Im Schilf saß eine Entenmutter auf ihren Eiern. Die Sonne wärmte das Nest, die Frösche quakten. Nur ihre Küken ließen auf sich warten.
Endlich knackten die Schalen. Gelbe Küken krochen heraus. Nur ein Ei blieb liegen, auffallend groß.
Als auch dieses Ei aufbrach, schob sich ein graues Küken heraus. Langbeinig, mit kräftigem Hals, viel größer als die anderen.
„Was für ein seltsames Entlein“, murmelte sie. „Aber schwimmen wird es wohl können.“
Am nächsten Morgen führte sie alle zum Teich. Das graue Küken schwamm mit sicheren, kräftigen Zügen. Die Mutter war zufrieden.
Doch auf dem Entenhof war das graue Junge nicht willkommen. Die Hühner starrten das Küken an. Eine alte Ente rümpfte den Schnabel. „So ein hässliches Entlein habe ich noch nie gesehen!“
Anfangs nahm die Mutter es in Schutz. Doch bald machten selbst seine Geschwister mit. Sie stießen es vom Futter weg und verspotteten seine langen Beine. Auch in seiner Ecke ließen sie es nicht in Ruhe.
Eines Abends hielt es das Entlein nicht mehr aus. Es zwängte sich durch eine Lücke im Zaun und lief davon, bis es den Hof nicht mehr hören konnte.
Im Sumpf hinter den Wiesen schlief es zwischen Binsen. Zwei Wildenten musterten den Fremden und ließen ihn dann links liegen.

Als die Nächte kalt wurden, fand das Entlein eine Hütte mit schiefer Tür. Eine alte Frau ließ es herein. Sie hatte eine Henne und einen Kater und hoffte auf weitere Eier.
„Kannst du Eier legen?“, fragte die Henne.
„Nein.“
„Dann hast du hier nicht viel zu sagen.“
Der Kater wollte wissen, ob das Entlein schnurren könne. Auch das konnte es nicht. Vom Schwimmen wollten die beiden nichts hören. Was sollte daran schon schön sein?

Das Entlein zog weiter. Der Wind trieb dürre Blätter über die Wege. Hoch oben flogen große weiße Vögel mit langen Hälsen. Ihre Rufe klangen fremd und klar.
Das Entlein schaute ihnen nach, bis sie verschwunden waren. Noch nie hatte es so schöne Vögel gesehen.
Dann kam der Winter. Schnee bedeckte die Wiesen, und das Wasser fror zu. Jeden Tag wurde die freie Stelle auf dem Teich kleiner. Schließlich konnte das Entlein kaum noch schwimmen. In einer eisigen Nacht blieb es im Eis stecken.
Ein Bauer brach das Eis auf und nahm den fast erstarrten Vogel mit nach Hause. Dort flatterte das Entlein vor Schreck auf, stieß eine Schüssel um und entwischte durch die offene Tür.

Den restlichen Winter verbrachte es zwischen vereisten Gräben und kahlen Sträuchern. Dann tropfte Wasser von den Dächern, an den Weiden zeigten sich grüne Spitzen, und der Teich taute auf.
Das Entlein breitete die Flügel aus. Sie waren groß und stark geworden. Mit wenigen Schlägen erhob es sich und flog zu einem Garten, in dem drei weiße Schwäne auf dem Wasser glitten.

Es landete in ihrer Nähe und senkte den Kopf. Diese schönen Vögel würden es gewiss fortjagen. Aber die Schwäne schwammen freundlich auf es zu.
Im stillen Wasser sah das Entlein sein Spiegelbild. Es war nicht mehr grau und unbeholfen. Ein langer Hals erhob sich über schneeweißem Gefieder. Es war selbst ein Schwan.
Am Ufer blieben Kinder stehen. „Seht nur, da ist noch einer!“, rief ein Mädchen. „Der neue ist der schönste!“
Der Schwan versteckte den Kopf zwischen den Flügeln. Nicht weil er sich schämte. Er wusste nur nicht, wohin mit seiner Freude. Dann hob er den Kopf und schwamm mit den anderen hinaus auf den Teich.
Diese Geschichte ist eine freie, gekürzte Nacherzählung des Märchens „Das hässliche Entlein“ von Hans Christian Andersen. Das Original erschien 1843 in Dänemark unter dem Titel „Den grimme Ælling“. Die Handlung wurde in ihren wesentlichen Zügen beibehalten und für heutige Leserinnen und Leser sprachlich neu gestaltet.
Wie aus einem grauen Entlein ein Schwan wurde
„Das hässliche Entlein“ stammt aus Dänemark. Der Schriftsteller Hans Christian Andersen veröffentlichte das Märchen im Jahr 1843 unter dem dänischen Titel „Den grimme Ælling“. Er hatte sich die Geschichte selbst ausgedacht. Solche Märchen nennt man Kunstmärchen, im Unterschied zu alten Volksmärchen, die ursprünglich mündlich weitererzählt wurden.
Dass ein graues Jungtier später ein wunderschöner weißer Schwan wird, ist gar nicht so ungewöhnlich. Viele junge Höckerschwäne haben zunächst graue oder graubraune Federn. Erst während sie heranwachsen, bekommen sie nach und nach ihr weißes Gefieder. Auch ihr langer Hals und die kräftigen Flügel entwickeln sich mit dem Alter.
Andersens Märchen erzählt aber noch von etwas anderem: davon, wie weh es tun kann, ausgelacht und ausgeschlossen zu werden. Die Tiere auf dem Entenhof beurteilen das Entlein nur nach seinem Aussehen. Sie geben ihm gar keine Gelegenheit zu zeigen, was in ihm steckt. Dabei war der kleine Vogel schon als graues Küken ein Schwan, auch wenn das niemand erkannt hatte.
Vom Schilf auf den Lesetisch
Ein graues Küken, eine lange Wanderung und eine überraschende Entdeckung: Hier können Sie die Nacherzählung des bekannten Andersen-Märchens als PDF herunterladen und in aller Ruhe lesen.
Drei Bilder für ein besonderes Entlein
Ein kleines Entlein, das anders aussieht als die anderen, und eine Geschichte, die nicht immer fröhlich verläuft. Zu Andersens bekanntem Märchen finden Sie hier drei liebevoll gestaltete Bilder. Sie können die Motive auf Pinterest teilen oder für Ihre eigene Märchensammlung vormerken.
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