Mäuschen Mika und die Mitternachtsfahrt

Mika erwachte vom Schlagen der Fluruhr. Die ersten Schläge hatte er verschlafen. Beim achten saß er mühsam aufrecht und zählte mit, bis der letzte verklungen war. Gerade noch rechtzeitig: Der 8. Dezember hatte begonnen.

Im Haus war es still. Mika kroch aus dem Nest und schlich zum Ausgang des Verstecks. Neben ihm raschelte Papier. Seine Mama lag mit dem Rücken zu ihm, aber sie war von seinen Aktivitäten wach geworden.

„Du kannst dir die Mühe sparen“, sagte sie.

Mika hielt an. „Es ist schon der achte Dezember.“

„Das habe ich gehört. Zwölf Schläge sind schwer zu überhören.“

Sie schob ihr Papier zurück und setzte sich auf. Einen Augenblick sah sie ihn an, dann zum Spalt hinaus.

„Ich wollte nur nach der Bahn sehen“, erklärte Mika.

„Natürlich.“ Mama stand auf und strich sich das Fell glatt. „Dann sehe ich lieber mit nach.“

Am Tag zuvor hatte Lina eine Rodelbahn gebaut und eine Schneemaus daneben gesetzt. Als der frische Schnee am Nachmittag die Rinne wieder zudeckte, war sie hinausgegangen, hatte alles freigeräumt und die halbe Walnussschale zurück an den Start gestellt. Mika hatte das vom Versteck hinter dem roten Weihnachtsstern am Fenster verfolgt. Jetzt wollte er endlich selbst fahren.

Seine Mama warf einen Blick auf ihren roten Nikolausstiefel. Sie hatte ihn am Abend näher an ihren Schlafplatz gerückt, doch jetzt ließ sie ihn stehen. Auch Mikas blauer Stiefel blieb zurück. Für diese Nacht hatte Lina schließlich schon einen Schlitten bereitgestellt.

Mama zog das Papier über ihr Nest und folgte ihm.

Sie huschten an der Fußleiste entlang durch das dunkle Wohnzimmer. Vom Fenster her fiel genug Licht herein, dass Mika die Umrisse der Möbel erkennen konnte. Auf der Fensterbank stand der große Weihnachtsstern. Zwischen seinen roten Blättern hatte er gestern gesessen und Lina beim Bauen zugesehen. Jetzt wirkten die Blätter im Dunkeln beinahe schwarz.

Kurz vor der Terrassentür blieb Mika stehen und schaute hinaus. Der Garten lag weiß vor ihm. Die Rodelbahn war noch da. Neben dem Hügel saß Linas Schneemaus, und ganz oben stand tatsächlich die Walnussschale, mit der Lina die Bahn ausprobiert hatte.

Bis zur Rodelbahn war es nun gar nicht mehr weit. Nur hinaus musste er erst einmal.

Unten am Rahmen der Terrassentür gab es einen schmalen Spalt. Mika war im Sommer schon hindurchgekrochen, allerdings hatte er da kein Winterfell gehabt. Er schob den Kopf hinaus, legte sich flach auf den Bauch und zwängte sich langsam durch die Fuge. Seine Mama folgte. Die Kälte traf Mika an Nase und Ohren, und er wich einen halben Schritt zurück. „Nun bist du schon draußen“, sagte Mama hinter ihm. Auf den Steinplatten knirschte eine dünne Eisschicht unter ihren Pfoten.

Sie nahmen Linas festgetretene Spur vom Nachmittag. Dort kamen sie einigermaßen voran. Sobald Mika daneben geriet, sank er tief ein und musste sich mit beiden Vorderpfoten wieder herausarbeiten. An einer Stelle war der Abdruck von Linas Stiefel so tief, dass er darin fast verschwand.

Mama zeigte ihm eine flachere Stelle am Rand. Mika stieg mühsam hinüber, rutschte aus und landete mit dem Bauch im Schnee. Seine Mama wartete, bis er sich hochgerappelt hatte. „Vom Fenster aus war das viel einfacher“, brummte er.

Als sie den kleinen Hügel erreichten, sah Mika ihn sich erst einmal von unten an. Gestern hatte er von der Fensterbank kaum größer ausgesehen als ein Schneehaufen. Jetzt kam ihm die Bahn ordentlich steil vor. Lina hatte eine schmale Rinne in den Hang gezogen, die weiter unten in eine Kurve führte.

