Die kleine Meerjungfrau

Tief unten im Meer, wohin selbst an hellen Tagen nur wenig Sonnenlicht gelangte, stand das Schloss des Meerkönigs. Seine Mauern bestanden aus Korallen, seine Fenster aus Bernstein, und auf dem Dach lagen gewaltige Muscheln. Wenn die Strömung wechselte, öffneten und schlossen sie sich. In jeder ruhte eine Perle.

Im Schloss lebte der Meerkönig mit seinen sechs Töchtern. Ihre Mutter war gestorben; die Großmutter kümmerte sich um die Mädchen und achtete streng auf gute Manieren.

»Und was nützt mir das, wenn keiner zuguckt?«, fragte die Jüngste einmal, als sie beim Essen nicht stillsitzen mochte.

Die Großmutter richtete die zwölf Austern, die sie als Zeichen ihrer Würde am Fischschwanz trug. »Es genügt, dass ich zugucke.«

Die Jüngste schwamm lieber hinaus in den Garten.

Hinter dem Schloss hatte jede Schwester ein eigenes Stück Meeresgrund. Die Älteste hielt ihre Beete peinlich ordentlich, eine andere hatte einen steinernen Wal zwischen blaue Blüten gesetzt. Die Jüngste pflanzte rote Blumen in einen Kreis. So stellte sie sich die Sonne vor. In der Mitte stand die Marmorfigur eines Jungen, die mit einem Schiff auf den Meeresgrund gesunken war.

Die Meerjungfrau strich der Figur gern den Sand aus dem Gesicht. Der Junge blickte ein wenig nach oben, als gäbe es dort etwas zu entdecken. Vielleicht hatte er früher einen Vogel beobachtet? Die Großmutter hatte erzählt, dass diese Tiere durch die Luft flogen, in Bäumen lebten und sogar singen konnten.

»Ich möchte einmal einen Vogel hören«, sagte die Jüngste zu ihrer Schwester.

»Ob sie wohl schöner singen als wir?«

»Das weiß ich nicht. Aber eines Tages werde ich es herausfinden.«

Von dem Leben an Land wusste sie nur, was die Großmutter erzählte: Dort dufteten Blumen, Glocken läuteten, und Bäume schwankten im Wind, ohne davonzuschwimmen.

An die Oberfläche durfte eine Meertochter erst mit fünfzehn Jahren.

Jedes Jahr durfte eine ihrer Schwestern hinauf. Die Älteste berichtete von einer Stadt mit Tausenden erleuchteten Fenstern. Die Zweite sah die rote Abendsonne. Die Dritte schwamm einen Fluss hinauf, bis ein bellender Hund sie verscheuchte. Die Vierte liebte das offene Meer, die Fünfte die Eisberge im Winter.

Nach jedem Bericht fragte die Jüngste so lange weiter, bis ihre Schwestern genug hatten.

»Warte, bis du selbst hinaufdarfst!«

Vom Garten aus sah sie manchmal die dunklen Schatten fremder Schiffe vorüberziehen.

An ihrem fünfzehnten Geburtstag hielt sie es vor Ungeduld kaum noch aus. Die Großmutter steckte ihr einen zarten Schmuck ins Haar: kleine Muscheln, helle Blüten und feine Zweige aus dem Meeresgarten, die sanft in ihrem langen Haar schimmerten.

Sobald sie aufbrechen durfte, schoss sie nach oben. Das Wasser wurde immer heller, bis sie schließlich die Oberfläche durchbrach und zum ersten Mal den weiten Himmel über sich sah.

Sie musste blinzeln, so hell war es. Die Sonne sank schon, am anderen Rand des Meeres stieg der Mond auf. Aus der Ferne hörte sie Musik.

Ein Segelschiff lag nicht weit entfernt. Durch ein Fenster sah sie festlich gekleidete Menschen. Sie feierten den sechzehnten Geburtstag eines Prinzen. Er hatte dunkles Haar und ein fröhliches Lachen.

Als der Prinz an Deck trat, schossen Feuerkugeln in den Himmel. Die Meerjungfrau tauchte erschrocken unter, kam aber gleich wieder hoch. Sie wollte sehen, wie die Funken zwischen den Sternen tanzten.

Noch während die letzten Funken fielen, kam Wind auf. Matrosen rannten zu den Segeln. Die Meerjungfrau wollte zurückschwimmen, doch ein Blitz zerriss den Himmel. Schon schlugen hohe Wellen gegen das Schiff.

Ein Mast brach. Das Deck neigte sich, Menschen sprangen ins Wasser. Die Meerjungfrau sah den Prinzen an der Reling. Er versuchte, sich festzuhalten. Dann verschwand er zwischen den Wellen.

