Weihnachten mit Gänsehaut

Am Heiligabend kniete Oma Mireille vor dem Kleiderschrank. Um sie herum lagen zwei Strandtücher, ein einzelner Badeschuh und der Strohhut vom Sommer.

„Der blaue Badeanzug“, murmelte sie. „Den habe ich doch nicht weggeworfen.“

Enzo fand ihn unten in einer Schublade. Oma packte ihn ein, zusammen mit Handtuch und Wollsocken.

„Willst du verreisen?“

„Nur bis zum Strand.“

Opa Jules schälte Mandarinen. „Sie will beim Weihnachtsbaden mitmachen. Ich halte das für verrückt.“

Im vergangenen Jahr hatte Oma noch zugeschaut. Danach hatte sie so oft von den Schwimmern gesprochen, dass Opa eines Tages sagte: „Dann mach es doch selbst.“

Im Sommer war Enzo am Strand von Larvotto stundenlang geschwommen. Aber im Dezember? Oma zog schon auf dem Balkon eine Strickjacke an.

Vor den Geschäften hingen Weihnachtsgirlanden. Aus einem Café drang Musik. Unterwegs fragte Enzo zum dritten Mal, ob Oma wirklich schwimmen wollte.

„Wenn ich es mir anders überlege, wirst du es schon sehen“, sagte sie.

Am Strand standen Zuschauer in Mänteln neben Frauen und Männern in Badekleidung. Ein älterer Herr trug eine Weihnachtsmütze, daneben hüpfte eine Frau barfuß auf der Stelle.

An einem Tisch meldeten sich die Teilnehmer an. Dort wurden auch Spenden für Menschen gesammelt, die Hilfe brauchten. Enzo fand eine Münze in seiner Jackentasche und warf sie ein.

Oma ging sich umziehen. Als sie zurückkam, trug sie den blauen Badeanzug und eine rote Mütze. Enzo musste grinsen. Sie sah aus wie seine Oma, nur mit viel zu wenig Kleidung.

„Hier.“ Sie gab ihm ihre Schuhe. „Pass gut darauf auf. Ich will nachher nicht barfuß nach Hause.“

Oma ging zu den anderen, die sich zur Musik aufwärmten. Sie kreiste die Arme und lachte mit ihrer Nachbarin. Dann gingen alle zum Wasser.

Enzo stellte sich auf die Zehenspitzen. Die Ersten rannten los und schrien, als das Wasser ihre Beine erreichte. Oma blieb am Ufer. Eine Welle schwappte über ihre Füße, und sie wich zurück.

„Sie geht nicht rein“, sagte Enzo.

„Würdest du denn?“, fragte Opa.

Enzo sah auf seine gefütterten Schuhe. „Bestimmt nicht.“

Oma wartete, bis die nächste Welle kam. Nun stapfte sie hinein, erst bis zu den Knien, dann bis zum Bauch. Schließlich schwamm sie ein kurzes Stück hinaus. Enzo suchte zwischen all den Köpfen ihre rote Mütze. Erst als sie umkehrte, fand er sie wieder.

Er umklammerte Omas Schuhe, bis sie wieder auf dem Sand stand.

Sie kam mit steifen Beinen zurück. Ihr Gesicht war rot, die Lippen blass. Opa Jules stand schon mit dem großen Handtuch bereit. Er legte es ihr um die Schultern und rubbelte ihr kräftig den Rücken und die Arme trocken.

„Jules, etwas vorsichtiger!“, sagte Oma, als er ihr dabei beinahe die Weihnachtsmütze vom Kopf wischte.

„Du bist ja ganz durchgefroren!“

„Die Socken“, sagte sie. „Enzo, bitte die Socken.“

Während Opa ihr das Handtuch umlegte, kramte Enzo in der Tasche. Ringsum wurden Haare trockengerubbelt und heiße Getränke verteilt. Oma setzte sich auf eine Mauer.

„War es schön?“, fragte Enzo.

„Nein“, sagte sie und musste lachen. „Es war schrecklich kalt.“ Sie zog die Socken über. „Aber ich wollte schon lange mal dabei sein.“

Auf dem Heimweg kauften sie Schokoladengebäck. Oma hielt einen Becher Tee zwischen den Händen. In den Rillen ihrer Schuhe steckte noch Sand.

