Mäuschen Mika und die zweite Schneemaus

Am Morgen des 9. Dezember schlief Mika so fest, dass selbst Linas Schritte auf der Treppe ihn nicht weckten. Das kam selten vor. Gewöhnlich genügte schon eine Tasse, die in der Küche abgestellt wurde, und mindestens ein Ohr richtete sich auf. Nach der Mitternachtsfahrt lag er jedoch zusammengerollt in seinem Nest und bekam von alledem nichts mit.

Seine Mama war früher wach. Sie strich das Papier über ihrem Schlafplatz glatt und sah zu den beiden Walnussschlitten hinüber. Mikas blauer Schlitten stand neben ihrem roten, der kleine Nikolausstiefel lag dicht daneben. Die Wollfäden waren noch feucht vom Schnee. Seine Mama zog den roten Faden zurecht und betrachtete ihren Sohn, der mit leicht geöffnetem Mund schlief.

Draußen wurde die Terrassentür geöffnet.

Kalte Luft zog durch den Spalt am Rahmen. Mika bewegte ein Ohr, dann das zweite. Schließlich schob er die Nase unter dem Papier hervor und setzte sich auf. Sein Fell war links plattgedrückt, rechts stand es in Büscheln ab. Er blinzelte zur blauen Walnussschale hinüber und erinnerte sich an die Nacht.

Er sprang auf, verfing sich aber mit einer Hinterpfote im Wollfaden und landete auf seinem Hinterteil. Seine Mama half ihm, sich zu befreien. Draußen schabte etwas über Schnee. Kurz darauf klirrte der Esslöffel, mit dem Lina am Vortag die Rodelbahn geglättet hatte.

Nun hielt Mika nichts mehr. Er lief zum Vorhang, kletterte daran hoch und zog sich auf die Fensterbank. Hinter dem roten Weihnachtsstern fand er seinen Platz zwischen Topf und Scheibe. Eines der großen Blätter musste er vorsichtig zur Seite drücken, dann konnte er in den Garten sehen.

Lina hockte bereits neben der Rodelbahn und sah sich alles an. Dann entdeckte sie die vielen kleinen Pfotenspuren. Einige führten den Hügel hinauf, andere verliefen kreuz und quer um die Schneemaus. Sie nahm eine Walnussschale hoch, die am Start lag, drehte sie zwischen den Fingern und strich mit dem Daumen etwas Schnee vom Rand.

Mika duckte sich hinter den Weihnachtsstern, obwohl Lina gar nicht zum Fenster sah. Erst nach einigen Atemzügen lugte er wieder hervor.

Seine Mama kam inzwischen ebenfalls auf die Fensterbank. Sie kletterte langsamer als sonst und setzte sich hinter den Topf. Mika bemerkte es sofort.

Mika fragte, ob ihr von der wilden Fahrt noch etwas wehtäte. Seine Mama schüttelte den Kopf. Sie war nur ein wenig steif, nachdem sie in einer Walnussschale über den Schneewall geflogen war. Mika erinnerte sich genau an die Landung und grinste. Dass sie anschließend noch einmal gefahren war, erwähnte er lieber nicht.

Lina hatte begonnen, die Bahn wieder herzurichten. Mit dem Löffel schob sie den lockeren Schnee aus der Kurve, drückte den Rand mit der behandschuhten Hand fest und glättete den Auslauf. Dort musste sie länger arbeiten. Mika konnte genau sehen, wie sie das fehlende Stück des Walls neu aufbaute.

Mika erkannte die Stelle wieder, an der seine Mama über den Rand gesaust war. Er warf ihr einen Seitenblick zu, doch sie verfolgte unbeirrt Linas Arbeit.

Als die Bahn wieder ordentlich aussah, richtete Lina die Schneemaus. Sie nahm den Zweig heraus, drückte frischen Schnee an die Stelle und steckte ihn neu hinein. Danach formte sie das schiefe Ohr mit zwei Fingern nach. Mika beobachtete alles mit großer Aufmerksamkeit. Erst als Lina aufstand und ein paar Schritte zur Seite ging, rückte er näher an die Scheibe.

Sie war offenbar noch nicht fertig.

Lina schob neuen Schnee zusammen. Zuerst entstand nur ein kleiner Haufen. Dann kniete sie sich wieder hin, nahm eine Portion in beide Handschuhe und drückte sie zu einer Kugel. Eine zweite, kleinere setzte sie obenauf.

Mika schob das rote Blatt ein wenig weiter zur Seite.

Zuerst konnte Mika nicht erkennen, was das werden sollte. Als Lina jedoch zwei Ohren an die obere Kugel drückte, begriff er es: Neben seiner Schneemaus entstand eine zweite!

Seine Mama beugte sich ebenfalls vor. Die neue Figur wurde ein wenig größer. Lina drückte zwei dunkle Körner als Augen und wieder eine rote Beere als Nase hinein. Unter dem Strauch fand sie einen dünnen, gebogenen Zweig, den sie als Schwanz hinten in den Schnee steckte.

