Am zweiten Weihnachtstag war Caras Großmutter schon früh in der Küche verschwunden. Auf dem Tisch lagen Stroh, Schnüre und bunte Bänder, und mitten darin stand Finn, Caras älterer Bruder. Von den Schultern bis zu den Knien war er in Stroh gehüllt. Sein hoher Hut wackelte bei jeder Bewegung.
Cara musste lachen. Finn sah weniger wie ein geheimnisvoller Mummer aus als wie ein wandelnder Heuhaufen.
Seit Cara denken konnte, zogen am zweiten Weihnachtstag die Mummers durch ihr Dorf im Westen Irlands. Verkleidet mit Stroh, Masken und alten Mänteln gingen sie von Haus zu Haus, spielten kleine Szenen, sangen, tanzten und machten genug Lärm, dass niemand ihren Besuch überhören konnte.
Dieses Jahr durfte Cara zum ersten Mal mit.
Ihre Freude hielt allerdings nur bis zu dem Moment, als ihre Großmutter ihr Kostüm hervorholte. Es war das alte von Finn. Die Strohkappe saß knapp auf ihrem Kopf, der Umhang endete viel zu früh, und zwei Halme standen so nach vorn, dass sie Cara ständig an der Nase kitzelten.
Neben Finn und den anderen sah sie aus wie die kleinste Ausgabe eines Mummers.
Am Nachmittag zog die Gruppe los. Es war kalt und trocken, aus vielen Fenstern leuchteten schon die Weihnachtsbäume. Vor jedem Haus wurde geklopft. Sobald sich eine Tür öffnete, drängte die ganze Strohschar hinein.
Cara hatte nur eine kleine Rolle. Sie sollte an der richtigen Stelle durchs Zimmer laufen und Platz für die Mummers machen. Beim dritten Haus rief sie so kräftig, dass ein Hund unter dem Tisch hervorschoss. Finn wich erschrocken aus und wäre beinahe auf dem Schoß einer alten Dame gelandet.
Danach grinste Cara bis zum nächsten Haus.
Erst beim letzten Besuch wurde sie stiller.
Ein kleiner Junge stand mit seinem Vater an der Tür. Als die ersten Mummers hereinkamen, wich er sofort zurück. Finn mit seinem hohen Strohhut machte es nicht besser. Der Junge verschwand fast hinter dem Mantel seines Vaters.
Cara blieb im Flur stehen.
Zum ersten Mal war sie froh, dass ihr Kostüm so klein war.

Sie ging nicht gleich zu ihm, sondern blieb ein Stück entfernt. Während im Wohnzimmer schon die Trommel begann, zupfte Cara an einem losen Strohhalm. Genau da kitzelte einer der widerspenstigen Halme wieder ihre Nase. Sie nieste so plötzlich, dass ihre Strohkappe verrutschte.
Der Junge musste lachen.
Ein paar Minuten später stand er neben Cara im Wohnzimmer. Erst hielt er sich noch dicht bei seinem Vater. Dann beobachtete er, wie Finn bei einem gespielten Kampf mit großem Getöse zu Boden fiel. Als Finn heimlich ein Auge öffnete, obwohl er eigentlich „tot“ sein sollte, kicherte der Junge so laut, dass auch die Erwachsenen lachten.
Cara gab ihm den losen Strohhalm aus ihrem Ärmel. Er hielt ihn hoch, als wäre es der wichtigste Teil der ganzen Verkleidung.
Als Cara kurz darauf ihren Einsatz hatte, kam plötzlich eine zweite Stimme dazu. Noch etwas zaghaft, aber deutlich genug.
Am Ende lief der Junge sogar ein paar Schritte mit den Mummers durchs Zimmer.
Auf dem Heimweg knirschte der Frost unter Caras Schuhen. Finn meinte, im nächsten Jahr müsse Großmutter ihr unbedingt ein größeres Kostüm machen.
Cara zog die viel zu kurze Strohkappe tiefer über die Ohren.
Hinter ihnen stand der kleine Junge noch am Fenster und winkte mit seinem einzelnen Strohhalm.
Cara sah zurück und dachte, dass ihr Kostüm vielleicht doch genau die richtige Größe gehabt hatte.
Wer sind die Mummers?
Mummers sind verkleidete Gruppen, die zu bestimmten Festtagen von Haus zu Haus ziehen. In Irland gehört dieser Brauch besonders in einigen Regionen zur Weihnachtszeit. Die Teilnehmer tragen Masken, Strohverkleidungen oder alte Mäntel und führen kleine Szenen auf, singen, tanzen oder machen Musik.
Das Mumming ist viel älter als Cara und Finn und hat sich über viele Generationen verändert. Früher blieben die Verkleideten meist unerkannt und spielten feste Rollen in kleinen Aufführungen. Heute wird der Brauch je nach Gegend unterschiedlich gepflegt. Gemeinsam ist vielen Mummers-Gruppen aber bis heute das Verkleiden, das gemeinsame Umherziehen und der Besuch bei anderen Menschen.
Cara und die Mummers mit Quiz zum Ausdrucken
Möchten Sie Caras besonderen zweiten Weihnachtstag noch einmal in Ruhe lesen oder die Geschichte gemeinsam vorlesen? Hier können Sie die Weihnachtsgeschichte rund um die irische Mummers-Tradition als PDF herunterladen und ausdrucken.
Die Mummers gehören zu einem alten irischen Brauch, bei dem Verkleidungen, kleine Aufführungen, Musik und Besuche von Haus zu Haus eine wichtige Rolle spielen. Doch was steckt eigentlich dahinter? Im Quiz können Kinder ihr Wissen testen und noch ein paar spannende Dinge über diese besondere Weihnachtstradition erfahren.
Cara, die Mummers und ein ganz besonderer Weihnachtstag
Strohkleider, wackelige Hüte und eine fröhliche Schar, die von Haus zu Haus zieht: Caras erster Nachmittag mit den Mummers steckt voller kleiner Überraschungen. Die Bilder zur Geschichte greifen verschiedene Szenen dieses besonderen irischen Weihnachtsbrauchs auf. Wählen Sie Ihr Lieblingsmotiv und teilen Sie die Geschichte auf Pinterest.
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