Am 6. Januar stand bei Oma und Opa noch der Weihnachtsbaum. Zwischen den Zweigen hingen rote Papiersterne, die Daria im vorigen Winter ausgeschnitten hatte. Bei ihr zu Hause war der Schmuck längst verstaut, die Plätzchendose leer.
Die Großeltern lebten in einem Dorf im Norden der Republik Moldau. Sie feierten Weihnachten erst am 7. Januar, nach dem alten Kalender. Daria hatte mit ihren Eltern schon am 25. Dezember gefeiert. Gegen ein zweites Weihnachtsfest hatte sie nichts einzuwenden.
In der Küche knetete Oma Hefeteig auf einem großen Holzbrett. Daria zog sich einen Hocker heran. Oma schob ihr ein Stück Teig hin.
Dann rollte sie selbst einen langen Strang, bog ihn zu einer Acht und ließ die beiden unteren Enden offen. Crăciunei hießen diese Weihnachtsbrote. Bei Daria wurde der Strang mal dünn, mal dick. Sie strich mit den Händen darüber und bog ihn vorsichtig zurecht.
Oma rückte die beiden Enden noch ein wenig auseinander und legte Darias Acht als Erste aufs Blech.
Während die Brote im Ofen waren, deckte Daria den Tisch. Opa kam mit Äpfeln aus dem Vorratsraum und stellte seine nassen Stiefel auf die Matte. Draußen tropfte die Dachrinne. Bald roch es nach frischem Brot.
Als Oma das Blech herausholte, suchte Daria gleich ihre Acht. An einer Seite hatte sie einen dicken Bauch bekommen.
Oma legte ausgerechnet dieses Brot auf ein sauberes Tuch.
„Das heben wir bis zum Frühjahr auf.“
Daria hielt das für einen Scherz. Monatelang warten, bevor man es essen durfte?
Aber Oma meinte es ernst. Sie zeigte auf die Ikone an der Wand. Dort bewahrten sie jedes Jahr ein Crăciunel auf. Im Frühjahr nahm Opa es mit, wenn er zum ersten Mal das Feld pflügte. Ein Teil kam in die erste Furche, ein zweiter war für die Tiere und den dritten aß er selbst. Damit hofften die Menschen auf eine gute Ernte.
Daria schaute zum Fenster hinaus. Hinter dem Haus lagen die Felder braun und nass. Sie konnte sich kaum vorstellen, dass Opa dort bald wieder den Traktor fahren würde.
Sie half Oma, einen Faden an dem Crăciunel zu befestigen. Über dem kleinen Regal neben der Ikone fand sich ein Platz. Ihr Brot hing dort ein wenig schief.
Am späten Nachmittag hörten sie Kinder auf der Dorfstraße singen. Die Stimmen kamen näher. Daria lief zur Tür. Alina war dabei, mit der sie im Sommer Kirschen gepflückt hatte.
Die Kinder sangen den Vers zu Ende. Dann holte Oma den Korb mit den übrigen Crăciunei, und Daria durfte die Brote verteilen. Alina schob ihres in die Tasche ihrer dicken Jacke. Ein kleiner Junge schnupperte an seinem Brot, ehe ihn die Schwester am Ärmel weiterzog.
Alina fragte, ob Daria mit zum nächsten Haus käme. Sie kannte zwar nicht alle Strophen, aber den Refrain. Oma holte ihren Mantel. Bald sang Daria mit den anderen bei den Nachbarn. Als sie zurückkam, waren ihre Schuhe voller Schlamm.
Beim Abendessen wollte Daria wissen, ob die Tiere ein Brot essen konnten, das mehrere Monate an der Wand gehangen hatte. Opa versprach, es klein zu brechen. Zum Pflügen müsse der Acker erst trocknen, erklärte er.
Am nächsten Morgen holte Oma die schönen Teller aus dem Schrank. Jetzt war auch bei den Großeltern Weihnachten.
