„Da steht er!“ Pit drückte die Nase an die Fensterscheibe. Neben dem Fahrradständer stand ein Esel. Er hatte graues, struppiges Fell und eine dunkle Mähne. Ein Mann mit einer Wollmütze hielt ihn am Halfter. Der Esel kaute Heu und drehte die Ohren nach allen Seiten.
„Pit, wir üben noch einmal die zweite Strophe“, mahnte Frau Schmit freundlich.
Pit setzte sich. Aber das Fenster behielt er im Auge.
In seinem Schulranzen lag ein Bild, das er dem Kleeschen zeigen wollte. So hieß der Nikolaus in Luxemburg. Pit hatte einen grauen Esel mit breitem Maul gemalt. Für die Ohren hatte das Papier beinahe nicht gereicht.
Kurz vor zehn gingen die Klassen in die Turnhalle. Dort wartete der Kleeschen in seinem roten Bischofsgewand, mit hoher Mütze und langem Stab. Neben ihm stand der Houseker mit einem geflochtenen Weidenkorb.
Die Kinder sangen ihr Lied. Beim letzten Vers klopfte der Kleeschen mit dem Fuß den Takt.
Der Houseker verteilte Papiertüten mit Süßigkeiten. Dazu bekam jedes Kind ein Boxemännchen, ein Hefemännchen mit Rosinenaugen und Knöpfen auf dem Bauch. Bei Pit saß ein Auge schief. Es sah aus, als würde sein Boxemännchen zwinkern.
Pit packte das Boxemännchen zu den Süßigkeiten und steckte die Tüte in seine Jackentasche.
Vor der Schultür wartete der Mann mit der Wollmütze. Er hieß Herr Lentz, der Esel Gusti.
„Gusti mag Besuch“, erklärte Herr Lentz, „aber immer nur ein paar Kinder auf einmal.“
Pit wartete neben Leni. Gusti war kleiner, als er gedacht hatte, und viel zotteliger. Über der Nase trug er einen hellen Fleck, als hätte er in einen Mehlsack geschnuppert.
Leni wollte wissen, ob ein Esel auch nach hinten hören konnte. Herr Lentz meinte, sie solle seinen Namen ganz leise sagen.
„Gusti“, flüsterte Leni.
Da drehte sich eines seiner Ohren zu ihr. Das andere blieb nach vorn gerichtet. Pit kniff die Augen zusammen und versuchte es auch. Seine Ohren rührten sich nicht. Leni lachte.
Als Pit an der Reihe war, wollte er sein Bild hervorholen. Doch Gusti hatte etwas anderes entdeckt. Er streckte die Schnauze zu Pits Jackentasche und schnupperte daran.
„He, das ist mein Boxemännchen!“, sagte Pit und hielt die Tasche zu.
„Das weiß Gusti vermutlich schon“, meinte Herr Lentz. „Aber süßen Hefeteig bekommt er nicht.“
Gusti schnaubte und versuchte es noch einmal. Herr Lentz führte ihn zum Heu zurück. Pit nahm die Zeichnung aus seiner Mappe.
„Das ist für Gusti“, sagte er.
Auch der Kleeschen war inzwischen auf den Hof gekommen. Er betrachtete das Bild lange genug, dass Pit schon dachte, er würde die Ohren nachmessen.
„Die hast du ja prächtig getroffen!“, sagte der Kleeschen.
Herr Lentz versprach, das Bild im Stall aufzuhängen. Allerdings weit oben, denn Gusti steckte seine Nase gerne in Dinge, die ihn nichts angingen.
Pit durfte den Esel zum Abschied am Hals streicheln. Da hob Gusti den Kopf und ließ ein so lautes „I-Aah!“ hören, dass die Kinder zusammenfuhren. Dann lachten sie.
„Jetzt hat er euer Lied beantwortet“, sagte der Kleeschen.
