Zwischen Christbaumkugeln und alten Fotos fand Lea auf Omas Dachboden ein Stück Holz voller Kerben. Es war kaum länger als ihre Hand. An einer Kerbe blieb sie mit dem Fingernagel hängen.
Oma erkannte es sofort. Das war ihr Bethölzle. Die letzte Kerbe war ihr als Kind zu tief geraten, deshalb hatte sie das Holz behalten. Früher schnitzten Kinder in Schellenberg für jedes Gebet eine Kerbe ins Holz. Am Abend vor Nikolaus legten sie es vor die Haustür, und nachts holte der Nikolaus die Bethölzle ab.
Lea wollte diesen alten Brauch ausprobieren. Oma holte einen Haselzweig aus dem Schuppen und half ihr beim Schnitzen. Lea nahm sich nur drei Kerben vor, für drei Wünsche, die ihr wirklich wichtig waren. Oma hatte erklärt, dass man beim Beten ja auch um etwas bitten konnte.
Bei der ersten Kerbe wünschte sich Lea, am Nikolausabend bei Oma übernachten zu dürfen. Die zweite stand für eine Nachtwanderung durch den Wald. Mit Taschenlampen, wenn es schon richtig dunkel und ein wenig unheimlich war.
Mit der dritten ließ sie sich Zeit. Oma hatte beim Schnitzen von ihrem Vater erzählt, mit dem sie früher manchmal abends in den Wald gegangen war. Dort hatten sie Waldkäuze gehört. Den Ruf konnte Oma noch nachmachen, obwohl sie seit Jahren keinen mehr gehört hatte. Lea sah, wie gern sie davon sprach.
Lea schnitzte die letzte Kerbe. Wofür, verriet sie nicht.
Am fünften Dezember legte sie ihr Bethölzle vor Omas Haustür. Drinnen erfuhr sie, dass ihre Mutter angerufen hatte: Lea durfte tatsächlich über Nacht bleiben. Ihr Schlafanzug würde später gebracht. Lea schaute zum Holz hinaus. Es lag noch da. Natürlich, es war ja noch hell.

Nach dem Abendessen holte sie ihre Taschenlampe. Oma hatte die festen Schuhe neben ihrem Rucksack längst bemerkt. Für eine kleine Runde ließ sie sich überreden. Warm angezogen gingen sie los.
Hinter den letzten Häusern führte der Weg zwischen die Bäume. Ihre Lampen beleuchteten Wurzeln und feuchtes Laub. Ein Zweig streifte Leas Kapuze. Sie zuckte zusammen und tat schnell so, als müsste sie nur ihre Taschenlampe richten.
An einer kleinen Lichtung zeigte Oma auf die Stelle, wo früher eine Bank gestanden hatte. Dort hatte sie als Mädchen mit ihrem Vater auf den Waldkauz gewartet. Lea versuchte, sich Oma in ihrem Alter vorzustellen. Ob sie damals auch so ungeduldig gewesen war?
Sie lauschte. Der Wind bewegte die Zweige, etwas raschelte im Laub. Sonst blieb es still. An der nächsten Wegbiegung wollte Oma umkehren. Lea suchte noch einmal die Baumkronen ab. Ein Waldkauz wusste schließlich nichts von ihren drei Kerben.
Da kam ein tiefes, lang gezogenes „Huu-huhuhuuu“ aus dem Wald. Oma blieb mitten im Schritt stehen. Lea hielt ihre Taschenlampe ganz still. Bald rief der Vogel noch einmal, diesmal weiter entfernt.
„Das war mein dritter Wunsch“, sagte Lea. „Dass du ihn noch einmal hörst.“
Oma nahm ihre Hand. Sie lauschten noch eine Weile, bis Lea vor Kälte auf der Stelle zu hüpfen begann. Erst dann gingen sie nach Hause.
Das Bethölzle lag noch vor der Tür. In der Küche wärmte Lea ihre Finger an einem Becher Kakao, während Oma von früher erzählte. Die beiden gingen später ins Bett als geplant.
Am Nikolausmorgen war das Holz verschwunden. Lea lief zu Oma in die Küche. Wer das Bethölzle abgeholt hatte, fragte sie lieber nicht.
Beim Frühstück versuchte Lea, den Waldkauz nachzumachen. Oma legte das Marmeladenbrot ab und antwortete so täuschend echt, dass Lea unwillkürlich zum Fenster schaute.
Was ist ein Bethölzle?
In Schellenberg, einer Gemeinde in Liechtenstein, gab es früher einen besonderen Nikolausbrauch. Die Kinder schnitzten für jedes gesprochene Gebet eine Kerbe in ein kleines Stück Holz. Dieses Holz hieß Bethölzle oder Vaterunserholz. Am Abend vor dem Nikolaustag legten sie es vor die Haustür, damit der Nikolaus es über Nacht abholen konnte.
Mit dem Schnitzen der Kerben begannen die Kinder spätestens am ersten Adventssonntag. Bis zum Nikolausabend kamen immer weitere hinzu. Wenn das Bethölzle am Morgen des 6. Dezember verschwunden war, hatte der Nikolaus es mitgenommen. Mit den Kerben wollten die Kinder ihm zeigen, dass sie brav gewesen waren.
Dieser Brauch ist heute vor allem aus historischen Berichten bekannt. In der Weihnachtsgeschichte „Die drei Herzenswünsche“ greift Lea ihn wieder auf, verändert ihn aber ein wenig: Sie schnitzt für drei persönliche Wünsche jeweils eine Kerbe ins Holz.
Leas Nikolausnacht zum Ausdrucken, mit Quiz
Ein alter Brauch aus Schellenberg, eine Übernachtung bei Oma und ein geheimer Wunsch: In „Die drei Herzenswünsche“ erlebt Lea eine ungewöhnliche Nikolausnacht. Hier finden Sie die Geschichte als kostenloses PDF zum Herunterladen und Ausdrucken.
Was hat es mit dem alten Bethölzle auf sich? Und wie gut kennen Sie das kleine Fürstentum Liechtenstein? Auf den vier Quizkarten gibt es interessante Fragen zum Land und zu seinem früheren Nikolausbrauch.
Sie können die Quizkarten kostenlos herunterladen, ausdrucken und sammeln. Zusammen mit den Karten zu anderen Weihnachtsbräuchen entsteht nach und nach eine schöne Sammlung, mit der sich spielerisch viel über die verschiedenen Länder Europas lernen lässt.
Drei Bilder zu Leas Herzenswünschen
Vom Fund auf dem Dachboden bis zur Nachtwanderung durch den Winterwald: Die drei liebevoll illustrierten Pinterest-Bilder zeigen unterschiedliche Szenen aus der Weihnachtsgeschichte „Die drei Herzenswünsche“. Wählen Sie Ihr Lieblingsmotiv und teilen Sie die Geschichte mit anderen, die gerne Weihnachtsgeschichten lesen.
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