Nach dem Essen wurde der große Tisch nicht ganz abgeräumt. Teller und einige Gläser wanderten in die Küche, aber in der Mitte blieb Platz für die Tombola. Großvater holte den roten Stoffbeutel hervor, in dem die Zahlenplättchen steckten. Lucia rückte ihren Stuhl näher. Auf diesen Teil des Weihnachtsabends freute sie sich jedes Jahr.
Neben ihr saß Marta, ihre jüngere Cousine. Für sie war es die erste Tombola. Schon beim Verteilen der Karten brauchte sie lange, um herauszufinden, welche Seite nach oben gehörte. Dann ordnete sie die Bohnen zum Abdecken der Zahlen säuberlich neben ihrer Karte an.
Lucia kannte das alles längst. Sie suchte jede aufgerufene Zahl sofort, legte eine Bohne darauf und wartete schon auf die nächste. Großvater zog langsam, wie immer. Manche Zahlen kommentierte er mit einem neapolitanischen Spruch, bei anderen wusste Onkel Carlo etwas Besseres zu sagen. Dann redeten plötzlich alle durcheinander, bis Großmutter verlangte, dass endlich weitergespielt wurde.
Nach einigen Runden fehlten Lucia nur noch zwei Zahlen für eine volle Reihe.
Marta war weniger weit. Jedenfalls dachte Lucia das, bis sie zufällig auf ihre Karte sah.
Vier Zahlen in der obersten Reihe waren abgedeckt. Auf der fünften, der 47, lag keine Bohne.
Die 47 war aber längst aufgerufen worden.
Lucia wusste es genau. Großvater hatte das Plättchen hochgehalten, und Marta hatte in diesem Augenblick gerade eine Bohne vom Boden aufgehoben.
Damit war ihre Reihe vollständig. Marta wusste es nur nicht.
Lucia sah auf ihre eigene Karte. Ihr fehlte jetzt nur noch die 12.
Sie könnte Marta einfach auf die 47 aufmerksam machen. Dann wäre die Runde vorbei. Der kleine Preis, eine Tüte Schokoladenmünzen, würde an Marta gehen.
Lucia schwieg.
Die nächste Zahl kam. Nicht die 12.
Marta suchte auf ihrer Karte und übersah dabei sogar eine Zahl, die direkt vor ihrer Nase stand. Lucia schob ihr eine Bohne hin.
„Guck noch mal oben“, sagte sie.
Marta schaute in die mittlere Reihe.
Lucia sagte nichts mehr. Sie hätte ihr am liebsten den Finger auf die 47 gesetzt, aber vielleicht kam als Nächstes die 12. Nur noch eine Zahl. Das war wirklich nicht viel verlangt.
Großvater griff in den Beutel.
Lucia saß ganz still.
Es kam die 68.
Dann die 3.
Bei der 55 begann Onkel Carlo wieder eine Geschichte, die niemand außer ihm zu Ende hören wollte. Lucia hörte kaum zu. Ihr Blick wanderte zwischen ihrer 12 und Martas 47 hin und her.
Großmutter schob den Teller mit den Mandarinen beiseite. Dabei stieß sie gegen Martas Karte, sodass zwei Bohnen herunterfielen. Marta sammelte sie auf und legte eine davon prompt an die falsche Stelle.
Da musste Lucia lachen.
Marta lachte mit, obwohl sie gar nicht wusste, warum.
Lucia nahm die Bohne und setzte sie richtig. Dann griff sie nach einer zweiten und legte sie auf die 47.
Marta schaute auf die Reihe. Einen Moment passierte gar nichts.
Dann riss sie die Augen auf.
„Ich hab sie voll!“
Großvater prüfte die Karte. Tatsächlich. Fünf Zahlen. Marta bekam die Schokoladenmünzen und hielt die Tüte so fest, als hätte sie gerade etwas sehr Kostbares gewonnen.
Großvater zog trotzdem noch ein Plättchen aus dem Beutel, weil Onkel Carlo wissen wollte, welche Zahl als Nächstes gekommen wäre.
Es war die 12.
Lucia starrte sie an und fing an zu lachen. Diesmal so sehr, dass Marta gleich wieder mitlachte.
Später teilten sie die Schokoladenmünzen. Marta gab Lucia die größere Hälfte. Sie zählte nämlich nicht besonders gut.
Weihnachtstombola in Neapel
In Neapel gehört die Tombola für viele Familien zur Weihnachtszeit. Nach dem Essen kommen Jung und Alt am Tisch zusammen, bekommen Spielkarten mit Zahlen und decken gezogene Nummern ab – früher ganz einfach mit Bohnen oder anderen kleinen Markern. Insgesamt gibt es 90 Zahlen.
Besonders neapolitanisch wird das Spiel durch die Smorfia: Jede Zahl ist mit einer bestimmten Figur, Sache oder Begebenheit verbunden. So steht die 25 zum Beispiel für Weihnachten, die 42 für Kaffee und die 52 für die Mutter. Wer die Zahlen zieht, kann diese Bedeutungen aufgreifen und daraus kleine Späße oder Geschichten machen. Deshalb geht es bei der Tombola nicht nur ums Gewinnen – am Tisch wird mindestens ebenso viel geredet und gelacht.
Die letzte freie Zahl – Weihnachtsgeschichte mit Quiz zum Ausdrucken
Möchten Sie Lucia und Marta bei ihrer italienischen Weihnachtstombola begleiten? Hier können Sie die Geschichte kostenlos als PDF herunterladen und bequem ausdrucken – zum Vorlesen oder Selberlesen.
Nach dem Lesen geht es mit vier Fragen zur Geschichte und zum italienischen Weihnachtsbrauch weiter. Die Quizkarten stehen kostenlos zum Download bereit und können ausgeschnitten und gesammelt werden. Je mehr Geschichten Sie lesen, desto größer wird Ihre Weihnachts-Quizsammlung.
Die letzte freie Zahl – Weihnachtsgrüße aus Italien für Pinterest
Lucia, Marta und eine italienische Weihnachtstombola bringen ein Stück Weihnachtszeit aus Italien auf Pinterest. Hier finden Sie passende Grafiken zur Geschichte „Die letzte freie Zahl“ – zum Merken, Teilen und späteren Wiederfinden.
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