Der unsichtbare Hochzeitsgast

Es war einmal in einem norwegischen Dorf ein Bauer namens Nils, der mit seiner Frau Ragna zu einer großen Hochzeit eingeladen war. Doch Ragna hatte sich einige Tage zuvor bei einem Sturz das Bein gebrochen und musste nun mit einem dicken Gipsverband zu Hause bleiben. Das ärgerte sie besonders, denn die Brautmutter war für ihre gute Küche bekannt, und bei ihr gab es immer so viel zu essen, dass selbst die größten Esser satt wurden.

Am Morgen des Festes zog Nils seinen besten Rock an, putzte seine Schuhe und kämmte sich sorgfältig das Haar. Ragna betrachtete ihn vom Küchentisch aus, wo sie ihr eingegipstes Bein auf einem Schemel liegen hatte. Sie gab ihm noch den Rat mit, sich beim Essen ein wenig zurückzuhalten und ihr nach Möglichkeit ein Stück Kuchen mitzubringen. Nils versprach das Letztere gern. Schließlich wurde nicht alle Tage Hochzeit gefeiert.

Vergnügt machte er sich auf den Weg, der ihn an einem Bach und mehreren grünen Wiesen vorbeiführte. Dort fiel ihm etwas auf, das halb im Gras verborgen lag. Es war ein alter brauner Hut, so zerknittert und mitgenommen, als hätte ihn seit vielen Jahren niemand mehr getragen.

Nils hob ihn auf, klopfte ihn aus und betrachtete ihn von allen Seiten. Besonders schön war er nicht, doch vielleicht konnte Ragna noch etwas daraus machen. Weil er das unförmige Ding nicht den ganzen Weg in der Hand tragen wollte, setzte er es kurzerhand auf den Kopf und ging weiter.

Auf dem Hochzeitshof herrschte bereits ein fröhliches Treiben. Die Gäste standen in kleinen Gruppen beisammen, aus der Scheune klang Geigenmusik, und aus der Küche zog ein köstlicher Bratenduft herüber. Nils strich seinen Rock glatt und ging auf den Bräutigam zu, der gerade einen Nachbarn begrüßte.

Höflich wartete er, bis dieser weitergegangen war, und streckte dann seinerseits die Hand aus. Doch der Bräutigam sah an ihm vorbei und wandte sich schon dem nächsten Gast zu.

Das wunderte Nils sehr. Gewiss hatte der junge Mann bei all dem Trubel nicht recht aufgepasst, dachte er und suchte die Braut, um ihr wenigstens mit einem freundlichen Winken seine Glückwünsche zu übermitteln. Aber auch sie nahm keinerlei Notiz von ihm, obwohl er eine ganze Weile vor ihr stand.

Nun war Nils ein gutmütiger Mann, doch er hielt viel auf anständige Umgangsformen. Dass man einen eingeladenen Gast derart überging, gefiel ihm ganz und gar nicht.

Vielleicht würde sich die Sache beim Essen bessern.

Zunächst stellte er sich zu den Gästen, denen eine Magd Getränke ausschenkte. Die Becher gingen von Hand zu Hand, und jeder bekam etwas, nur Nils nicht. Als er endlich an der Reihe zu sein glaubte, nahm die Magd den Krug und ging auf die andere Seite des Hofes.

Nils wurde allmählich ärgerlich. Er hätte natürlich nach ihr rufen können, doch er wollte sich nicht aufdrängen. Wenn man ihn nicht bedienen mochte, sollte man es eben bleiben lassen.

Endlich wurden die Gäste zu Tisch gebeten. Die Köchin führte einen nach dem anderen an seinen Platz, rückte Stühle zurecht und brachte zusätzliche Teller herbei. Nur für Nils schien sie keinen Platz zu finden.

Dabei stand neben der großen Kartoffelschüssel noch ein leerer Stuhl!

Nils betrachtete den prächtigen Braten, das frisch gebackene Brot und die Schüsseln mit den köstlichsten Speisen. Sein Magen meldete sich recht vernehmlich, aber sein Stolz war inzwischen größer als sein Hunger.

Wer seine Gäste so schlecht behandelte, konnte seinen Braten behalten.

Ohne ein Wort des Abschieds verließ er den Hof und machte sich auf den Heimweg.

Als er die Haustür öffnete, saß Ragna am Küchentisch und stopfte eine Socke. Ihr eingegipstes Bein ruhte noch immer auf dem Schemel. Sie hörte die Tür und die vertrauten Schritte ihres Mannes, konnte aber niemanden sehen.

„Da bin ich wieder“, sagte Nils.

