Miras Mauer

Hinter Miras Haus stand eine alte Mauer. Sie war nicht besonders hoch und auch nicht besonders schön. An manchen Stellen fehlte der Putz, aus einer Ritze wuchs Moos, und an der Ecke hatte sich Efeu breitgemacht. Für Mira war sie trotzdem die beste Mauer weit und breit.

An einem Samstagnachmittag schleppte Mira ihre Farbdosen nach draußen und malte einen Fuchs. Nicht irgendeinen, sondern einen mit schiefem Ohr, dünnen Beinen und einem Schwanz, der viel zu groß für den Rest war.

Mira trat zwei Schritte zurück.

„Du siehst aus, als würdest du Unsinn machen“, sagte sie.

Der Fuchs sagte nichts. Natürlich nicht.

In der Nacht wachte Mira auf, weil draußen etwas schepperte. Sie setzte sich im Bett auf und sah zum Fenster.

Auf der Mauer fehlte der Fuchs.

Unten huschte etwas Orangefarbenes durchs Gras. Der Fuchs sprang auf die umgedrehte Gießkanne, rutschte ab und tat danach so, als sei genau das sein Plan gewesen.

Mira riss das Fenster auf.

„He!“

Der Fuchs sah hoch.

Mehr brauchte Mira nicht. Zwei Minuten später stand sie im Schlafanzug im Garten. Der Fuchs schnupperte an ihren Farbdosen, steckte die Nase in einen Blumentopf und jagte anschließend einem Käfer hinterher.

Kurz vor dem Morgengrauen blieb er plötzlich stehen. Er sah zum Himmel, dann zur Mauer.

Und rannte.

Mit einem Satz sprang er an seine gemalte Stelle zurück. Kaum berührten seine Pfoten den Putz, wurde er wieder flach. Da war er wieder: schiefes Ohr, riesiger Schwanz.

Mira stand davor und staunte.

Am nächsten Nachmittag malte sie einen Vogel dazu. Einen kleinen blauen mit rotem Schnabel und keckem Blick.

„Damit du nicht allein bist“, erklärte sie dem Fuchs.

In der folgenden Nacht flatterte der Vogel von der Mauer, setzte sich erst auf die Wäscheleine, dann auf den Schuppen und schließlich auf Miras Kopf.

„Sehr lustig.“

Der Vogel blieb sitzen.

Der Fuchs schien das ebenfalls lustig zu finden.

Mehr Figuren malte Mira erst einmal nicht. Ihre Mauer sollte schließlich nicht aussehen, als hätte jemand alle Farbtöpfe umgeworfen.

Fuchs und Vogel reichten auch so.

Der Vogel klaute einmal eine Wäscheklammer. Der Fuchs schleppte Miras Hausschuh unter die Hecke. Am Morgen fand sie auf der Sohle einen orangefarbenen Pfotenabdruck.

Dann ging eines Nachts beinahe alles schief.

Mira war am Fenster eingeschlafen. Als sie wieder aufwachte, war der Himmel schon grau.

Der Vogel saß längst an seinem Platz.

Der Fuchs nicht.

„Oh nein.“

Mira lief nach draußen. Hinter der Regentonne: nichts. Unter der Hecke: nichts.

Dann entdeckte sie orangefarbene Pfotenabdrücke. Sie führten durch das Gartentor.

Der Fuchs saß ein Stück weiter auf dem Zaun der Nachbarn und starrte deren Katze an. Die Katze starrte zurück. Keiner schien bereit, zuerst wegzusehen.

„Fuchs!“

Er drehte den Kopf.

Seine Schwanzspitze war blass geworden.

Jetzt vergaß er die Katze.

Er sprang vom Zaun und raste zurück. Mira hinterher. Durchs Gartentor, über die nassen Steine, vorbei an der Gießkanne.

Die Sonne schob sich bereits über die Dächer.

„Los!“

Der Fuchs sprang.

Für einen winzigen Moment hing er in der Luft. Dann berührten seine Pfoten den Putz.

Still.

Da war er wieder, genau dort, wo Mira ihn gemalt hatte.

Fast genau.

Die Spitze seines Schwanzes war nur noch ein blasser Fleck.

Mira stemmte die Hände in die Hüften.

„Das hast du nun davon.“

Am Nachmittag holte sie ihre Farben und malte die Schwanzspitze neu.

Dann setzte sie sich ins Gras und betrachtete ihre Mauer. Neben dem Fuchs und dem Vogel war noch ein wenig Platz.

Mira nahm den Pinsel in die Hand.

Und was würdest du auf die Mauer malen?

Warum Farben an Mauern verblassen

Miras Mauer, Gute-Nacht-Geschichte

In Miras Geschichte wird die Schwanzspitze des Fuchses blass, weil er nicht rechtzeitig auf seinen Platz an der Mauer zurückkehrt. Bei echten Wandbildern dauert das natürlich viel länger. Vor allem Sonnenlicht setzt Farben mit der Zeit zu: Die UV-Strahlung kann Farbpigmente verändern, sodass kräftige Töne nach und nach heller werden.

Auch Regen, Frost und Hitze hinterlassen ihre Spuren. Deshalb verwenden Künstler für Wandbilder möglichst wetterfeste Farben und manchmal zusätzlich einen Schutzanstrich. Ein gemalter Fuchs kann so viele Jahre auf einer Mauer bleiben – vorausgesetzt, er läuft nachts nicht heimlich davon 😉

Damit der Fuchs nicht nur an der Mauer bleibt

Falls Sie „Miras Mauer“ lieber auf Papier lesen möchten, können Sie die Gute-Nacht-Geschichte hier als PDF herunterladen und ausdrucken. Der Fuchs hält sich darin übrigens genauso wenig an Regeln wie auf Miras Gartenmauer – nur vom Blatt kann er glücklicherweise nicht weglaufen.

Miras Mauer

Miras Fuchs darf ruhig weiterziehen

Der Fuchs hat nachts ohnehin schon einen ziemlich großen Bewegungsdrang – da kann er auch noch einen Abstecher zu Pinterest machen. Fürs Teilen von „Miras Mauer“ stehen Ihnen drei verschiedene Motive zur Auswahl. Suchen Sie einfach das Bild aus, das am besten zu Ihrem Board passt.

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