Lina rückte die beiden Schneemäuse nebeneinander, ein Stück hinter die Bahn. Die kleinere stand links, die größere rechts. Dann zog sie einen Handschuh aus, griff in ihre Jackentasche und holte ein kurzes Stück roten Wollfaden hervor.

Der rote Wollfaden kam Mika bekannt vor. An Mamas Nikolausstiefel hing ein ganz ähnlicher. Lina legte ihn der größeren Schneemaus um den Hals. Mit ihren kalten Fingern brauchte sie zwei Versuche für den Knoten.

„Die Große bist du!“, rief Mika.

Seine Mama musterte die runde Schnauze und die auffallend großen Ohren. Mika konnte sein Lachen kaum zurückhalten. Sie stieß ihn mit der Schulter an, musste dann aber selbst lächeln.

Lina war noch nicht fertig. Sie ging zur Terrasse, kam kurz darauf zurück und trug in jeder Hand eine halbe Walnussschale. Eine stellte sie neben die kleinere Schneemaus, die andere neben die größere.

Bei jeder Schneemaus stand nun ein Walnussschlitten. Lina hatte sogar an unterschiedliche Größen gedacht. Sie setzte sich auf die Fersen und betrachtete die Figuren, die etwas hinter der Rodelbahn standen. Seine Mama schaute lange auf die größere Schale und den roten Wollfaden.

Dann hob Lina plötzlich den Kopf und sah zum Wohnzimmer.

Mika duckte sich nicht. Er blieb hinter den roten Blättern sitzen und schaute hinaus. Von dort konnte Lina höchstens einen Teil seines Kopfes sehen. Trotzdem hob sie eine Hand und winkte kurz.

Mika hob eine Pfote.

Seine Mama blieb hinter dem Topf.

Kurz darauf ging Lina zurück ins Haus.

Kaum war Lina verschwunden, kletterte Mika hinunter und wollte in den Garten. Die Schneemäuse musste man schließlich aus der Nähe betrachten, und vielleicht war die Rodelbahn inzwischen wieder gut befahrbar.

Seine Mama ließ sich nicht umstimmen. Sie waren erst nach Mitternacht heimgekommen; vor dem Mittagessen würde sie keinen Fuß vor die Terrassentür setzen. Mika legte sich auf das Papier, stand aber bald wieder auf.

Das Warten fiel ihm schwer. Mehrmals lief er zum Fenster. Als Lina später am Wohnzimmerfenster stehen blieb, war Mika überzeugt, dass sie nach ihnen schaute.

Nach dem Mittagessen wurde es ruhiger im Haus. Lina war oben, in der Küche klapperte noch eine Weile Geschirr, dann verstummten auch dort die Geräusche. Mika lag mit dem Kopf auf den Vorderpfoten und sah seine Mama an.

Seine Mama erhob sich schließlich, streckte die Vorderpfoten und erlaubte einen kurzen Ausflug zu den Schneemäusen. Schlitten gefahren wurde nicht, das machte sie ihm gleich klar. Mika versprach, sich die Figuren nur anzusehen. Seine Mama kannte ihn gut genug, um diesem Versprechen nicht restlos zu trauen.

Draußen war der Schnee weicher als in der Nacht. Die Sonne stand über den kahlen Ästen, und auf der Terrasse tropfte Wasser von einer Kante. Mika nahm wieder Linas festgetretene Spur, geriet trotzdem zweimal daneben und sank bis zu den Knien ein.

Als sie den kleinen Hügel erreichten, lief Mika zuerst zu seiner Schneemaus. Von hier unten war sie ungefähr so groß wie er selbst, nur viel runder. Das linke Ohr stand höher als das rechte. Mika ging einmal herum und betrachtete den dünnen Zweig, der als Schwanz diente.

Lina hatte ihn ziemlich gut getroffen, fand Mika. Nur das schiefe Ohr hätte er gern etwas nachgebessert.

Seine Mama war inzwischen zur zweiten Schneemaus gegangen. Sie stand vor der Figur und betrachtete den roten Faden um ihren Hals. Daneben lag die Walnussschale, die Lina am Morgen gebracht hatte.

Mika kam herüber und verglich die Figur mit seiner Mama. Die Nase war zu breit, die Ohren tatsächlich zu groß. Trotzdem war die Ähnlichkeit unverkennbar. Seine Mama berührte den roten Wollfaden vorsichtig mit einer Vorderpfote. Mika sagte nichts dazu.

Dann ging Mika zur Rodelbahn. Er stellte eine Pfote in die frisch geglättete Spur. Seine Mama sah ihn an, und er zog die Pfote zurück. Stattdessen hob er die kleinere Walnussschale hoch, betrachtete sie und stellte sie wieder ab. Zumindest vorerst.

Da öffnete sich hinter ihnen die Terrassentür.

Beide Mäuse fuhren herum.

Lina kam heraus. Sie trug nur einen dicken Pullover und Hausschuhe und zog die Tür hinter sich fast ganz zu. Vermutlich wollte sie nur einen kurzen Blick auf ihre Schneefiguren werfen.

