Mäuschen Mika und die Schnitzeljagd

Am Morgen des 10. Dezember bemerkte Mika gleich nach dem Aufwachen, dass vor ihrem Versteck etwas anders war. Direkt vor dem schmalen Spalt lagen zwei Wollfäden auf dem Teppich: ein dunkelblauer und ein roter. Mika schob den Kopf weiter hinaus.

Am Anfang des blauen Fadens lag eine Haferflocke. Beim roten hatte jemand ein kleines Stück Apfel abgelegt. Von dort liefen beide Fäden dicht an der Fußleiste entlang und verschwanden hinter dem Sessel.

Mika blieb am Eingang sitzen.

Das konnte unmöglich Zufall sein!

Mika zog sich wieder hinter den Spalt zurück und sah zu seiner Mama. Sie schlief noch, halb unter dem Papier verborgen.

„Mama.“

Keine Reaktion.

Mika wartete einen Augenblick. Dann sagte er: „Draußen liegt Apfel.“ Verschlafen räkelte sich seine Mama und schob die Papierdecke beiseite.

Vor dem Versteck lagen die beiden Wollfäden noch immer auf dem Teppich. Beim roten musste sie sofort an ihren Nikolausstiefel denken, beim dunkelblauen an Mikas Walnussschale.

„Das war Lina“, überlegte Mika.

Seine Mama nahm den Apfel auf. Mika saß inzwischen neben ihr und knabberte an der Haferflocke. Dabei ließ er die Fäden nicht aus den Augen.

„Wo die wohl hinführen?“

Im Sommer hatte er Lina schon einmal bei einer Schnitzeljagd beobachtet. Damals war sie mit einer Freundin durch den Garten gelaufen und hatte hinter Töpfen und unter Büschen nach Zetteln gesucht. Mika hatte das ziemlich umständlich gefunden. Heute gefiel ihm die Sache, denn schließlich ging es um eine Schnitzeljagd, die mit Haferflocken und Apfel begann.

Beim Sessel trennten sich die Fäden. Der blaue verschwand darunter, der rote lief weiter zum Fenster. Mika wollte gleich hinter dem blauen her, doch seine Mama erwischte ihn am Schwanz.

„Wir bleiben zusammen.“

Mika sah kurz zum Fenster, dann zum Sessel.

„Dann zuerst blau.“

Unter dem Sessel entdeckte er am hinteren Fuß einen halben Sonnenblumenkern. Daneben steckte ein zusammengefalteter Zettel.

Mika zog ihn hervor und drehte ihn in den Pfoten. Ein paar Linien, zwei kleine Ecken – das ergab so wenig Sinn.

„Da fehlt doch die Hälfte.“

Seine Mama warf einen Blick darauf. „Dann suchen wir die andere.“

Der rote Wollfaden führte hinter dem Vorhang entlang. Dort lag ein dünnes Stück Apfel, und auf der Fensterbank entdeckte Mika zwischen dem Topf des Weihnachtssterns und dem Untersetzer tatsächlich noch einen zweiten Zettel. Er kletterte hinauf, zog ihn heraus und legte beide Papierstücke nebeneinander.

Jetzt passte es.

Lina hatte tatsächlich einen Winterstiefel gemalt. Ein besonders gelungener war es nicht: Der Schaft hing ein wenig schief, und vorne war die Sohle viel zu dick geraten. Mika rätselte.

„Die Schuhe im Flur vielleicht?“

Seine Mama nahm noch einen Bissen von der Apfelspalte. „Dann such nach Linas Stiefeln.“

Im Flur wartete das nächste Problem auf Mika: Auf der Schuhmatte standen Linas Hausschuhe und Turnschuhe, ihre Winterstiefel und dazwischen die Schuhe ihrer Eltern. Mika hielt die Zeichnung daneben und sah von einem Paar zum nächsten.

„Welcher von all denen ist das wohl?“

Seine Mama flitzte geradewegs zu Linas Winterstiefeln. „Mit denen war sie gestern draußen.“

Das leuchtete Mika ein. Im rechten Stiefel fand er nur ein paar Sandkörner. Also kletterte er in den linken. Der Schaft war so hoch, dass Mika beinahe ganz darin verschwand. Unten roch es nach Leder und ein wenig Fußschweiß. Er tastete über die Sohle, bis seine Pfote auf etwas Hartes stieß.

Wenig später erschien sein Kopf wieder über dem Rand. In einer Pfote hielt er eine halbe Haselnuss, in der anderen einen neuen Zettel.

Darauf hatte Lina eine Treppe gemalt.

Mika sah vom Zettel zur echten Treppe hinüber.

„Wir müssen da hoch.“

Seine Mama kaute den letzten Rest Apfel und folgte seinem Blick.

Die Treppe war für Mika jedes Mal eine kleine Kletterei. An der ersten Stufe zog er sich am überstehenden Teppichläufer hoch, stemmte die Hinterpfoten nach und wartete oben auf seine Mama. So ging es Stufe für Stufe weiter. Anfangs kam er gut voran, doch bald machte sich die Haselnuss bemerkbar, die er zwischen den Zähnen mitnahm. Dazu kamen die beiden Zettel, die er unter ein Vorderbein geklemmt hatte und die ihm beim Klettern ständig verrutschten.

Auf der sechsten Stufe rutschte ihm die Nuss weg.

Sie sprang einmal auf, dann noch einmal und kullerte abwärts. Mika fuhr herum. Die Haselnuss hüpfte über die Kante der fünften Stufe und verschwand auf der vierten. Er wollte hinterher, doch seine Mama stand ihm bereits im Weg.

„Die holen wir später.“

Mika sah der Haselnuss nach, bis sie unten auf der Schuhmatte liegen blieb.

„Die war fast noch ganz.“

„Dann holen wir sie auf dem Rückweg.“

Mika war damit nur halb zufrieden, kletterte aber weiter. Kurz vor dem oberen Absatz hörte er eine Tür und duckte sich hinter den Geländerpfosten. Seine Mama blieb zwei Stufen unter ihm.

Linas Zimmertür ging auf. Sie kam in dicken Socken und einem viel zu großen Pullover in den Flur. Lina sah Mika sofort.

Zum Verstecken war es zu spät. Sie blieb kurz stehen, entdeckte auch seine Mama weiter unten auf der Treppe und ging dann wieder in ihr Zimmer. Die Tür ließ sie offen.

„Sie hat wirklich auf uns gewartet.“

Seine Mama erreichte die letzte Stufe und stellte sich neben ihn. Vor Linas Tür lag bereits der nächste Sonnenblumenkern. Mika entdeckte ihn sofort, hob ihn auf und huschte ins Zimmer.

Dort führte die Spur weiter. Lina hatte einzelne Haferflocken auf dem Teppich verteilt, vorbei am Bett bis hinüber zum Schreibtisch. Mika folgte ihnen aufmerksam. Unter der Kommode bemerkte er plötzlich etwas anderes.

Ein Stück Keks.

Und das sah ziemlich verlockend aus.

„Der gehört bestimmt auch dazu.“

Seine Mama blieb bei der nächsten Haferflocke sitzen. Mika kroch unter die Kommode, biss in den Keks – und spuckte ihn gleich wieder aus.

„Bäh!“

Der Keks war steinhart und schmeckte nach Staub. Mika schob ihn mit beiden Pfoten zurück unter die Kommode und kam wieder hervor.

„Der gehört doch nicht dazu.“

Mit einem schlechten Geschmack im Mäulchen lief zur nächsten Haferflocke. Die Spur endete unter dem Schreibtisch vor einem kleinen umgedrehten Karton. Lina hatte in eine Seite ein rundes Loch geschnitten, groß genug für eine Maus. Mika blieb davor stehen und schnupperte.

Aus dem Karton roch es nach Walnuss und Apfel.

Eigentlich hätte er sofort hineinkriechen können.

Er traute sich nicht.

Seine Mama lief erst einmal um den Karton herum. Mika hob an einer Ecke die Pappe ein Stück an und spähte darunter. Seit der Sache mit der Adventsschublade war er bei allem, was rollen, kippen oder zuklappen konnte, vorsichtiger geworden.

„Sieht gut aus“, sagte er schließlich.

Er schob den Kopf durch das runde Loch. Gleich darauf verschwand auch der Rest von ihm im Karton.

Lina hatte den Boden mit einem Stück kariertem Stoff ausgelegt. Darauf standen zwei flache Nussschalen, und zwischen ihnen hatte sie einen kleinen Deckel mit Wasser gestellt. Mika blieb im Eingang sitzen und schaute sich alles erst einmal an.

Das hier war offenbar das Ziel. In Mikas Schale lagen Haferflocken, ein Stück Walnuss und Sonnenblumenkerne. Bei seiner Mama warteten Apfel und Haselnuss.

An die Rückwand hatte Lina zwei Mäuse gemalt. Unter der kleineren verlief ein blauer Strich, unter der größeren ein roter.

Mika setzte sich vor das Bild. Die kleine Maus hatte einen viel zu langen Schwanz. Die größere hatte erstaunlich runde Ohren.

Seine Mama betrachtete die Zeichnung eine Weile.

„Sag nichts.“

Mika nahm eine Haferflocke.

Nach der Kletterei und der langen Suche schmeckte Mika die erste Haferflocke besonders gut. Seine Mama knabberte an ihrem Apfel. Eine Weile saßen sie einfach in dem kleinen Karton und aßen.

Mika hielt gerade den zweiten Sonnenblumenkern zwischen den Pfoten, als die Zimmertür aufging. Lina kam herein. Als sie den Karton sah, blieb sie stehen.

Mika hielt mitten in der Bewegung inne. Auch seine Mama rührte sich kaum, den angebissenen Apfel noch in den Pfoten. Lina wartete. Erst als beide Mäuse sitzen blieben, setzte sie sich ein Stück entfernt auf den Teppich.

Mika sah durch das runde Loch zu ihr hinaus. Lina kam keinen Schritt näher. Also biss er in seinen Sonnenblumenkern und griff danach wieder nach einer Haferflocke.

Seine Mama beobachtete Lina noch einen Augenblick. Dann nahm auch sie den Apfel wieder hoch.

Lina lächelte.

Seine Mama sah zu ihr hinüber. Der Apfel lag noch zwischen ihren Pfoten. Nach einer Weile hob sie ihn wieder an und aß weiter.

Das gefiel Mika. Lina saß einfach auf dem Teppich. Hin und wieder strich sie eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Einmal sah sie auf Mikas Nussschale und musste lachen. Von seinem Menü war inzwischen kaum noch etwas übrig. Nur ein halber Sonnenblumenkern lag am Rand.

Von unten rief jemand Linas Namen.

„Gleich!“, antwortete sie, stand auf und warf noch einen Blick in den Karton. Dann lief sie hinaus.

Mika wartete, bis ihre Schritte auf der Treppe verklungen waren. „Komm. Meine Haselnuss liegt noch unten.“

Tatsächlich fanden sie sie auf der Schuhmatte wieder. An einer Ecke war ein Stück abgesprungen, sonst hatte sie den Sturz gut überstanden. Mika nahm sie zufrieden mit.

Zurück im Wohnzimmer sammelte er den blauen Wollfaden ein, seine Mama den roten. Auch die beiden Hälften von Linas Stiefelzeichnung kamen mit ins Nest.

Am Nachmittag räumte Lina ihre Schnitzeljagd weg. Vor der Schrankwand blieb sie stehen.

„Habt ihr alles gefunden?“

Mika saß direkt hinter dem Spalt. Neben ihm lagen die beiden Papierhälften. Er schob eine davon vorsichtig nach draußen.

Lina sah sie – und musste lachen. Sie hob das Papier auf. Für einen Augenblick sah Mika nur ihre Finger. Dann legte sie den Zettel wieder auf den Teppich.

„Dann war der Stiefel wohl zu erkennen.“

Mika sah zu seiner Mama. „So einigermaßen.“

Sie biss in die Haselnuss.

Am Abend lagen der blaue und der rote Wollfaden wieder bei ihren Sachen. Mika hatte seinen um die Walnussschale gelegt, seine Mama ihren neben den Nikolausstiefel. Die beiden Papierstücke steckten hinter einer Nussschale an der Wand.

Mika war müde, aber die Schnitzeljagd ging ihm noch eine Weile durch den Kopf. Er dachte an die beiden Wollfäden, den schief gemalten Winterstiefel und an die Haselnuss, die beinahe auf der Treppe geblieben wäre.

Als ihm schon fast die Augen zufielen, fiel ihm noch etwas ein.

Ob Menschen eigentlich Haselnüsse mochten?

Das musste er morgen seine Mama fragen.

Was ist eigentlich eine Schnitzeljagd?

Mäuschen Mika und die Schnitzeljagd nach Leckerbissen, Weihnachtsgeschichte

Bei einer Schnitzeljagd führen kleine Zeichen, versteckte Zettel oder Rätsel von einem Ort zum nächsten. Jeder gefundene Hinweis hilft dabei, den weiteren Weg herauszufinden. Manchmal gibt es am Ende einen kleinen Schatz oder eine Überraschung. Bei Mikas Schnitzeljagd sind es sogar zwei verschiedene Spuren, denen die Mäuse folgen können.

Der lustige Name hat übrigens nichts mit einem Schnitzel auf dem Teller zu tun. Das Wort „Schnitzel“ kann auch ein kleines abgeschnittenes Stück bedeuten. Bei früheren Schnitzeljagden wurden beispielsweise Papierschnipsel als Wegzeichen ausgelegt. Heute verwendet man dafür auch Pfeile, Bilder, Wollfäden oder kleine Gegenstände.

Mäuse sind von Natur aus geschickte Spurensucher. Sie besitzen einen ausgezeichneten Geruchssinn und erkunden ihre Umgebung mit ihren empfindlichen Tasthaaren. Mika könnte eine Nuss wahrscheinlich schon riechen, bevor er sie entdeckt. Eine gezeichnete Treppe oder einen schiefen Winterstiefel zu verstehen, ist allerdings eine ganz andere Sache!

Die Spur aus zwei Wollfäden

Mit einer Haferflocke, einem Stück Apfel und zwei bunten Wollfäden beginnt Mikas ungewöhnlicher Dezembermorgen. Wohin die Spuren führen und welche Rätsel Lina vorbereitet hat, erzählt diese kleine Mäusegeschichte. Hier gibt es die Geschichte als PDF zum kostenlosen Herunterladen und Ausdrucken.

Schnitzeljagd

Mikas Mäuseabenteuer für die Pinnwand

Zwei Wollfäden, eine geheimnisvolle Zeichnung und eine Schnitzeljagd quer durch das Haus: Zu Mikas neuem Abenteuer gibt es drei verschiedene Pinterest-Bilder. Die Motive können einzeln gespeichert und geteilt werden. Sie führen zur vollständigen Geschichte mit allen Rätseln und der Überraschung am Ende.

Mehr Geschichten für Kinder:

Weihnachtsgeschichten

Gute-Nacht-Geschichten