Zu Hause erzählte Pit seiner kleinen Schwester zuerst von den Ohren und dann von dem gewaltigen Eselsruf. Das Boxemännchen teilten sie sich zum Nachmittagskaffee. Seine Schwester bekam den Kopf mit dem schiefen Rosinenauge.
Am Abend des 5. Dezember stellte Pit seine Hausschuhe vor die Schlafzimmertür. Daneben legte er eine dicke Karotte.
Dann rückte er die Hausschuhe ein paar Handbreit weg. Gusti sollte bloß nicht auf die Idee kommen, dass die Schuhe auch zum Knabbern da waren.
Vom Kleeschen, Houseker und süßen Boxemännchen
In Luxemburg heißt der heilige Nikolaus Kleeschen. Er bringt den Kindern in der Nacht vom 5. auf den 6. Dezember Süßigkeiten und Geschenke. Sein Begleiter ist der Houseker, der dem deutschen Knecht Ruprecht ähnelt. Auch ein Esel gehört zum traditionellen Nikolausbrauch. Deshalb stellen manche Kinder am Nikolausabend etwas Heu oder eine Karotte für das Tier bereit.
Schon in den Tagen vor dem Nikolausfest besucht der Kleeschen mit dem Houseker Schulen und Kindergärten. Die Kinder singen Lieder und bekommen kleine Geschenke. Besonders beliebt sind die Boxemännercher, auf Deutsch Boxemännchen. Das sind kleine Männchen aus süßem Hefeteig, die beispielsweise mit Rosinen verziert werden. In Luxemburg ist der 6. Dezember für die Kinder der staatlichen Grundschulen sogar schulfrei.
Auch die langen Ohren des Esels haben eine Besonderheit. Esel können sie unabhängig voneinander bewegen und dadurch Geräusche aus verschiedenen Richtungen wahrnehmen. Ihre Ohren helfen außerdem dabei, überschüssige Körperwärme abzugeben. So sind die auffälligen Eselohren nicht nur schön anzusehen, sondern ausgesprochen nützlich.
Vier Quizfragen zur Geschichte
Beantworten Sie die vier Quizfragen und sammeln Sie Ihren Geheimbuchstaben für das Weihnachtsgeheimnis. Sie können Ihre Antworten jederzeit verbessern. Den Geheimbuchstaben mit seiner Positionsnummer finden Sie auch auf dem Quizblatt, das Sie - weiter unten nach den vier Quizfragen - kostenlos als PDF herunterladen können.
Boxemännchen und lange Eselohren
Wie der Nikolaus in Luxemburg gefeiert wird, erfahren Kinder in dieser Geschichte ganz nebenbei. Wer die Begegnung von Pit und Gusti gerne ausgedruckt lesen oder vorlesen möchte, findet hier die kostenlose PDF-Ausgabe.
Nach der Weihnachtsgeschichte gibt es vier Quizkarten mit spannenden Fragen zum Kleeschen und seiner Heimat. Dafür muss die Geschichte nicht einmal gelesen worden sein. Die Karten lassen sich ausdrucken und gemeinsam mit den Quizkarten anderer Geschichten sammeln.
Auf dem Quizblatt zu dieser Weihnachtsgeschichte befindet sich ein Geheimbuchstabe mit seiner Positionsnummer. Gemeinsam ergeben die Buchstaben aller 45 Länderquizze eine weihnachtliche Botschaft.
Mit Lösungsheft als PDF – nach dem Entschlüsseln der Weihnachtsbotschaft.
Der Kleeschen und sein Esel auf Pinterest
Zu „Ein Gast mit langen Ohren“ gibt es drei liebevoll gestaltete Pinterest-Bilder. Sie zeigen den luxemburgischen Nikolausbrauch mit dem Kleeschen, seinem Esel und den traditionellen Boxemännchen. Wählen Sie Ihr Lieblingsmotiv aus und speichern oder teilen Sie es auf Pinterest.
Mehr Geschichten für Kinder: