Die Mäuseversammlung

Die Katze schleicht so geschickt durchs Haus, dass die Mäuse sie meist viel zu spät bemerken. Das soll sich ändern. Eine junge Maus erklärt ihren Plan, und ringsum nicken die anderen begeistert. Doch zwischen Nicken und Machen liegt in diesem Fall eine Katze.

Unter dem Küchenboden war es still geworden. Dabei lebten unter den Dielen mehrere Mäuse, und gewöhnlich gab es immer etwas zu trippeln, zu knabbern oder zu streiten. Nun saßen sie in ihren Löchern und lauschten.

Seit drei Tagen gehörte eine Katze zum Haus.

Die Mäuseversammlung, Äsop-Fabel, hier lauert die Katze

Sie war grau, hatte weiße Pfoten und verstand es, sich gerade dort hinzulegen, wo eine Maus sie nicht sehen konnte. Hinter dem Holzkorb zum Beispiel. Oder unter der Bank, neben der jeden Morgen die Brotkrümel lagen.

Die Mäuse hatten schon einiges versucht. Eine war bis zum Türspalt geschlichen. Eine andere hatte sich hinter einem Kartoffelsack hervorgewagt. Beide waren Hals über Kopf zurückgerannt.

Inzwischen hatten sie Hunger.

Am Abend rief die älteste Maus zur Versammlung. Sie trafen sich hinter der Kellerwand, in einem Hohlraum, den die Katze nicht erreichen konnte. Es war eng. Eine kleine Maus musste auf einer umgekippten Walnussschale sitzen, und bei jedem Satz ihres Nachbarn wackelte sie bedenklich.

Die älteste Maus wartete, bis alle einen Platz gefunden hatten. „So geht es nicht weiter.“ Darin waren sie sich einig. Wie es weitergehen sollte, wusste allerdings keiner.

Eine Maus schlug vor, nur noch nachts nach Futter zu suchen. Doch die Katze war nachts ebenso wach wie am Tag. Eine andere wollte einen neuen Gang bis zur Speisekammer graben. Die Mäuse betrachteten die dicke Mauer. Bis sie dort hindurch wären, hätten sie längst ihre letzten Vorräte aufgefressen.

Aus der hintersten Ecke kam der Vorschlag, der Katze den Schwanz festzubinden. Darauf antwortete niemand. Die kleine Maus auf der Walnussschale rückte bloß etwas näher an ihre Mutter.

Schließlich erhob sich eine junge Maus. Sie hatte bisher zugehört und an einem Stück Bindfaden gezupft, das neben ihr auf dem Boden lag. Ihr war etwas eingefallen.

Das Schlimmste an der Katze, erklärte sie, seien ihre leisen Pfoten. Man höre sie nicht kommen. Eben liege noch eine freie Strecke zwischen Mäuseloch und Brotkrume, und schon schiebe sich eine graue Schnauze dazwischen.

Ein paar Mäuse nickten heftig. Einer zuckte dabei der Schwanz.

„Wir müssen ihr ein Glöckchen um den Hals hängen“, sagte die junge Maus. „Dann hören wir jeden Schritt und können uns rechtzeitig verstecken.“

Für einen Augenblick blieb es still. Dann brach ein solches Gepiepse los, dass die älteste Maus erschrocken zur Kellerdecke hinaufsah.

Ein Glöckchen! Natürlich! Die dicke Maus vom Mehlsack klopfte der jungen auf den Rücken. Zwei andere hüpften begeistert durcheinander. Die kleine Maus fiel von ihrer Walnussschale, rappelte sich auf und piepste gleich mit.

Sogar ein passendes Glöckchen gab es schon. Es hing an einem roten Band neben der Kellertür. Die junge Maus hatte es dort gesehen. Nun redeten alle zugleich.

Sie besprachen, wie laut das Glöckchen klingen müsste und wie fest man das Band verknoten sollte. Die dicke Maus malte sich bereits aus, wieder ungestört unter dem Küchentisch zu frühstücken. Eine andere wollte endlich nachsehen, was in dem offenen Sack hinter dem Herd steckte.

Die Mäuseversammlung, Äsop-Fabel

Die älteste Maus ließ sie eine Weile reden. Dann hob sie die Pfote. „Und wer hängt der Katze das Glöckchen um?“

Die dicke Maus hörte auf zu nicken. Die junge ließ den Bindfaden fallen. Hinten schob sich jemand ein wenig tiefer in den Schatten. Die kleine Maus kletterte auf ihre Walnussschale zurück, diesmal ganz vorsichtig.

Die älteste Maus blickte von einer zur anderen. Niemand meldete sich. Sie wartete noch.

Über ihnen knarrte eine Bodendiele. Sofort duckten sich alle Mäuse. Sie lauschten, bis es wieder ruhig war, und schlichen dann einzeln in ihre Löcher zurück.

Das Glöckchen blieb an der Kellertür.

„Die Mäuseversammlung“ ist eine Fabel nach Äsop. Hier ist sie für Kinder erzählt und illustriert – mit einer hungrigen Mäuseschar, lebhaften Beratungen und einer Frage, nach der plötzlich niemand mehr etwas sagen möchte.

Ein guter Plan braucht mehr als Beifall

Die Mäuseversammlung, Fabel nach Äsop

Die Mäuse haben sich etwas Schlaues ausgedacht: Ein Glöckchen würde die Katze beim Schleichen verraten. Doch bevor es klingeln kann, müsste eine Maus ganz nah an die Katze heran und es ihr umbinden. Genau diesen gefährlichen Teil haben alle bei ihrer Begeisterung übersehen.

Eine Idee kann gut klingen und trotzdem schwer ausführbar sein. Das lässt sich auch beim Bauen ausprobieren: Ein Turm aus Bauklötzen soll bis zur Decke reichen. Aber reichen die Klötze dafür? Wie lassen sich die obersten aufsetzen? Und hält der Turm überhaupt?

Der alte Mäuserich macht den anderen ihren Vorschlag deshalb nicht einfach schlecht. Mit seiner Frage prüft er, ob daraus wirklich etwas werden kann. Die Fabel handelt auch nicht davon, dass sich nur endlich eine Maus trauen müsste. Sie zeigt, wie leicht eine schwierige Aufgabe beschlossen ist, solange jemand anderes sie übernehmen soll.

Ein Glöckchenplan für die nächste Vorleserunde

Holen Sie sich die Fabel von den beratungsfreudigen Mäusen als PDF. Lesen Sie die Geschichte mit Ihren Kindern oder nutzen Sie sie im Unterricht als Anlass, über gute Vorschläge und schwierige Aufgaben zu sprechen.

Mäuse-Versammlung

Die Fabel „Die Mäuseversammlung“ kurz mit Moral

Die Mäuse beraten, wie sie sich vor der Katze schützen können. Eine junge Maus schlägt vor, ihr ein Glöckchen umzuhängen. So könnten alle rechtzeitig hören, wenn sie sich nähert. Die Mäuse sind begeistert. Doch dann fragt der Älteste, wer der Katze das Glöckchen umbinden soll. Niemand meldet sich, und der schöne Plan bleibt unausgeführt.

Die Moral: Ein guter Vorschlag allein genügt nicht. Es muss auch möglich sein, ihn umzusetzen.

Kleine Mäuse, große Beschlüsse

Drei Bilder begleiten die Mäuse bei ihrem gefährlichen Alltag und ihren eifrigen Beratungen. Wählen Sie Ihr Lieblingsmotiv und merken Sie sich „Die Mäuseversammlung“ gerne auf Pinterest für die nächste Vorleserunde.

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