Am Ende lag ein weicher Schneewall. Daneben saß die Schneemaus, ein Ohr etwas schief, der Schwanz aus einem dünnen Zweig fast eingeschneit. Der Esslöffel steckte noch neben ihr. Bei genauerem Hinsehen entdeckte Mika sogar, wo Lina am Nachmittag neuen Schnee an die Ränder gedrückt hatte.

Mika drückte eine Pfote auf die Spur. Seine Mama strich ebenfalls über die Bahn. Sie war hart und glatt geworden, ganz anders als am Vortag. „Die geht heute bestimmt schneller“, sagte Mika. Seine Mama prüfte die Kurve noch einmal und meinte, das könne gut sein.

Mika stieg zum Start hinauf, nahm die Walnussschale in beide Pfoten und stellte sie in die Rinne. Sie war innen blank und trocken, genau wie gestern, als Lina sie ausgeklopft hatte. Er wollte sie erst einmal allein hinunterfahren lassen. Seine Mama stellte sich an den Fuß des Hügels.

Mika gab der Schale einen kleinen Schubs. Zuerst rutschte sie gemächlich los, doch schon nach wenigen Mäuselängen nahm sie ordentlich Fahrt auf. In der Kurve geriet sie ins Schlingern, drehte sich quer und sauste so bis zum Auslauf weiter. Dort kippte sie um und blieb halb im Schnee stecken. Mama hob sie auf und drehte sie prüfend hin und her. Kein Riss war zu sehen; nur ein wenig Schnee war am Rand.

Bevor Mika selbst fuhr, schoben sie an der Kurve etwas lockeren Schnee in die Rinne und rieben die glatteste Stelle mit den Pfoten rauer. Dann trug Mika die Walnuss wieder hinauf und setzte sich hinein. Der glatte Boden fühlte sich durch das Fell hindurch kühl an. Er rückte so lange, bis er die Vorderpfoten bequem auf den Rand legen konnte, und nahm den Schwanz nach vorn. „Schubs mich bitte langsam an.“ Seine Mama legte die Pfoten an die Rückseite und wartete, bis er bereit war.

Die Walnussschale rutschte erst langsam los, dann wurde sie plötzlich schneller. Mika duckte sich. In der Kurve schrammte sie kurz am Rand entlang, fing sich wieder und sauste weiter zum Auslauf.

Der Schneewall kam sehr schnell näher. Mika kniff die Augen zu. Die Schale fuhr hinein, drückte sich ein gutes Stück in den weichen Schnee und stand. Über seinen Kopf rieselte noch ein wenig Weiß herunter. Als Mika die Augen wieder öffnete, saß er immer noch in seiner Walnuss. Er wischte sich die Schnurrhaare frei und musste lachen.

Seine Mama kam den Hügel heruntergelaufen und sah nach ihm. Mika war schon aus der Schale gesprungen. „Noch mal“, sagte er. Die zweite Fahrt machte noch mehr Spaß, weil er die Kurve nun kannte. Beim dritten Versuch bremste Mika kurz vor dem Wall mit den Hinterpfoten. Beim Zurückziehen der Schale passte er einen Augenblick zu wenig auf und plumpste rückwärts in die Schneemaus. Der dünne Zweig, der ihr als Schwanz diente, fiel heraus.

Mika rappelte sich auf und sah die Schneemaus an. Seine Mama reichte ihm den Zweig. Gemeinsam steckten sie ihn wieder an der Schneemaus fest. Danach rieb sich Mika seine kalten Pfoten.

Seine Mama blieb unterdessen neben der Walnussschale stehen. Sie fuhr mit einer Pfote über den Rand und blickte den Hang hinauf. Mika sah ihr zu. Er hatte mit vielem gerechnet, aber nicht damit, dass sie die Schale nehmen und zum Start tragen würde. Sie hielt sie vor sich, als wäre sie noch nicht recht überzeugt, dass es eine gute Idee war.

Oben setzte sie sich vorsichtig hinein. Sie musste die Knie etwas anziehen und schob ihren Schwanz nach vorn, damit er nicht unter die Schale geriet. Mika hielt sie fest, während sie sich zurechtrückte. Seine Mama legte die Vorderpfoten auf den Rand und betrachtete die steile Rinne. „Das sieht von hier oben anders aus“, sagte sie. Dann gab Mika ihr einen vorsichtigen Schubs.

Die Walnuss glitt los. Anfangs saß Mikas Mama sehr gerade darin. Schon nach wenigen Mäuselängen wurde sie schneller. In der Kurve rutschte die Schale hoch an den Rand, blieb dort einen Augenblick schief und fiel aus der Spur.

