Der Riese auf der Wiese

Eigentlich möchte Nils nur genügend Heu für seine Kuh einbringen. Doch nach einer unbedachten Wette mit seinem reichen Nachbarn steht plötzlich seine ganze Wiese auf dem Spiel. Da begegnet ihm am Bach ein geheimnisvoller alter Mann, der einen ungewöhnlichen Rat für ihn hat. Ob Nils sich darauf verlassen kann?

Es war einmal in Schweden eine Wiese, die gehörte zwei Bauern. Eine Reihe Feldsteine teilte sie. Auf der einen Seite wirtschaftete Nils mit seiner einzigen Kuh, auf der anderen Bengt mit sechs Kühen und drei Knechten. Bengt schielte trotzdem auf Nils‘ Gras.

Eines Tages schlug er eine Wette vor. Wer am nächsten Abend mehr Gras gemäht hätte, sollte die ganze Wiese bekommen. Helfer durfte jeder mitbringen, so viele er wollte.

Nils wollte nicht. Doch Bengt machte sich vor den Knechten so lange über ihn lustig, bis er einwilligte. Bald tat es ihm leid. Wie sollte er mit seiner alten Sense gegen vier Männer ankommen?

Am Bach traf er einen Alten, der auf einem Stein saß und die nackten Füße ins Wasser hielt. Beim Wetzen der Sense erzählte Nils ihm von der Wette. Der Alte hörte zu und zeigte zum Waldrand. Dort liege ein großer Findling. Nils solle am Morgen dreimal daran klopfen und rufen: »Hoppriese, komm heraus! Auf der Wiese gibt es Arbeit!«

Wer wohl dieser Hoppriese sei, wollte Nils noch wissen. Aber da nahm der Alte schon seine Schuhe und verschwand zwischen den Birken.

Am nächsten Morgen warteten Bengt und seine Knechte mit geschärften Sensen auf der Wiese. Bengt trug seinen schönsten Strohhut. Nils ging zum Findling, nahm einen Stock und klopfte dreimal dagegen. Dann rief er nach dem Hoppriesen.

Der Riese auf der Wiese erscheint, Märchen aus Schweden

Nichts geschah. Nils glaubte schon, der Alte habe ihn zum Narren gehalten. Da knackte es im Wald. Eine Tanne bog sich zur Seite, dann eine zweite. Dazwischen kam ein riesiger, verstrubbelter Kopf zum Vorschein.

Der Hoppriese hatte wohl lange geschlafen. Er gähnte, und aus seinem Bart fielen Tannennadeln. Nils wäre am liebsten davongelaufen. Aber der Riese sah so friedlich drein, dass er seinen Hut zog und höflich um Hilfe beim Mähen bat.

Der Hoppriese kratzte sich im Bart. Er holte seine Sense hinter einem Felsen hervor und ging zur Wiese. Drei Schritte brauchte er dafür.

Beim ersten Schwung fiel ein Streifen Gras um, breit wie ein Feldweg. Nils lief mit seinem Rechen hinterher, so schnell er konnte. Drüben rührten Bengt und die Knechte keine Sense mehr.

Bengt schimpfte, ein so großer Helfer sei nicht erlaubt. Aber die Regel mit den Helfern hatte er selbst gemacht. Von ihrer Größe war nie die Rede gewesen. Da biss Bengt sich auf die Lippen und ging zum Zaun.

Heimlich band er mit einem langen Seil den Stiefel des Riesen an einen Zaunpfahl. Nun sollte der große Kerl nur versuchen, noch einen Schritt zu tun!

Er tat ihn. Krachend flog der Pfahl aus der Erde, ein Stück Zaun gleich hinterher. Bengt packte das Seil, um seinen Zaun zu retten. Da hob der Hoppriese den Fuß. Bengt wurde in die Höhe gezogen, ruderte mit den Beinen und verlor seinen Strohhut. Dann ließ er los und fiel kopfüber in einen Grashaufen.

Nils zog ihn heraus. Verletzt hatte Bengt sich nicht. Er musste Gras aus seinem Kragen und den Stiefeln schütteln.

Am Abend war Nils‘ Hälfte vollständig gemäht. Bei Bengt stand noch reichlich Gras. Bengt musste zugeben, dass Nils gewonnen hatte.

Nun hätte Nils die ganze Wiese behalten können. Doch dann hätten Bengts sechs Kühe kein Winterfutter gehabt. Also ließ er ihm sein Stück und verlangte nur, dass die Grenzsteine nie wieder verrückt würden.

Der Hoppriese setzte sich an den Bach, trank daraus wie aus einer Tasse und stapfte dann in den Wald zurück. Eine Weile sah man noch die Tannenspitzen schwanken.

Im nächsten Sommer mähte Bengt wieder selbst. Ein Seil nahm er allerdings nicht mehr mit auf die Wiese.

Das Märchen „Der Riese auf der Wiese“ beruht auf dem schwedischen Volksmärchen „Alter Riesenhupf!“, das August Bondeson 1882 veröffentlichte. Für kurze-geschichten.de habe ich die Geschichte frei neu erzählt und einige Einzelheiten verändert. Mir ist wichtig, dass die Märchen hier auch für jüngere Kinder geeignet sind: spannend und humorvoll, aber ohne unnötige Grausamkeiten. Deshalb hat diese Geschichte auch ein freundlicheres Ende bekommen.

Findlinge – große Steine auf Wanderschaft

Der Findling auf der Wiese

Manchmal liegt mitten auf einer Wiese oder am Waldrand ein gewaltiger Felsbrocken, obwohl weit und breit kein Felsengebirge zu sehen ist. Solche Steine nennt man Findlinge. Sie sind nicht etwa dort gewachsen, sondern haben vor vielen Tausend Jahren eine lange Reise hinter sich gebracht. Manche wurden vom Eis über mehrere Hundert Kilometer transportiert.

Während der letzten Eiszeit waren große Teile Nordeuropas von mächtigen Eismassen bedeckt. Die Gletscher bewegten sich ganz langsam vorwärts und nahmen dabei Felsbrocken mit, die sie unterwegs aus dem Gestein gelöst hatten. Als das Klima wärmer wurde und das Eis schmolz, blieben die Steine zurück. So gelangten beispielsweise Findlinge aus Schweden und anderen Teilen Skandinaviens bis nach Norddeutschland.

Früher wussten die Menschen nicht, wie diese gewaltigen Steine an ihren Platz gekommen waren. Deshalb entstanden viele Sagen über Riesen und Trolle, die Felsbrocken durch die Luft schleuderten oder sie auf ihren Wanderungen verloren. Besonders große Findlinge galten manchmal als geheimnisvolle Orte, an denen sich ungewöhnliche Dinge ereignen konnten. Kein Wunder also, dass auch der Hoppriese aus dem Märchen seinen Auftritt an einem solchen Stein hat.

Wenn der Hoppriese zur Sense greift

Was geschieht, wenn ein Riese beim Mähen hilft und ein reicher Bauer ihm ein Seil um den Stiefel bindet? Das Märchen vom Hoppriesen können Sie hier herunterladen, ausdrucken und in aller Ruhe vorlesen.

Der Riese

Eine Wiese voller Märchenbilder

Der Hoppriese mit seinem zerzausten Bart, der arme Bauer Nils und eine Wiese, auf der es allerhand zu tun gibt: Die drei Bilder zeigen verschiedene Szenen aus dem Märchen. Vielleicht ist auch ein Motiv dabei, das Sie sich für Ihre Märchensammlung merken möchten?

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