Ein bisschen wie früher

Matas hielt die Tischdecke an zwei Ecken fest, während seine Großmutter sie glatt strich. Es war die schöne weiße Decke mit den gestickten Blumen, die jedes Jahr zu Weihnachten auf den Tisch kam.

„Und das Heu, Oma?“

Seine Großmutter seufzte. Sie hatte schon vor einigen Tagen versucht, welches zu bekommen. Im Blumenladen gab es nur teure Sträuße aus getrockneten Gräsern, die zum Teil sogar golden angesprüht waren.

„Das ist doch kein richtiges Heu“, hatte sie gemeint und den Laden wieder verlassen.

Nun stand der Heiligabend vor der Tür, und sie hatte immer noch keines.

Bis zum vergangenen Herbst war das kein Problem gewesen. Da hatte Oma in einem Dorf außerhalb von Vilnius gewohnt, in einem alten Haus mit Garten und Scheune. Inzwischen lebte sie mitten in der Stadt, in einer hübschen Wohnung im dritten Stock. Nur eine Scheune gab es hier natürlich nicht.

Matas fand es schade, dass ausgerechnet das Heu fehlte. Beim litauischen Weihnachtsessen gehörte es doch unter die Tischdecke! Nach dem Essen durfte jeder einen Halm hervorziehen. Die Großmutter betrachtete die Halme dann ganz genau und erzählte, was sie für das kommende Jahr bedeuteten.

Ein langer Halm versprach Glück und ein langes Leben. Bei den kurzen und krummen Halmen ließ sich Oma manchmal die wunderlichsten Dinge einfallen.

Matas erinnerte sich noch gut daran, wie sein Vater im vergangenen Jahr einen besonders krummen Halm gezogen hatte. Oma hatte ihn von allen Seiten betrachtet und schließlich gefragt, ob er ihn vielleicht selber so verbogen habe. Darüber hatte die ganze Familie gelacht.

Und nun sollte das Strohhalmziehen einfach ausfallen?

Während Oma in der Küche mit den Pilzen beschäftigt war, saß Matas am Tisch und grübelte. Irgendwo in Vilnius musste es doch ein bisschen Heu geben. Er brauchte ja keinen ganzen Wagen voll. Ein paar Handvoll würden reichen.

Dabei kam ihm die Nachbarin von gegenüber in den Sinn. Sie hatte zwei Meerschweinchen, die er erst vor wenigen Tagen füttern durfte. Besonders das braunweiße hatte einen gewaltigen Appetit gehabt. Kaum hatte Matas frisches Heu in die Raufe gesteckt, war das Tier schon darüber hergefallen.

Ob die Nachbarin wohl etwas davon entbehren konnte?

Matas ging hinaus auf den Flur und klingelte gegenüber.

Die Nachbarin machte ihm auf und hörte sich seine Bitte an. Ein bisschen Heu für den Weihnachtstisch? So etwas hatte sie auch noch nicht gehört!

Matas erklärte ihr den alten litauischen Brauch. Als die Nachbarin erfuhr, dass das Heu unter die Tischdecke gehörte und später jeder einen Halm ziehen durfte, holte sie gleich eine große Papiertüte.

Neben dem Meerschweinchengehege stand ein frisch angebrochener Beutel Wiesenheu. Daraus gab sie Matas eine ordentliche Portion.

Das braunweiße Meerschweinchen reckte den Kopf aus seinem Häuschen und begann empört zu quieken.

„Du hast doch selber genug!“, sagte die Nachbarin und gab ihm zur Beruhigung einen besonders schönen Halm.

Mit seiner gut gefüllten Tüte kehrte Matas zurück. Oma war noch immer in der Küche, wo es inzwischen köstlich nach Pilzen und Zwiebeln duftete.

Jetzt musste er sich beeilen.

Er hob die Tischdecke und schob das Heu darunter. Doch kaum ließ er den Stoff wieder los, bildete sich mitten auf dem Tisch ein kleiner Berg. So konnte das unmöglich bleiben. Die Teller würden ja alle schief stehen!

Matas nahm einen Teil des Heus wieder heraus und verteilte den Rest sorgfältiger. Ein paar widerspenstige Halme wollten unbedingt über den Tischrand hinausschauen. Einen davon entdeckte er sogar an seinem Pullover.

Schließlich lag die Decke wieder glatt auf dem Tisch. Matas betrachtete sein Werk und war zufrieden.

Am Abend kamen seine Eltern. Gemeinsam feierten sie Kūčios, wie das traditionelle Weihnachtsessen in Litauen genannt wird. Es gab Fisch, Pilze, Gemüse und die kleinen Mohngebäckstücke, die Matas besonders gern mochte.