Sie tauchte hinterher.

Die kleine Meerjungfrau findet den Prinzen

Unter Wasser trieben Planken und Segeltuch. Sie suchte, bis sie einen hellen Ärmel entdeckte. Der Prinz sank immer tiefer, die Augen geschlossen.

Sie schlang einen Arm um ihn und zog ihn hinauf. Mehr als einmal riss die See ihn ihr beinahe fort. Sie hielt seinen Kopf über Wasser, auch wenn sie selbst untertauchen musste, und kämpfte sich die Nacht hindurch vorwärts.

Bei Tagesanbruch lag Land vor ihnen. Sie fand einen geschützten Strand, zog den Prinzen aus den Wellen und strich ihm das Haar aus dem Gesicht. Noch immer rührte er sich nicht.

Da läuteten Glocken. Hinter dem Strand stand ein weißes Gebäude. Junge Mädchen kamen aus dem Garten. Die Meerjungfrau versteckte sich im Wasser hinter einem Felsen.

Eines der Mädchen entdeckte den Prinzen und holte Hilfe. Als er endlich die Augen öffnete, sah er in ihr Gesicht und lächelte dankbar. Von der Meerjungfrau wusste er nichts.

Erst als der Strand verlassen war, schwamm sie heim.

Ihre Schwestern halfen ihr, das Schloss des Prinzen zu finden. Abends beobachtete sie ihn von den Felsen aus. Einmal sprang sein Hund ins Meer. Als er wieder herauskam, schüttelte er sich dicht neben dem Prinzen, der darüber lachen musste.

Eines Tages fragte sie die Großmutter: »Sterben Menschen auch?«

»Natürlich. Und viel früher als wir. Wir können dreihundert Jahre alt werden.«

»Und danach?«

»Dann werden wir zu Meeresschaum. Die Menschen aber haben eine unsterbliche Seele. Sie lebt nach ihrem Tod weiter.«

Die Jüngste schwieg eine Weile. »Warum haben wir keine?«

Die Großmutter konnte es nicht erklären. Nur wenn ein Mensch eine Meerjungfrau von Herzen liebte und heiratete, konnte sie eine Seele gewinnen.

»Das wird nicht geschehen«, fügte sie hinzu. »Die Menschen würden deinen Fischschwanz hässlich finden.«

Im Garten betrachtete die Jüngste zum ersten Mal die Füße ihrer Marmorfigur genauer als ihr Gesicht. Sie dachte an den Prinzen und an die Seele, die sie sich nun ebenso sehr wünschte wie ein Leben an Land.

Die kleine Meerjungfrau bei der Meerhexe

Einer konnte ihr vielleicht helfen: die Meerhexe. Doch schon der Gedanke an sie ließ die Jüngste frösteln.

Die Hexe wohnte jenseits eines gewaltigen Strudels. Dorthin machte sich die Meerjungfrau heimlich auf. Schlamm wirbelte ihr entgegen. Dahinter lag ein Polypenwald. Die langen Arme der Tiere griffen nach allem, was vorüberkam; dazwischen steckten versunkene Ruder und Knochen. Ein Polyp erwischte ihren Kranz, den sie zurücklassen musste.

Endlich sah sie das Haus der Hexe. Vor der Tür hockte eine dicke Kröte. Wasserschlangen ruhten zwischen den Steinen.

»Da bist du ja«, sagte die Hexe, bevor die Meerjungfrau ein Wort hervorbrachte. »Du möchtest Beine. Deines Prinzen wegen.«

»Kannst du mir welche geben?«

»Ich gebe dir Beine. Doch jeder Schritt wird schmerzen, als gingest du über scharfe Messer. Und deinen Fischschwanz bekommst du nicht zurück.«

»Heiratet der Prinz eine andere, wirst du am Morgen nach seiner Hochzeit zu Meeresschaum.«

Die Meerjungfrau blickte auf ihren Schwanz. Nie wieder durch ihren Garten schwimmen, nie wieder Geschichten bei der Großmutter hören.

»Was verlangst du?«, fragte sie schließlich.

»Deine Stimme.«

Sie erschrak. Ohne ihre Stimme konnte sie dem Prinzen nicht einmal erzählen, wer ihn gerettet hatte.

»Du kannst noch umkehren«, sagte die Hexe.

Doch die Meerjungfrau blieb.

Die Hexe braute einen Trank, am Ende klar wie Wasser. Dann nahm sie der Meerjungfrau mit einem scharfen Zauber die Zunge und damit ihre Stimme. Kein Laut kam mehr über ihre Lippen.

