Die Frösche und der Brunnen

Der Teich der beiden Frösche war zu einer schlammigen Pfütze geschrumpft. Darin hockten sie nun dicht nebeneinander. Wenn einer die Hinterbeine ausstreckte, musste der andere zur Seite rücken.

Seit Wochen hatte es nicht geregnet. Das Schilf raschelte trocken im Wind, und wo sie früher getaucht waren, klafften Risse im Boden. Der dickere Frosch drückte den Bauch in den Schlamm. Unter ihm war es noch ein wenig feucht.

Bis zum Abend würde auch das vorbei sein.

Sein Gefährte hatte bereits den Teichrand erklommen. Er wartete dort unter einem Blatt. Schließlich gab sich der Dickere einen Ruck und hüpfte hinterher. Es half ja nichts. Sie mussten einen neuen Teich finden.

Ihr Weg führte durch hohes Gras und unter einer Hecke hindurch. Im Schatten ließ es sich aushalten. Doch dann kamen sie an einen Feldweg, über den die Sonne brannte.

Der dickere Frosch betrachtete die andere Seite. Ein weiter Weg für kurze Froschbeine.

„Hätten wir bloß gestern aufbrechen können“, brummte er.

Sein Gefährte ersparte ihm eine Antwort. Gestern hatte der Dickere noch auf Regen gewartet.

Sie überquerten den Weg so schnell sie konnten und landeten keuchend im Schatten eines Holunderbusches. Vor ihnen lag ein verwilderter Garten. Brennnesseln wuchsen zwischen den Beeten, ein umgestürzter Zaun verschwand im Gras. Weiter hinten entdeckten sie einen alten Brunnen.

An seiner Außenseite waren Steine herausgebrochen. Schutt lag am Fuß der Mauer. Darüber konnten die Frösche nach oben gelangen, Sprung für Sprung, mit kleinen Pausen in den schattigen Lücken.

Der Dickere war zuerst am Rand.

Er blickte hinunter und vergaß seine müden Beine.

Tief unter ihm lag Wasser. Kein kümmerlicher Rest wie in ihrem Teich, sondern eine dunkle, ruhige Fläche. An einer Stelle spiegelte sich der Himmel darin. Kühle Luft strich ihm entgegen.

Sein Gefährte setzte sich neben ihn.

Eine Weile schauten beide nur hinab. Der dickere Frosch schluckte. Wie gut es tun würde, endlich wieder ganz unterzutauchen! Er wollte bis zum Grund hinunterschwimmen und dort sitzen bleiben, bis ihm die Hitze aus den Knochen gewichen war.

Schon rückte er an die innere Kante.

„Komm. Wir springen!“

Aber sein Gefährte kam nicht. Er beugte sich vor und betrachtete die Brunnenwand. Dann hüpfte er ein Stück am Rand entlang und schaute von dort hinunter.

Dem Dickeren ging das zu langsam. Das Wasser war doch deutlich zu sehen. Worauf wartete der andere noch?

Er zog die Hinterbeine an.

„Halt!“

Der Ruf ließ ihn zusammenzucken. Er hatte sich noch nicht abgestoßen, aber ein Vorderfuß rutschte über die Kante. Hastig zog er ihn zurück.

Nun war er ärgerlich.

Sein Gefährte blieb ruhig.

„Wenn das Wasser hier auch verschwindet – wie kommen wir wieder heraus?“

Der dickere Frosch öffnete den Mund. Dann schloss er ihn.

Daran hatte er nicht gedacht.

Er sah sich die Mauer genauer an. Außen hatten ihnen die herausgebrochenen Steine beim Aufstieg geholfen. Innen aber reichte die Wand fast glatt bis zum Wasser hinunter. Hier und da wuchs Moos in einer Fuge. Kein Absatz war breit genug für einen Frosch.

Und der Rand lag viel zu hoch über der Wasserfläche. Selbst mit seinem besten Sprung würde er ihn niemals erreichen.

Der Dickere schob sich zurück.

Vielleicht führte der Brunnen auch im heißesten Sommer Wasser. Vielleicht aber sank es Tag für Tag tiefer, so wie in ihrem Teich. Dann würden sie unten hocken und nach oben schauen. Den Himmel könnten sie sehen. Mehr nicht.

Lange blieb sein Blick auf dem kühlen Wasser liegen.

Schließlich wandte er sich ab und hüpfte zum ersten Vorsprung auf der Außenseite. Sein Gefährte folgte ihm.

Im Garten rasteten sie unter einem Rhabarberblatt. Der dickere Frosch streckte die Beine aus. Sie taten ihm noch immer weh.

Aber er konnte weiterhüpfen.

Die Fabel nach Äsop handelt von zwei Fröschen, die auf der Suche nach Wasser einen tiefen Brunnen entdecken. Hier wird sie von Betina Graf mit anschaulichen Szenen und zwei eigenwilligen Froschpersönlichkeiten neu erzählt.

Was hinter Äsops Froschfabel steckt

Die Frösche und der Brunnen, Fabel nach Äsop

Eine Fabel ist eine kurze Geschichte, in der Tiere wie Menschen sprechen und handeln. Dabei haben sie unterschiedliche Eigenheiten: Einer ist ungeduldig, ein anderer vorsichtig, ein dritter hält sich für besonders schlau. Bei den beiden Fröschen zeigt sich dieser Unterschied am Brunnenrand. Der eine möchte sofort ins Wasser, sein Gefährte prüft erst, ob sie auch wieder herauskommen könnten.

Die Fabel „Die Frösche und der Brunnen“ wird dem griechischen Fabelerzähler Äsop zugeschrieben. Ihre entscheidende Frage ist einfach: Was geschieht nach dem Sprung? Das Wasser könnte den Fröschen zunächst helfen. Trocknet aber auch der Brunnen aus, werden die steilen Wände zum Problem.

Der vorsichtige Frosch kann nicht wissen, ob das tatsächlich passieren wird. Er sieht jedoch, dass ihnen ein Ausweg fehlt. Deshalb lohnt sich sein genauer Blick schon vor dem Sprung.

Geschichte "Die Frösche und der Brunnen" kostenfrei als PDF

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Frösche am Brunnen

Die Fabel „Zwei Frösche und der Brunnen“ kurz mit Moral

Als ihr Teich austrocknet, suchen zwei Frösche nach einem neuen Zuhause. Sie entdecken einen tiefen Brunnen, in dem noch Wasser schimmert. Einer möchte sofort hineinspringen. Doch sein Gefährte fragt, wie sie wieder herauskommen sollen, falls auch dieses Wasser versiegt. Die steilen Wände würden sie nicht hinaufgelangen. Deshalb ziehen die beiden weiter.

Die Moral: Wer eine Lösung findet, sollte auch ihre Folgen bedenken, bevor er handelt.

Zwei Frösche hüpfen auf Ihre Pinnwand

In der letzten Pfütze, unterwegs durch den Garten und am tiefen Brunnen: Jedes der drei Bilder zeigt einen anderen Abschnitt der Fabel. Speichern Sie das Motiv, das Ihnen am besten gefällt, auf Pinterest oder teilen Sie die Geschichte mit anderen Lesebegeisterten.

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