Als alle satt waren, räumte Oma die ersten Schüsseln zusammen.

Da hielt Matas sie zurück.

„Oma, wir müssen doch noch die Halme ziehen!“

Seine Großmutter sah ihn verwundert an. Matas grinste und hob eine Ecke der Tischdecke hoch.

Tatsächlich! Darunter lag frisches Heu.

Oma wollte natürlich sofort wissen, wo er das herhatte. Als Matas von den Meerschweinchen erzählte, schüttelte sie lachend den Kopf. Auf die Idee, sich das Heu für den Weihnachtstisch bei zwei Meerschweinchen auszuleihen, wäre sie selber nicht gekommen.

Nun durfte jeder einen Halm ziehen.

Matas erwischte einen langen, dünnen Halm, der an der Spitze ein wenig geknickt war. Oma betrachtete ihn eingehend. So ein Halm sei ein gutes Zeichen, erklärte sie. Allerdings müsse Matas im kommenden Jahr wohl mit einigen Überraschungen rechnen.

Sein Vater bekam einen so kurzen Halm, dass er ihn beinahe zwischen den Fingern verlor. Dafür versprach ihm Oma, dass er im nächsten Jahr bestimmt keine besonders langen Wege zurücklegen müsse.

„Das wäre ja mal was!“, meinte sein Vater, der jeden Morgen weit zur Arbeit fahren musste.

Lange saßen sie noch zusammen. Oma erzählte von den Weihnachtsabenden auf dem Land, und später halft Matas beim Abräumen. Die Großmutter sammelte das übrig gebliebene Heu ein und legte es in eine Schachtel.

„Das heben wir gut auf“, sagte sie. „Für nächstes Weihnachten.“

Gerade wollte Oma den Deckel schließen, da zog Matas noch einen besonders langen Halm hervor.

„Den hätte Papa heute Abend gebraucht“, meinte er.

Oma lachte und legte ihn zu den anderen.

Heu unter der Weihnachtstischdecke

Ein bisschen wie früher, hier Strohhalme unter Tischdecke

In Litauen gibt es einen alten Weihnachtsbrauch, bei dem Heu unter die weiße Tischdecke gelegt wird. Nach dem Weihnachtsessen am Heiligabend ziehen die Familienmitglieder einzelne Halme hervor. Früher glaubte man, dass die Länge eines Halms etwas über die Zukunft verraten könnte. Ein langer Halm galt beispielsweise als Zeichen für ein langes Leben.

Das traditionelle Weihnachtsessen am 24. Dezember heißt in Litauen Kūčios. Das Heu unter der Tischdecke wird heute auch mit der Geburt Jesu in Verbindung gebracht. Es steht für die Krippe, in der das Jesuskind nach der biblischen Geschichte lag. Der Brauch hat aber noch ältere Wurzeln und stammt aus einer Zeit, in der die Menschen versuchten, aus kleinen Zeichen etwas über das kommende Jahr zu erfahren.

Zum Weihnachtsessen gehören traditionell zwölf fleischlose Gerichte. Auf den Tisch kommen beispielsweise Fisch, Pilze, Gemüse und die kleinen Mohngebäckstücke, die Kūčiukai heißen. Nach dem Essen werden die Halme gezogen. Dabei kommt es heutzutage weniger auf die alten Vorhersagen an als auf den gemeinsamen Spaß an diesem besonderen Weihnachtsbrauch.

Matas' heimliche Weihnachtsüberraschung zum Download mit Quiz

Was sich Matas einfallen lässt, damit seine Großmutter auch in ihrer neuen Wohnung Weihnachten wie früher feiern kann, erzählt diese Geschichte aus Litauen. Hier können Sie „Ein bisschen wie früher“ kostenlos als PDF herunterladen, ausdrucken und gemütlich vorlesen.

Wie früher

Warum liegt in Litauen an Heiligabend Heu unter der Tischdecke, und was verrät ein gezogener Halm? Mit den vier Quizkarten können Sie Ihr Wissen über den alten Weihnachtsbrauch und über Litauen testen. Laden Sie die Karten kostenlos herunter, drucken Sie sie aus und sammeln Sie sie zusammen mit den Quizkarten zu den anderen europäischen Weihnachtsbräuchen.

Quiz zu Litauen

Ein Weihnachtsbrauch aus Litauen in Bildern

Ein kleiner Ausschnitt aus dem Weihnachtsfest in Litauen: Die drei Pinterest-Motive begleiten die Geschichte „Ein bisschen wie früher“, in der Matas einen alten Brauch für seine Großmutter bewahren möchte. Suchen Sie sich das Bild aus, das Ihnen am besten gefällt, und teilen Sie es gerne auf Pinterest.

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