Am Morgen des 6. Dezember war Mika schon wach, als hinter der Schrankwand noch tiefste Mäusenacht herrschte. Neben ihm schlief seine Mama auf dem dunkelblauen Wollfaden, den sie seit dem Schattentag als weiche Unterlage benutzten. Im Haus rührte sich fast nichts. Mika lag auf dem Rücken, sah zum schmalen Spalt hinaus und dachte an seinen Walnussstiefel draußen im Flur.
Am Abend zuvor hatte er ihn neben Linas große Winterstiefel gestellt: eine halbe Walnussschale mit blauem Wollrand und einem winzigen Papierfetzen daran. Lina hatte sofort verstanden, wozu das Gebilde bestimmt war. Bevor sie schlafen ging, hatte sie einen Zettel hineingelegt: BITTE BIS MORGEN WARTEN. Mika hatte sich redlich bemüht. Nur war er inzwischen der Meinung, dass „morgen“ längst begonnen haben musste.
Er drehte sich auf die Seite, dann wieder zurück. Seine Mama bewegte ein Ohr. Beim nächsten Rascheln öffnete sie die Augen. „Wenn du so weiterturnst, können wir auch gleich aufstehen.“ Mika saß sofort. Ob der Nikolaus wohl schon dagewesen sei? Seine Mama gähnte, zog die Pfoten unter sich hervor und meinte, das ließe sich im Flur leichter feststellen als im Bett.
Mika war bereits am Ausgang, als sie ihn am Schwanz zurückhielt. Erst wurde gelauscht. Das gehörte bei seiner Mama zu jedem Ausflug. Aus der Küche kam kein Laut, oben schlief die Familie, und unter der Wohnzimmertür lag ein blasser Streifen Morgenlicht. Nach drei Atemzügen bekam Mika sein Zeichen.
Sie huschten an der Fußleiste entlang. Mika voraus, seine Mama dicht hinterher. Im Wohnzimmer standen Sessel, Tisch und die rote Kerze an ihren vertrauten Plätzen. Auf der Kommode steckte Schublade Nummer 4 ordentlich im Adventskalender. Mika warf ihr einen kurzen Blick zu. Nach der Fahrt vom Vortag durfte sie dort gern eine Weile bleiben.
Im Flur beschleunigte er. Vor Linas großen Winterstiefeln stand seine Walnussschale mit dem blauen Wollrand. Mika wollte schon hinlaufen, da bremste er so abrupt, dass seine Mama beinahe in ihn hineinlief.
Neben seinem Stiefel stand ein zweiter.
Die neue Walnussschale war etwas kleiner. Um ihren Rand hatte jemand roten Wollfaden gebunden. Der Knoten saß schief, und ein kurzes Ende hing herunter. In Mikas Stiefel lagen zwei große Haferflocken und ein Stück Walnuss. Im zweiten lagen eine Haferflocke und ein kleines Stück Apfel.
Mika ging langsam näher und umrundete die beiden Schalen. Dann sah er seine Mama an. „Der ist für dich.“
Sie betrachtete den roten Faden. „Woher willst du das wissen?“
Mika deutete auf den Apfel. Seine Mama mochte Apfel sehr gern. Wenn sie ein Stück fanden, nahm sie stets einen kleinen Bissen und legte den Rest sorgsam für später beiseite. Bei Walnüssen war Mika derjenige, der schon ungeduldig wurde, ehe die Schale richtig offen war. Für ihn war die Sache eindeutig.
Zwischen rotem Faden und Walnussrand steckte ein winziger Zettel. Seine Mama zog ihn heraus. Darauf stand: FÜR DIE ANDERE MAUS.
Mika las die Worte mit. Seine Mama schwieg und strich einmal mit der Pfote über den roten Wollfaden. „Lina“, sagte Mika. Sie nickte nur. Er wunderte sich. Lina hatte seine Mama bisher nie gesehen. Beim Schattenspiel war sie erst später ins Zimmer gekommen, beim Käseexperiment hatte Mama sich im Hintergrund gehalten, und hinter dem Adventskalender war sie verschwunden, bevor Lina sie hätte entdecken können.
„Vielleicht hat sie geraten“, meinte seine Mama.
„Dann hat sie gut geraten.“
Mika setzte sich zwischen die beiden Walnussschalen. Den ganzen Vorabend hatte er sich ausgemalt, was am Morgen wohl in seinem eigenen Nikolausstiefel liegen würde. Hafer hatte er erhofft, Walnuss ebenso. Einen zweiten Stiefel hatte er sich nie vorgestellt. Nun stand er da, klein und ein bisschen schief, eigens für seine Mama.
Die nahm das Apfelstück heraus, hielt es zwischen den Pfoten und betrachtete es erst einmal. Mika sagte nichts. Normalerweise hätte er gefragt, ob sie vorhabe, den Apfel anzusehen oder zu essen. Heute ließ er ihr die Ruhe.
In seinem eigenen Stiefel steckte ebenfalls ein Papierstreifen. Lina hatte zwei kleine Mäuse darauf gezeichnet. Die erste hatte große runde Ohren. Mika verzog das Gesicht. „Schon wieder viel zu groß.“
Seine Mama betrachtete die Zeichnung. „Ich erkenne dich.“
Dann legte sie den Zettel vorsichtig zwischen die beiden Schalen und biss in den Apfel. Genau in diesem Augenblick knarrte oben eine Diele.
Seine Mama legte den Apfel zurück. „Weg.“
Beide huschten hinter Linas linken Winterstiefel. Mika wollte noch seinen Zettel mitnehmen, doch dafür blieb keine Gelegenheit. Schritte kamen die Treppe herunter, und gleich darauf erschien Lina im Flur. Sie trug ihren Schlafanzug und darüber eine viel zu große Strickjacke. Ihre Haare standen in sämtliche Richtungen.
Zuerst sah sie in ihre eigenen Stiefel. Darin lagen eine Mandarine, Nüsse und ein Schokoladen-Nikolaus. Dann fiel ihr Blick auf die beiden kleinen Walnussschalen. Von Mikas Haferflocke fehlte bereits eine Ecke, und am Apfelstück im zweiten Stiefel war die kleine Bissstelle deutlich zu sehen.
Lina lächelte. „Ihr wart schon da.“
Hinter dem großen Stiefel hob Mika den Kopf. Ihr. Lina hatte tatsächlich mit zwei Mäusen gerechnet.
Sie kniete sich hin und ließ die Schalen stehen. „Hat es geschmeckt?“ Dann sah sie auf den Stiefel mit dem roten Wollrand. „Ich wusste nicht, was du gern magst. Deshalb habe ich Apfel genommen.“
Neben Mika richtete sich seine Mama ein wenig auf.
Lina blickte zur Schrankwand. „Ich habe dich noch nie gesehen. Aber die kleine Maus wird da hinten wohl kaum ganz allein wohnen.“
Mika wollte seiner Mama schon einen triumphierenden Blick zuwerfen, besann sich jedoch rechtzeitig. In diesem Augenblick rutschte das lose Ende des roten Wollfadens vom Schalenrand. Lina bemerkte es, nahm den winzigen Stiefel zwischen zwei Finger und versuchte, den Faden neu zu befestigen. Ihre Finger waren für diese Arbeit viel zu groß. Zweimal sprang der Faden weg. Beim dritten Versuch hielt der Knoten.
„So. Jetzt bleibt das.“ Sie stellte die Schale genau an ihren Platz zurück.
Mikas Mama saß nur eine Pfotenlänge hinter dem Winterstiefel und beobachtete Lina. Noch nie waren die beiden einander so nah gewesen. Mika sah von Lina zu seiner Mama und musste plötzlich an all die Dinge denken, die ihm sonst selbstverständlich vorkamen: dass Mama ihm beim Wollfaden geholfen hatte, hinter seiner Adventsschublade hergelaufen war und ihm bei guten Fundstücken meistens zuerst etwas abgab.
Mamas machten solche Sachen eben. Mika hatte darüber kaum nachgedacht.
Nun stand da ein winziger Nikolausstiefel mit rotem Rand, nur für sie.
Lina erhob sich, nahm die Mandarine und den Schokoladen-Nikolaus aus ihren eigenen Stiefeln und ließ die beiden Walnussschalen unangetastet. Bevor sie in die Küche ging, drehte sie sich noch einmal um. „Schönen Nikolaus euch beiden.“
Mika wäre am liebsten sofort hervorgekommen. Seine Mama hielt ihn zurück. Wenig später kam Linas Vater die Treppe herunter. In der Küche fragte er, ob der Nikolaus dagewesen sei. Lina erzählte ihm von den beiden kleinen Stiefeln, und kurz darauf standen beide im Flur.
„Die gehören den Mäusen“, erklärte Lina.
Ihr Vater blieb an der Mehrzahl hängen. „Den Mäusen?“
Lina erzählte, dass gestern nur eine Walnussschale dort gestanden hatte. Danach hatte sie überlegt, ob hinter der Schrankwand vielleicht noch eine zweite Maus lebte. Also hatte sie einen weiteren Stiefel gebastelt und etwas hineingelegt.
Linas Vater bückte sich. Mika sah seine Hand näher kommen und duckte sich. „Nicht wegnehmen“, sagte Lina sofort. Ihr Vater versprach, nur hinzusehen. An Mikas Haferflocke fehlte ein Stück, der Apfel im zweiten Stiefel war angenagt.
„Da war tatsächlich jemand dran.“
Lina nickte zufrieden.
Der Vater richtete sich auf und sah zur Schrankwand. „Dann haben wir offenbar wirklich zwei kleine Bewohner.“
Mika spitzte die Ohren. Bewohner. Das Wort gefiel ihm. Es klang wesentlich angenehmer als alles, was mit Fallen, Vorräten oder unerwünschten Mäusen zu tun hatte.
Linas Vater ging ein paar Schritte zur Schrankwand. Mika und seine Mama rückten tiefer hinter den Winterstiefel. Doch der Vater fasste den Schrank nicht an. Er meinte nur, die beiden Bewohner dürften sich besser vom Küchenschrank fernhalten.
„Warum sollten sie dort hinziehen?“, fragte Lina. „Sie wohnen doch schon hier.“
Ihr Vater lachte. „Wenn du das mit ihnen geregelt hast, bin ich beruhigt.“
Kurz darauf verschwanden beide in der Küche. Die Mäuse warteten noch eine Weile und kamen dann hervor. Mika lief sofort zu den Walnussschalen. Seine Mama setzte sich vor ihren roten Stiefel und prüfte den Knoten. Lina hatte ihn ordentlich festgezogen.
„Den nehmen wir mit“, sagte Mika.
„Meinen?“
„Natürlich. Meinen auch.“
Auf dem glatten Flurboden ließen sich die beiden Nussschalen gut schieben. Am Teppichrand wurde es mühsamer. Mika stemmte sich hinter seinen blauen Stiefel, seine Mama hob ihre kleinere Schale Stück für Stück über die Kante. Hinter dem Sessel machten sie eine Pause.
Mika sah auf den roten Wollrand. „Mama, ich finde gut, dass du auch einen bekommen hast.“
Sie lächelte. „Ich auch.“
Er schob seinen Stiefel ein kleines Stück weiter und blieb wieder stehen. „Eigentlich finde ich deinen sogar besser als meinen.“
„Wieso?“
Mika begann, seinen blauen Wollrand zurechtzuzupfen. „Weiß nicht.“
Er wusste es sehr wohl, nur ließ es sich schlecht sagen. Der eigene Stiefel war schön. Beim zweiten hatte jemand an seine Mama gedacht, obwohl Lina sie noch nie gesehen hatte.
Seine Mama fragte nicht weiter. Sie legte nur kurz eine Pfote um seine Schulter. Mika blieb einen Augenblick sitzen und behauptete dann, sie müssten sich beeilen, sonst würden die Haferflocken noch weich.
