten: Manchmal kommt man weiter, wenn man nicht um jeden Preis auf seinem eigenen Weg besteht.
Wenn keiner nachgeben will
Eigensinn bedeutet, dass jemand einen eigenen Kopf hat und gern selbst entscheidet. Das ist gar nicht schlecht. Es kann sogar helfen, bei einer Sache dranzubleiben und nicht gleich aufzugeben, nur weil andere etwas anderes wollen.
Stur wird man eher dann, wenn man unbedingt bei seiner Meinung bleibt, obwohl man merkt, dass es dadurch nur schwieriger wird. Manchmal wäre es klüger, kurz nachzugeben, einen Schritt zurückzugehen oder gemeinsam nach einer Lösung zu suchen.
Nachgeben bedeutet übrigens nicht, dass man verloren hat. Manchmal zeigt es sogar, dass man gut nachdenken und eine Situation richtig einschätzen kann. Wer nicht immer auf seinem Willen besteht, kommt am Ende manchmal schneller ans Ziel.
„Die zwei eigensinnigen Ziegen“ als PDF zum Ausdrucken
Zwei eigensinnige Ziegen, ein viel zu schmaler Steg und am Ende ein unfreiwilliges Bad im Bach: Diese Fabel nach Äsop können Sie hier als PDF herunterladen und in Ruhe lesen oder vorlesen. Die Druckversion eignet sich auch gut für Schule, Familie oder eine kleine Geschichtenrunde zwischendurch.
Wenn keiner nachgibt, verlieren am Ende beide
Die beiden Ziegen könnten ihr Problem ganz leicht lösen: Eine müsste nur ein paar Schritte zurückgehen und die andere vorbeilassen. Doch beide wollen unbedingt ihren eigenen Weg weitergehen. Aus einer kleinen Begegnung wird dadurch ein Streit, bei dem am Ende keine gewinnt.
Die Geschichte zeigt, dass Nachgeben nichts mit Schwäche zu tun hat. Manchmal ist es sogar die klügere Entscheidung. Wer kurz zurücktritt, Rücksicht nimmt oder dem anderen den Vortritt lässt, erspart sich vielleicht einen unnötigen Streit – und kommt am Ende trotzdem ans Ziel.
Die Lehre aus der Fabel: Wer immer nur seinen eigenen Willen durchsetzen möchte, kann am Ende mehr verlieren, als ein wenig Nachgeben gekostet hätte.
Die Fabel "Die zwei eigensinnigen Ziegen" teilen
Manchmal reicht ein schmaler Steg, zwei dicke Köpfe und ein bisschen zu viel „Ich zuerst!“, und schon nimmt das Unglück seinen Lauf. Wenn Ihnen die neu erzählte Fabel „Die zwei eigensinnigen Ziegen“ gefällt, teilen Sie sie gern auf Pinterest. Vielleicht bewahrt sie ja den einen oder anderen Dickkopf vor einem unfreiwilligen Bad?
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