Beim Weihnachtsessen musste Oma alles noch einmal erzählen. Opa behauptete, er habe schon beim Zuschauen gefroren.

„Und nächstes Jahr?“, fragte Enzos Mutter.

Oma nahm erst noch einen Bissen und dachte nach. „Frag mich im Sommer noch mal.“

Ihre dicken Wollsocken hatte sie unter dem Tisch noch immer an. Enzo konnte sie sehen, sobald sie die Füße auf die Stuhlsprosse stellte.

Mit Weihnachtsmütze ins Mittelmeer

Weihnachten mit Gänsehaut, Weihnachtsgeschichte, Oma friert

In Monaco, einem kleinen Fürstentum am Mittelmeer, gibt es einen ungewöhnlichen Weihnachtsbrauch: das Weihnachtsbaden, auf Französisch Bain de Noël. Dafür treffen sich Menschen im Dezember am Strand von Larvotto. Während am Ufer Zuschauer in Winterjacken stehen, steigen die Badegäste ins kühle Meer. Einige tragen dabei sogar rote Weihnachtsmützen.

Vor dem Baden wärmen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer gemeinsam auf, häufig mit Musik. Organisiert wird die Veranstaltung vom Verein „Les Amis du Bain de Noël de Monaco“. Die Badeaktion macht nicht nur Spaß, sondern dient auch einem guten Zweck: Jedes Jahr werden Spenden für eine ausgewählte Hilfsorganisation gesammelt.

Das Weihnachtsbaden findet nicht immer genau an Heiligabend statt. Im Jahr 2025 gingen am 24. Dezember fast 200 Menschen ins Mittelmeer. Das Wasser hatte nur ungefähr 16 Grad Celsius. Für viele Teilnehmer war das ein gehöriger Kälteschock! Trotzdem gehört der Sprung ins winterliche Meer für zahlreiche Menschen längst zu ihren Weihnachtsbräuchen.

Vier Quizfragen zur Geschichte

Beantworten Sie die vier Quizfragen und sammeln Sie Ihren Geheimbuchstaben für das Weihnachtsgeheimnis. Sie können Ihre Antworten jederzeit verbessern. Den Geheimbuchstaben mit seiner Positionsnummer finden Sie auch auf dem Quizblatt, das Sie - weiter unten nach den vier Quizfragen - kostenlos als PDF herunterladen können.

1. Frage

An welchem Strand findet das traditionelle Weihnachtsbaden in Monaco statt?

2. Frage

Was machen die Teilnehmer beim Weihnachtsbaden, bevor sie ins kühle Meer gehen?

3. Frage

Wofür werden beim Weihnachtsbaden in Monaco Spenden gesammelt?

4. Frage

Welchen Titel trägt das Staatsoberhaupt von Monaco?

Kalte Wellen, warme Lesestunden

Die Geschichte rund um Oma Mireilles ungewöhnlichen Strandbesuch steht hier als PDF bereit. Sie können sie herunterladen, ausdrucken und zu Hause in aller Ruhe vorlesen.

Mit Gänsehaut

Warum steigen in Monaco Menschen mitten im Dezember ins Mittelmeer? Das Quiz beschäftigt sich mit dem Weihnachtsbaden und mit einigen Besonderheiten des Fürstentums. Die Fragen können Sie auch ohne Kenntnis der Geschichte beantworten.

Quiz zu Monaco

Auf dem Quizblatt zu dieser Weihnachtsgeschichte befindet sich ein Geheimbuchstabe mit seiner Positionsnummer. Gemeinsam ergeben die Buchstaben aller 45 Länderquizze eine weihnachtliche Botschaft.

Zum Weihnachtsgeheimnis

Mit Lösungsheft als PDF – nach dem Entschlüsseln der Weihnachtsbotschaft.

Oma Mireilles Weihnachtsabenteuer auf Pinterest

Ein Badeanzug, eine Weihnachtsmütze und ein Großvater, der vorsorglich das Handtuch bereithält: Auch auf den Bildern geht es bei Enzos Familie lebhaft zu. Hier finden Sie drei Illustrationen zur Weihnachtsgeschichte, die Sie gerne auf Pinterest teilen können.

Mehr Geschichten für Kinder:

Weihnachtsgeschichten

Gute-Nacht-Geschichten