Östlich von der Sonne und westlich vom Mond

Es war einmal ein Mädchen namens Liv, das mit seinen Eltern an einem norwegischen Fjord lebte. Wenn der Seewind blies, klapperten die Fensterläden.

Eines Abends klopfte es. Draußen stand ein riesiger weißer Bär.

„Guten Abend“, sagte er. „Ich suche jemanden, der mir Gesellschaft leistet. In meinem Schloss ist es zu still.“

Livs Vater ließ vor Schreck den Holzlöffel fallen. Der Bär verbeugte sich sogar vor ihrer Mutter.

Liv fragte: „Spielst du Schach?“

„Nicht besonders gut“, gestand der Bär.

„Dann komme ich mit. Aber ich möchte nach Hause schreiben dürfen.“

Die Eltern waren nicht begeistert. Doch Liv ließ sich nicht abbringen. Ihre Mutter gab ihr warme Strümpfe mit. Dann zog Liv mit dem Bären fort.

Östlich von der Sonne und westlich vom Mond, norwegisches Märchen

Sein Schloss lag in einem verborgenen Tal. Die Kamine brannten, und die Bibliothek reichte bis unters Dach. Der Bär verlor meist beim Schach, erzählte aber wunderbar. Wenn er nieste, flatterten allerdings die Vorhänge. Jeden Sonntag schrieb Liv einen Brief nach Hause.

Eines Tages gestand der Bär, dass er eigentlich ein Prinz sei. Eine Zauberin habe ihn verwandelt und nur für kurze Zeit fortgelassen.

„Morgen muss ich zurück“, sagte er. „Dort bleibe ich, bis mich jemand findet. Doch niemand kennt den Weg.“

Am Morgen war er fort. Auf dem Tisch lag ein Zettel: Östlich von der Sonne und westlich vom Mond.

Liv packte Brot ein und machte sich auf den Weg.

Nach drei Tagen fand sie ein Häuschen mit einer unaufhörlich klingelnden Türglocke. Dort wohnte der Ostwind, der gerade seine Mütze suchte.

„Die hast du auf dem Kopf“, sagte Liv.

„Ach, richtig! Was führt dich her?“

Liv erzählte ihm vom weißen Bären. Der Ostwind kratzte sich am Kinn.

„Östlich von der Sonne? Dort war ich schon. Oder war das woanders? Am besten frage ich meinen Bruder.“

Er trug Liv über Felder und Wälder zum Westwind.

Der Westwind wohnte am Meer. Liv berichtete ihm von ihrer Suche. Er erzählte trotzdem erst einmal von einem Wal, den er mit einer Insel verwechselt hatte, und von einem Sturm, der ihm die Pfeife fortgetragen hatte.

„Kennst du das Schloss?“, fragte Liv, als er endlich Luft holte.

„Welches Schloss? Ach ja! Nein, das kenne ich nicht. Aber der Südwind vielleicht.“

Er trug Liv übers Meer und redete weiter.

Der Südwind saß vor seiner Hütte auf einer Bank und ließ sich die Sonne auf die Füße scheinen.

„Setz dich erst einmal“, sagte er zu Liv. „Du siehst müde aus.“

Er gab ihr Suppe und machte ihr ein Bett zurecht. Am Morgen hörte er sich ihre Geschichte an.

„Frag den Nordwind“, riet er. „Der kommt überall herum.“ Dann brachte er Liv zu ihm.

Beim Nordwind hingen Eiszapfen von der Dachrinne. Der Alte öffnete die Tür nur einen Spalt.

„Was wollt ihr?“

„Ein Schloss suchen“, sagte Liv.

„Es gibt genug Schlösser.“

„Dieses liegt östlich von der Sonne und westlich vom Mond.“

Da riss der Nordwind die Tür auf. „Da war ich einmal! Scheußlich weit weg. Hat mich drei Tage gekostet und einen ordentlichen Schnupfen.“

Er musterte Liv. „Na gut. Aber halt dich fest.“

Er stieg mit ihr höher, als Liv je einen Vogel hatte fliegen sehen. Unter ihnen lagen Fjorde und Berge, dann nur noch Wolken. Der Nordwind schnaufte und schimpfte. Doch als Liv fror, legte er seinen Mantel um sie.

Am Abend landeten sie vor einem Schloss über den Wolken. Im Hof saß der weiße Bär. Er sprang auf, als er Liv sah.

„Du hast mich gefunden!“

Im selben Augenblick löste sich die Verzauberung. Wo eben der Bär gewesen war, stand nun ein junger Mann mit zerzaustem Haar.

Die Zauberin erschien am Fenster. „Unmöglich!“, rief sie. Aber ihr Zauber galt nur, solange niemand das Schloss fand. Sie musste den Prinzen freilassen.

Der Nordwind räusperte sich. „Wenn ihr fertig seid, würde ich gern nach Hause. Hier zieht es.“

Also flogen sie zu dritt zurück an den Fjord. Als der Prinz wieder mit Liv Schach spielte, verlor er in sieben Zügen.

„Daran hat der Zauber nichts geändert“, sagte Liv.

„Leider nein“, gab der Prinz zu.

Diese Geschichte ist eine freie Neuerzählung des norwegischen Volksmärchens „Östlich von der Sonne und westlich vom Mond“. Für diese Fassung habe ich die Handlung vereinfacht, einige düstere Stellen weggelassen und den vier Winden mit ihren unterschiedlichen Eigenheiten mehr Raum gegeben.

Woher kommen die vier Winde?

Vier Winde: Süden, Westen, Norden und Oste

Der Nordwind kommt aus dem Norden, der Südwind aus dem Süden. Genauso verhält es sich mit dem Ostwind und dem Westwind. Die Winde werden nämlich nach der Richtung benannt, aus der sie wehen – nicht nach der Richtung, in die sie ziehen. Deshalb bringt ein Nordwind bei uns häufig kalte Luft mit, während ein Südwind auch angenehm warme Luft herantragen kann.

Besonders in Norwegen spielt der Wind eine wichtige Rolle. An der langen Küste wehen häufig kräftige Westwinde, die feuchte Luft vom Atlantik mitbringen. Treffen sie auf die hohen Berge, steigen die Luftmassen auf. Dabei bilden sich Wolken, und es kann kräftig regnen oder schneien.

Früher mussten Seeleute die Windrichtungen besonders gut kennen. Sie beobachteten die Wolken, die Wellen und die Bewegung der Segel. Auch eine Wetterfahne konnte ihnen helfen, die Richtung des Windes zu bestimmen.

Heute messen Wetterstationen mit besonderen Geräten, aus welcher Richtung und wie schnell der Wind weht. Die vier Winde aus dem Märchen gibt es also tatsächlich – nur tragen sie keine Mäntel, erzählen keine Geschichten und können leider auch niemanden zu einem verwunschenen Schloss bringen.

Die Reise zum Schloss über den Wolken als PDF

Livs Suche führt sie von einem Wind zum nächsten, bis der alte Nordwind endlich den richtigen Weg kennt. Hier steht das ganze Märchen als PDF zum Herunterladen bereit – für eine gemütliche Vorlesestunde oder zum Selberlesen.

Östlich - westlich

Märchenbilder zwischen Fjord und Wolken

Manchmal lässt sich eine Geschichte auch durch ihre Bilder entdecken. Die drei Illustrationen gehören zu „Östlich von der Sonne und westlich vom Mond“ und zeigen verschiedene Seiten dieses freundlichen Märchens. Alle Motive können Sie gerne auf Pinterest teilen.

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