Beim Frühstück fragte Daria, ob sie im Frühjahr mit aufs Feld kommen dürfe, wenn Opa ihre Acht mitnahm. Er sagte zu und betrachtete ihre Schuhe, die noch immer unter der Bank trockneten.
„Aber bis dahin besorgen wir dir Gummistiefel.“
Zweimal Weihnachten und ein Brot für den Frühling
In der Republik Moldau gibt es zwei Weihnachtstermine: den 25. Dezember und den 7. Januar. Das liegt daran, dass manche Familien nach dem heute gebräuchlichen gregorianischen Kalender feiern, andere nach dem älteren julianischen Kalender. Zwischen beiden liegen zurzeit 13 Tage. Deshalb fällt der 25. Dezember des alten Kalenders auf unseren 7. Januar. Einige Familien feiern sogar an beiden Tagen Weihnachten.
Zu den alten Weihnachtsbräuchen Moldaus gehört das Backen der Crăciunei. Diese kleinen Brote werden aus Teig geformt und sehen aus wie eine Acht, deren untere Enden offen bleiben. Das erste Crăciunel bekommt einen besonderen Platz neben einer Ikone, einem religiösen Bild im Haus. Dort wird es bis zum Frühjahr aufbewahrt. Weitere Brote können beispielsweise an die Kinder verteilt werden, die singend von Haus zu Haus ziehen.
Wenn im Frühjahr die Feldarbeit beginnt, wird das aufbewahrte Weihnachtsbrot wieder hervorgeholt. Nach einer alten Überlieferung bricht der Bauer es in drei Teile. Einen legt er in die erste Ackerfurche, einen bekommen die Tiere und den dritten isst er selbst. Die Menschen erhofften sich davon eine gute Ernte, gesunde Tiere und genügend Nahrung für ihre Familien. So reicht dieser Weihnachtsbrauch weit über den Winter hinaus.
Vier Quizfragen zur Geschichte
Beantworten Sie die vier Quizfragen und sammeln Sie Ihren Geheimbuchstaben für das Weihnachtsgeheimnis. Sie können Ihre Antworten jederzeit verbessern. Den Geheimbuchstaben mit seiner Positionsnummer finden Sie auch auf dem Quizblatt, das Sie - weiter unten nach den vier Quizfragen - kostenlos als PDF herunterladen können.
Ein zweites Weihnachtsfest zum Nachlesen und Rätseln
Warum hängt bei Darias Großeltern ein Weihnachtsbrot neben der Ikone? Die Antwort gibt es in der Geschichte „Zwei Weihnachten“, die Sie hier kostenlos als PDF herunterladen können. Gut geeignet zum Vorlesen an einem gemütlichen Nachmittag.
Warum feiern manche Menschen in Moldau am 7. Januar Weihnachten, und was geschieht im Frühjahr mit dem besonderen Weihnachtsbrot? Im Quiz können Sie Ihr Wissen über diese und weitere Bräuche ausprobieren. Die Fragen lassen sich auch ohne Kenntnis der Geschichte beantworten.
Auf dem Quizblatt zu dieser Weihnachtsgeschichte befindet sich ein Geheimbuchstabe mit seiner Positionsnummer. Gemeinsam ergeben die Buchstaben aller 45 Länderquizze eine weihnachtliche Botschaft.
Mit Lösungsheft als PDF – nach dem Entschlüsseln der Weihnachtsbotschaft.
Darias zwei Weihnachtsfeste auf Pinterest
Zu „Zweimal Weihnachten“ gibt es drei verschiedene Pinterest-Bilder. Sie zeigen Daria beim Backen mit ihrer Großmutter, die Weihnachtssänger vor dem Haus und das besondere Weihnachtsbrot, das bis zum Frühjahr aufgehoben wird. Wählen Sie eines der Motive aus und teilen Sie die Geschichte auf Pinterest.
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