Das war Unsinn. Trotzdem schoben sie weiter.
Im Nest bekamen die beiden Walnussstiefel einen Platz an der Wand. Mikas blauer stand neben dem roten Wachskrümel vom 1. Dezember und Linas Zettel aus der Adventsschublade. Den roten Stiefel seiner Mama stellte Mika direkt daneben. Später teilten sie die Nikolausgaben. Mika gab ihr eine halbe Haferflocke, sie brach ein kleines Stück Apfel für ihn ab. Bei der Walnuss zögerte Mika.
Seine Mama sah es. „Iss sie schon.“ Mika tat es.
Am Vormittag kam Lina wieder ins Wohnzimmer. Die Walnussstiefel waren verschwunden. Sie ging zur Schrankwand und setzte sich davor auf den Teppich. Diesmal brachte sie nichts mit. Sie wartete einfach.
Hinter dem Spalt standen Mika und seine Mama. Nach einer Weile nahm Mika seinen blauen Stiefel und schob ihn vorsichtig ein Stück nach draußen. Lina entdeckte den Wollrand und lächelte.
Mika wollte die Schale gerade zurückziehen, da bewegte sich neben ihm etwas. Seine Mama schob ihren roten Stiefel nach vorn. Langsam erschien die zweite Nussschale neben der ersten. Von seiner Mama selbst war nichts zu sehen. Für Lina genügte das.
Sie hielt kurz inne und sagte dann: „Hallo. Dann wünsche ich dir auch einen schönen Nikolaustag.“
Mikas Mama antwortete selbstverständlich nicht. Als sie ihren Stiefel wieder zurückzog, strich ihre Pfote jedoch über den roten Wollfaden, den Lina für sie festgeknotet hatte.
Am Abend lagen Mika und seine Mama nebeneinander im Nest. Die beiden Nikolausstiefel standen an der Wand, blau und rot. Mika betrachtete sie noch einmal, ehe er die Augen schloss und einschlief.
Warum stellt man am Nikolausabend Stiefel vor die Tür?
Am Abend des 5. Dezember stellen viele Kinder ihre geputzten Schuhe oder Stiefel vor die Tür. Am nächsten Morgen finden sie darin zum Beispiel Nüsse, Mandarinen, Äpfel oder Süßigkeiten. Der Brauch gehört zum Nikolaustag am 6. Dezember und geht auf den heiligen Nikolaus von Myra zurück, um den sich viele Geschichten über Hilfsbereitschaft und heimliche Geschenke ranken.
Schokolade gehört heute für viele zum Nikolaustag dazu, doch traditionelle Nikolausgaben waren viel einfacher. Nüsse, Äpfel, Mandarinen oder anderes Obst passten gut in einen Schuh und waren im Winter etwas Besonderes. Damit liegen Mika und seine Mama mit Walnuss, Haferflocken und Apfel also gar nicht so weit daneben.
Die Nikolausgeschichte mit Mika als PDF
Zwei kleine Walnussstiefel, eine neugierige Maus und eine Überraschung für Mikas Mama: Die ganze Geschichte können Sie hier kostenlos als PDF herunterladen. Einfach ausdrucken und gemeinsam lesen oder vorlesen.
Können Mäuse wirklich Walnüsse und Äpfel fressen?
Hausmäuse fressen sehr vielseitig und mögen unter anderem Samen, Getreide, Nüsse und Früchte. Ein Stück Walnuss oder Apfel würde Mika also durchaus interessant finden. In freier Natur und in Häusern suchen Mäuse jedoch meist selbst nach dem, was gerade verfügbar ist.
Mikas Nikolausgeschichte für zu Hause
Zwei winzige Nikolausstiefel, ein neugieriger Mika und eine ziemlich aufmerksame Lina: Wenn Sie die Geschichte weitergeben möchten, finden Sie hier passende Pinterest-Grafiken. Suchen Sie einfach Ihr Lieblingsmotiv aus und merken Sie es sich auf einer Ihrer Pinnwände.
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