Ragna fuhr erschrocken zusammen. Sie blickte zur Tür und dann unter den Tisch, als könnte sich ihr Mann dort versteckt haben.

„Nils, wo bist du denn?“

„Hier stehe ich doch, direkt vor dir!“

Nun wurde Ragna wirklich unheimlich zumute. Sie streckte vorsichtig die Hand aus und bekam tatsächlich einen Rockärmel zu fassen. Doch von ihrem Mann war weit und breit nichts zu sehen.

Nils erzählte ihr, wie schändlich man ihn auf der Hochzeit behandelt hatte. Ragna hörte aufmerksam zu, und als er schließlich den seltsamen Hut erwähnte, bat sie ihn, diesen einmal abzunehmen.

Kaum hatte Nils den Hut vom Kopf gezogen, stand er wieder sichtbar vor seiner Frau.

Ragna schlug die Hände zusammen. Dann begann sie so herzlich zu lachen, dass Nils zunächst gar nicht wusste, was er davon halten sollte.

Nun verstand auch er, was geschehen war.

In Norwegen erzählte man sich seit alter Zeit von den Huldren, geheimnisvollen Wesen, die verborgen in Bergen und Wäldern lebten. Ihnen gehörten allerlei wunderliche Dinge, darunter auch Hüte, mit denen man unsichtbar werden konnte. Offenbar hatte Nils einen solchen gefunden.

Er legte den Hut vorsichtig auf die Bank. Doch als Ragna ihn näher betrachten wollte, war er verschwunden. So sehr die beiden auch suchten, sie konnten ihn nicht wiederfinden.

Nils hatte inzwischen ganz andere Sorgen. Der Gedanke an den schönen Braten ließ ihm keine Ruhe, und da er nun wusste, weshalb ihn niemand beachtet hatte, beschloss er, noch einmal zur Hochzeit zu gehen.

Diesmal wurde er schon am Hoftor herzlich begrüßt. Die Braut freute sich über sein Kommen, und die Köchin führte ihn sogleich an den Tisch, wo man ihm einen Teller mit reichlich Braten vorsetzte.

Sein Nachbar wunderte sich, dass er so spät erschien, und wollte wissen, wo er denn die ganze Zeit gesteckt habe.

Nils nahm sich erst einmal ein ordentliches Stück Fleisch.

„Das“, sagte er zufrieden, „erzähle ich dir, wenn ich satt bin.“

Und als er sich schließlich auf den Heimweg machte, trug er in einem sauberen Tuch zwei große Stücke Hochzeitskuchen für Ragna. Eines hatte die Köchin ihm eingepackt, das andere hatte Nils vorsichtshalber selbst ausgesucht.

„Der unsichtbare Hochzeitsgast“ ist ein altes Volksmärchen aus Norwegen, das hier in einer neuen Fassung für Kinder erzählt ist. Die Sprache wurde an heutige Lesegewohnheiten angepasst und die Handlung etwas ausführlicher gestaltet.

Das verborgene Volk und seine Zaubergegenstände

Das verborgene Volk der Huldra

Die Huldra gehörte nach den alten norwegischen Sagen zum Huldrefolk. Das war ein geheimnisvolles Volk, das versteckt in Bergen und Wäldern lebte. Man erzählte, dass diese Wesen eigene Häuser und Tiere besaßen. Manchmal begegneten sie Bauern oder Hirten, die sich anschließend die seltsamsten Geschichten zu erzählen hatten.

In manchen Sagen besaß das Huldrefolk Gegenstände mit besonderen Kräften. Einer davon war der Huldrehatt, ein Hut, der seinen Träger unsichtbar machen konnte. Ein Mensch, der einen solchen Hut fand, wusste vielleicht zunächst gar nicht, was er da auf dem Kopf hatte. Genau das passiert auch Bauer Nils, der sich auf der Hochzeit wundert, warum niemand mit ihm spricht.

Der geheimnisvolle Hut zum Nachlesen

Der alte braune Hut sorgt für eine ziemlich ungewöhnliche Hochzeit. Wer das Märchen noch einmal lesen möchte, kann die Geschichte hier kostenlos als PDF herunterladen und für später aufbewahren.

Unsichtbarer Gast

Drei Märchenbilder rund um Nils’ Zauberhut

Zum Märchen „Der unsichtbare Hochzeitsgast“ gibt es drei unterschiedlich gestaltete Bilder für Pinterest. Sie greifen verschiedene Szenen und Motive der Geschichte auf. Die Bilder können einzeln auf Pinterest geteilt oder auf einer Pinnwand für später gespeichert werden.

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