Mika und seine Mama verschwanden hinter den beiden Schneemäusen. Mika duckte sich hinter die kleinere, seine Mama hinter die größere. Der Schnee war dort weich, und Mika musste aufpassen, dass er nicht rückwärts in den Hügel rutschte.

Linas Schritte kamen näher, bis Mika ihre Hausschuhe zwischen den Schneefiguren sehen konnte. Sie blieb stehen. Mika hielt den Atem an und hoffte, dass sein Versteck ausreichen würde. Eine Weile hörte er nur das Wasser, das von der Dachkante tropfte.

Dann ging Lina in die Hocke.

Mika zog den Kopf ein und hielt vollkommen still.

„Ich sehe dich“, flüsterte Lina.

Erschrocken sah Mika vorsichtig um die Schneemaus herum. Lina schaute aber nicht auf seinen Kopf. Sie blickte nach unten, wo neben dem Zweigschwanz der Schneefigur ein zweiter, längerer Schwanz hervorlugte. Mikas eigener! Er zog ihn blitzschnell an sich, doch da war es schon zu spät.

Lina lachte.

Seine Mama deutete zur Terrasse. Zwischen den beiden Schneefiguren hindurch war der Weg frei. Lina musste das ebenfalls bemerkt haben, denn sie rückte ein Stück zurück und blieb auf den Fersen sitzen.

Mika zögerte noch einen Moment. Lina hielt die Hände bei sich. Dann schoss er zwischen den Schneemäusen hindurch, seine Mama dicht hinter ihm. Der Schnee spritzte unter ihren Pfoten. Mika nahm Linas Spur, rutschte kurz aus und fing sich wieder. Kurz vor der Terrasse blieb er stehen und sah zurück.

Lina saß noch immer im Schnee, die beiden Schneemäuse neben sich.

Hinter der Terrassentür wartete seine Mama auf ihn. Sie ließ ihn zuerst durch den Spalt schlüpfen und kam danach selbst hinein.

Im Wohnzimmer schüttelten sie den Schnee von den Pfoten. Als seine Mama einen Schneeklumpen von Mikas Schwanz zupfte, mussten beide lachen. Ausgerechnet der Schwanz hatte ihn verraten!

Am Nachmittag begann es wieder zu schneien. Große Flocken zogen am Fenster vorbei und blieben auf der Rodelbahn liegen. Mika kletterte noch einmal hinter den Weihnachtsstern. Seine Mama kam nach einer Weile von selbst hinterher.

Draußen saßen die beiden Schneemäuse dicht nebeneinander. Auf Mikas Figur lag bereits eine weiße Kappe. Die größere hatte Schnee auf den Schultern, doch der rote Faden war noch gut zu sehen.

Mika stellte die Vorderpfoten an die Scheibe. Wenn es so weiterschneite, würden die beiden Figuren morgen vielleicht ganz zugedeckt sein. Seine Mama setzte sich neben ihn. Sie glaubte, Lina würde die Schneemäuse schon wieder freimachen. Mika hoffte das ebenfalls und sah zu, wie die Flocken auf die Walnussschalen fielen.

Die Schneemäuse standen hinter der Rodelbahn nebeneinander, und der rote Faden verschwand langsam unter dem Schnee.

Warum lässt sich aus Schnee eine Maus bauen?

Weihnachtsgeschichte: Mäuschen Mika und die zweite Schneemaus

Aus Schnee lassen sich Schneemänner, Tiere und manchmal sogar ganze Schneeburgen bauen. Allerdings eignet sich nicht jeder Schnee dafür. Während sich manche Schneeflocken leicht zu einer festen Kugel zusammendrücken lassen, rieselt anderer Schnee sofort wieder auseinander. Das liegt vor allem an seiner Temperatur und daran, wie viel Wasser sich zwischen den Schneekristallen befindet.

Besonders gut lassen sich Schneefiguren aus sogenanntem Pappschnee formen. Er entsteht häufig bei Temperaturen um den Gefrierpunkt. Dann enthält der Schnee neben den Eiskristallen auch ein wenig flüssiges Wasser. Dadurch haften die Schneekörner beim Zusammendrücken besser aneinander. Aus solchem Schnee lassen sich feste Kugeln, kleine Ohren und sogar dünne Mäuseschwänze formen, wenn diese vorsichtig angebracht werden.

Die zweite Schneemaus zum Ausdrucken

Mika staunt nicht schlecht, als Lina eine zweite Schneemaus baut. Was es mit den beiden Schneefiguren auf sich hat und warum ein Mäuseschwanz für Aufregung sorgt, erzählt diese Wintergeschichte. Hier können Sie „Mäuschen Mika und die zweite Schneemaus“ kostenlos als PDF herunterladen und ausdrucken.

Zweite Schneemaus

Mikas Winterabenteuer auf Pinterest

Nach ihrer nächtlichen Schlittenfahrt erleben Mika und seine Mama gleich das nächste Abenteuer. Drei Bilder zur Geschichte stehen hier zum Teilen auf Pinterest bereit. Wählen Sie einfach das Motiv aus, das Ihnen am besten gefällt.

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