Mit dem Gefäß schwamm sie heimwärts. Vor dem Schloss sah sie ihre Schwestern hinter den Fenstern. Sie wollte hinein, wagte es aber nicht. Sie pflückte aus jedem Garten eine Blume und legte die sechs Blüten vor das Tor.

Dann schwamm sie zum Strand des Prinzen.

Auf der Marmortreppe trank sie den Zaubertrank. Ein entsetzlicher Schmerz durchfuhr sie, und sie verlor das Bewusstsein.

Als sie erwachte, saß der Prinz neben ihr.

Wo ihr Fischschwanz gewesen war, lagen jetzt zwei schmale Beine. Sie zog die Knie an, während der Prinz sie fragte, woher sie kam. Sie konnte ihm nicht antworten.

Er ließ ihr Kleider bringen und nahm sie mit ins Schloss.

Niemand wusste, woher sie kam. Der Prinz nahm sie auf Ausritten mit und zeigte ihr die Gärten. Dort hörte sie zum ersten Mal einen Vogel singen. So sahen sie also aus, die Fische, die fliegen konnten!

Später lernte sie tanzen, und alle bewunderten ihre leichten Schritte. Niemand ahnte, wie sehr jeder einzelne schmerzte. Wenn sie allein war, setzte sie sich hin und rührte die wunden Füße nicht mehr.

Das Schlimmste war das Schweigen, besonders wenn der Prinz von dem Mädchen sprach, das ihn am Strand gefunden hatte.

»Ich glaube, ich werde sie nie vergessen«, sagte er einmal. »Sie war so gut zu mir.«

Sie zeigte zum Meer hinaus und dann auf sich selbst. »Du möchtest wieder an den Strand?«, fragte der Prinz. »Morgen, wenn es nicht regnet.« Sie nickte. Mehr konnte sie nicht tun.

Nachts kühlte sie die wunden Füße im Meer. Dort traf sie ihre Schwestern wieder. Sie erzählten ihr vom Vater und der Großmutter, die sie später einmal aus der Ferne sah. Sie winkte ihnen zu, doch fortschwimmen konnte sie nicht mehr.

Eines Tages musste der Prinz in ein Nachbarreich reisen. Sein Vater wünschte, dass er eine junge Prinzessin kennenlernte.

»Ich werde sie nicht heiraten, nur weil unsere Eltern es möchten«, erklärte er. »Wenn ich je heirate, dann das Mädchen, das mich damals fand.«

Die Meerjungfrau begleitete ihn. Die fremde Prinzessin war lange in einem Kloster erzogen worden und kam erst am nächsten Morgen an den Hof.

Als sie den Saal betrat, sprang der Prinz auf.

»Du bist es!«

Es war das Mädchen vom Strand, das damals Hilfe geholt hatte. Nun nahm der Prinz ihre Hände und konnte vor Freude kaum sprechen.

Bei der Hochzeit hielt sie der Braut den Schleier, während die Hofdamen die Schleppe ordneten. Am nächsten Morgen würde sie sterben. Alle im Saal waren vergnügt, nur sie konnte den Blick nicht vom Fenster lösen.

Die kleine Meerjungfrau und die Hochzeit des Prinzen

Am Abend fuhr die Hochzeitsgesellschaft mit einem Schiff hinaus. Musik klang über das Deck. Der Prinz tanzte mit seiner Frau, die Gäste lachten. Auch die Meerjungfrau tanzte, obwohl die Schmerzen schlimmer waren als je zuvor.

Spät in der Nacht zogen sich die Gäste zurück. Das Brautpaar schlief bereits. Die Meerjungfrau stand allein an der Reling.

Da tauchten ihre fünf Schwestern auf. Sie hatten ihre langen Haare verloren.

»Wir haben der Meerhexe unser Haar gegeben«, flüsterte die Älteste. »Dafür bekamen wir dieses Messer. Tötest du den Prinzen damit vor Sonnenaufgang, bekommst du deinen Fischschwanz zurück. Du kannst nach Hause kommen!«

Die Meerjungfrau nahm das Messer. Ihre Schwestern warteten im Wasser, während sie zum Zelt des Prinzen ging.

Vorsichtig schlug sie den Vorhang zurück. Der Prinz schlief neben seiner Braut. Er hatte eine Hand nach ihr ausgestreckt, und im Schlaf sagte er ihren Namen.

Die Meerjungfrau stand ganz still. Sie sah wieder die zerbrochenen Balken im Sturm vor sich, den Prinzen, der im dunklen Wasser versank. Sie dachte an ihre Schwestern und an den Garten tief unten im Meer. Ein einziger Stoß mit dem Messer, und sie könnte heimkehren.