Mika rannte los. Als er um den Wall herumkam, saß seine Mama im Schnee. Die Walnussschale lag neben ihr, auf ihrem Kopf und ihren Schultern klebten Flocken, und ein Ohr war völlig weiß. Mika blieb stehen. Er wusste nicht recht, ob er helfen oder lachen sollte. Seine Mama strich sich den Schnee aus dem Gesicht und begann selbst zu lachen. Also setzte Mika sich in den Schnee und lachte mit.

Als sie wieder Luft bekam, stand seine Mama auf, schüttelte das Fell und hob die Walnuss hoch. „Noch einmal?“, fragte Mika. Sie war schon auf dem Weg nach oben. Bei der zweiten Fahrt blieb sie in der Spur, legte sich in der Kurve ein wenig zur Seite und kam ordentlich im Auslauf an. Sie stieg aus und reichte Mika den Schlitten. „Jetzt reicht’s.“ Mika widersprach diesmal nicht. Seine Pfoten waren inzwischen ziemlich kalt, und auch Mama begann, sich nach dem warmen Nest zu sehnen.

Gemeinsam trugen sie Linas Walnussschale wieder hinauf. Mika stellte sie an den Start und rückte sie zurecht. Von dort oben konnte man bis zur Schneemaus sehen, deren Zweigschwanz noch immer etwas schief saß. Mika wollte noch einmal hinunter, um ihn geradezurücken, doch Mama hatte sich schon zum Haus gewandt.

Da bewegte sich ein Vorhang am Haus. Lina stand am Fenster, die große Strickjacke über den Schlafanzug gezogen. Ihre Haare lagen auf der einen Seite platt am Kopf und standen auf der anderen ab.

Lina betrachtete zuerst den Esslöffel und dann die Walnussschale am Start. Danach bemerkte sie die Spuren. Kleine Pfotenabdrücke führten kreuz und quer um die Bahn, der Auslauf war zerwühlt, und der dünne Zweig, den sie der Schneemaus als Schwanz gegeben hatte, saß schiefer als zuvor. Am Nachmittag hatte Lina die Rinne noch schön glatt gestrichen. Nun war der Schnee zu beiden Seiten aufgewühlt.

Lina rückte näher ans Fenster. Mika duckte sich hinter den Hügel und wagte kaum zu atmen. Seine Mama stand dicht neben ihm. Von drinnen ließ Lina den Blick langsam über die Bahn wandern, erst zum Start, dann durch die Kurve bis hinunter zum Wall. Einen Augenblick glaubte Mika, sie würde wieder gehen.

Da setzte sich die Walnussschale am Start in Bewegung. Mika hatte sie nach der letzten Fahrt nicht ganz gerade hingestellt. Sie rutschte nur ein kleines Stück, aber Mika sprang hinter dem Hügel hervor, um sie festzuhalten, bevor sie den Hang hinunterfuhr.

Die Walnuss blieb unter seinen Pfoten stehen. Erst jetzt fiel Mika ein, dass er mitten im Mondlicht saß. Lina hatte sich näher ans Fenster gebeugt und sah direkt zu ihm herüber. Mika wusste nicht, ob er sich wieder verstecken oder den Schlitten loslassen sollte. Er hielt ihn einfach fest. Lina lächelte und legte eine Hand an die Fensterscheibe.

Seine Mama hätte ihn zurückziehen können. Stattdessen trat sie neben ihn. Nun standen beide Mäuse am Rand des kleinen Hügels, Mika mit beiden Pfoten an Linas Schale, seine Mama dicht an seiner Seite. Lina bewegte die Hand ganz leicht. Mika hob eine Vorderpfote. Nur kurz.

Mama blieb noch einen Augenblick im Mondlicht stehen und sah zum Fenster hinauf. Erst als Lina langsam den Vorhang zuzog und das Wohnzimmer wieder dunkel wurde, duckten sich die beiden Mäuse hinter den Hügel. Dort warteten sie, bis oben eine Tür ins Schloss fiel. Dann krochen sie vorsichtig aus ihrem Versteck.

„Sie hat uns wirklich gesehen“, sagte Mika.

Mama sah noch einmal zum Fenster. „Dann weiß sie jetzt auch, dass wir mit ihrer Walnuss gefahren sind.“

Mika rückte die Schale vorsichtig an ihren Platz zurück. Diesmal drückte er den Boden etwas tiefer in den Schnee, damit sie nicht von selbst losrutschte.

Erst danach machten sich die beiden Mäuse auf den Heimweg. Der Rückweg führte wieder durch Linas Fußspuren, und Mika war froh, dass sie keine Schlitten ziehen mussten.

Die Wärme im Wohnzimmer tat an den kalten Pfoten beinahe weh. Mika setzte sich auf den Teppich, zog ein Bein nach dem anderen an den Bauch und wartete, bis das Kribbeln nachließ. Seine Mama kam hinterher und schüttelte das Fell aus. Ein paar Tropfen landeten auf dem Boden. Mika betrachtete sie. „Die sind bis morgen weg.“ Seine Mama hoffte dasselbe.

Hinter der Schrankwand standen ihre beiden Nikolausstiefel, genau dort, wo sie sie zurückgelassen hatten. Mikas blauer Wollrand war noch trocken; an Mamas rotem hatte sich nichts verändert. Mika legte sich auf seinen Wollfaden. Seine Mama schob das Papier über seine Hinterpfoten, dann zog sie sich selbst in ihr Nest zurück.

Hinter der Schrankwand schob Mama ihm das Papier über die Hinterpfoten und kroch in ihr eigenes Nest. Mika hatte sich gerade auf seinen Wollfaden gelegt, als sie ihn fragte, wie weit sie bei ihrer ersten Fahrt eigentlich aus der Bahn geflogen sei.

„Bis hinter den Schneewall“, erzählte Mika. „Ich musste erst um ihn herumlaufen, um dich zu finden.“

Mama raschelte mit ihrem Papier.

„So weit also“, murmelte sie. Dann musste sie wieder lachen.

Mika lachte mit. Noch eine Weile hörte er seine Mama nebenan rascheln, bevor auch dort Ruhe einkehrte. Als die Fluruhr ein Uhr schlug, schliefen beide längst.

Warum saust ein Schlitten den Hügel hinunter?

Weihnachtsgeschichte mit Mäuschen Mika, hier Linas Schlittenfahrt

Ein Schlitten fährt durch die Schwerkraft bergab. Je steiler der Hang ist, desto schneller kann er werden. Auf lockerem Schnee kommt ein Schlitten nur schwer voran, weil er tief einsinkt und gebremst wird. Auf festgetretenem, glattem Schnee gleitet er dagegen viel leichter.

Ein klassischer Holzschlitten hat zwei Kufen, auf denen er über den Schnee gleitet. Zum Lenken wird das Körpergewicht etwas auf eine Seite verlagert. Auch vorsichtiges Bremsen mit einem Fuß kann helfen, die Richtung zu verändern. Soll der Schlitten langsamer werden, werden beide Füße in den Schnee gedrückt. Das funktioniert auf weichem Schnee besser als auf einer vereisten Bahn.

Zum sicheren Rodeln gehören ein Helm und eine Strecke ohne Bäume, Zäune oder andere Hindernisse. Am Ende der Bahn sollte genügend Platz zum Anhalten sein. Besonders wichtig ist außerdem, dass niemand mitten auf der Rodelstrecke stehen bleibt. Denn ein Schlitten, der schnell den Hang hinunterfährt, lässt sich nicht immer rechtzeitig stoppen.

Mäuschen Mikas Mitternachtsfahrt kostenlos ausdrucken

Eine selbst gebaute Schneebahn, ein Schlitten aus einer halben Walnussschale und zwei Mäuse, die eigentlich im warmen Nest liegen sollten: Mika hat in dieser Dezembernacht etwas ganz anderes vor. Sogar seine Mama lässt sich schließlich zu einer Fahrt überreden.

Hier können Sie die Weihnachtsgeschichte kostenlos als PDF herunterladen, ausdrucken und gemütlich vorlesen.

Mitternachtsfahrt

Mäuschen Mikas Mitternachtsfahrt – drei Bilder zum Teilen

Mitten in der Nacht schleicht Mäuschen Mika mit seiner Mama hinaus in den verschneiten Garten. Dort wartet eine Rodelbahn, die Lina am Vortag gebaut hat – und eine halbe Walnussschale, die sich wunderbar als Schlitten eignet. Doch die nächtliche Fahrt bleibt nicht ganz unbemerkt. Entdecken Sie drei liebevoll gemalte Szenen aus der Weihnachtsgeschichte und teilen Sie Ihr Lieblingsbild auf Pinterest.

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