Sie umklammerte den Messergriff. Als der Prinz sich im Schlaf bewegte, ließ sie die Hand sinken.

Als sie wieder an die Reling trat, sahen die Schwestern hoffnungsvoll zu ihr hinauf. Die Meerjungfrau warf das Messer weit hinaus. Es verschwand zwischen den Wellen. Sie schüttelte den Kopf.

Am Himmel erschien der erste helle Streifen.

Sie stieg über die Reling und ließ sich ins Meer fallen.

Das Wasser schloss sich über ihr. Ihr Körper löste sich in Schaum auf. Doch zu ihrem Erstaunen war sie selbst noch da. Sie stieg empor, höher als je zuvor. Als sie die Hand ausstreckte, konnte sie hindurchsehen.

Die kleine Meerjungfrau und die Töchter der Luft

Um sie her schwebten fremde Gestalten, so leicht wie Morgennebel.

»Wo bin ich?«, wollte sie fragen. Und diesmal hörte sie ihre eigene Stimme.

»Bei den Töchtern der Luft«, antwortete eine Frau mit silbernem Haar. »Auch wir haben noch keine unsterbliche Seele. Wir helfen den Menschen, bringen ihnen frische Luft und kühlen heiße Länder. Wenn wir dreihundert Jahre Gutes getan haben, dürfen auch wir eine Seele bekommen.«

Eine jüngere Tochter der Luft mit roten, dunklen Locken kam näher. Sie machte Platz zwischen sich und den anderen, und die Meerjungfrau glitt zu ihnen hinauf.

Auf dem Schiff suchten der Prinz und seine Frau nach ihr. Sie beugten sich über die Reling und riefen nach dem stummen Mädchen.

Die Meerjungfrau sah ihnen zu. Etwas Warmes lief ihr über die Wange. Sie hob die Hand an ihr Gesicht. Es war eine Träne. Im Meer hatte sie niemals weinen können.

Sie schwebte noch einmal zum Schiff hinab und berührte ungesehen die Stirn der Braut mit einem Kuss. Dann sah sie den Prinzen ein letztes Mal an.

Die Töchter der Luft warteten auf sie. Zusammen zogen sie mit dem Morgenwind über das Meer. Das Schiff wurde kleiner und kleiner, bis es zwischen den Wellen verschwand.

„Die kleine Meerjungfrau“ stammt aus der Feder des dänischen Schriftstellers Hans Christian Andersen und wurde erstmals 1837 veröffentlicht. Für diese Fassung wurde das Märchen in eigenen Worten liebevoll für Kinder neu erzählt. Die wichtigsten Ereignisse und auch das besondere Ende der ursprünglichen Geschichte sind dabei erhalten geblieben.

Die kleine Meerjungfrau in Kopenhagen

Die kleine Meerjungfrau

In der dänischen Hauptstadt Kopenhagen sitzt eine kleine Meerjungfrau aus Bronze auf einem Stein am Wasser. Sie gehört zu den bekanntesten Sehenswürdigkeiten Dänemarks. Geschaffen wurde die Figur nach dem berühmten Märchen von Hans Christian Andersen.

Hans Christian Andersen wurde 1805 in der dänischen Stadt Odense geboren. Er schrieb zahlreiche Märchen, darunter „Das hässliche Entlein“, „Die Prinzessin auf der Erbse“ und „Die kleine Meerjungfrau“. Diese Geschichte erschien erstmals 1837 und wurde später in viele Sprachen übersetzt.

Die Bronzefigur wurde vom dänischen Bildhauer Edvard Eriksen geschaffen und 1913 am Hafen von Kopenhagen aufgestellt. Sie ist nur etwa 1,25 Meter hoch und damit viel kleiner, als manche Besucher erwarten. Bis heute kommen Tourist*innen, um die kleine Meerjungfrau am Wasser zu betrachten.

Ein Märchen zwischen Korallen und Wellen

Ein junger Prinz, eine geheimnisvolle Meerhexe und ein Wunsch, für den die kleine Meerjungfrau alles aufs Spiel setzt. Die Neuerzählung von Hans Christian Andersens berühmtem Märchen steht hier als PDF bereit – kostenlos zum Herunterladen, Ausdrucken und Vorlesen.

Kleine Meerjungfrau

Märchenbilder aus dem Reich der Meerjungfrau

Von den Tiefen des Meeres bis hinauf zum Himmel führt die Geschichte der kleinen Meerjungfrau. Die drei Illustrationen greifen die märchenhafte Stimmung dieser besonderen Erzählung auf. Wer die Bilder schön findet, kann sie auf Pinterest teilen und so anderen Märchenfreunden eine Freude machen.

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