Was das Glück an Luka fand, war Anja ein Rätsel. Im Sommer hatte ihr Cousin Omas Gartentor aus den Angeln gerissen. Als das letzte Stück Pflaumenkuchen verschwunden war, wusste er von nichts. Nur die Krümel am Pullover verrieten ihn.
Trotzdem durfte er an Weihnachten jedes Jahr als Erster zu Oma kommen. In Montenegro feierte Anjas Familie am 7. Januar. Der erste Besucher, der Polažajnik, sollte dem Haus Glück bringen und bekam dafür ein Geschenk. Oma Jasna hatte Luka dunkelblaue Wollsocken gestrickt, mit zwei roten Streifen.

„Warum darf das eigentlich kein Mädchen machen?“, fragte Anja, als Oma die Socken einpackte.
„Bei uns waren es immer die Jungen. Mein Bruder hat das schon bei unseren Großeltern gemacht.“
„Und wenn du vor ihm dort gewesen wärst?“
Oma hielt mit dem Einpacken inne. „Ich weiß nicht, ob ich mich das getraut hätte.“ Sie schob Anja die Schüssel mit den Walnüssen zu.
Im Haus gegenüber brannte noch Licht. Frau Vesna stand am Fenster und rührte in einer großen Schüssel. Ihr Neffe kam sonst jedes Jahr zu Weihnachten, doch diesmal lag er mit Fieber im Bett. Das hatte Anja von ihrer Mutter gehört.
Am nächsten Morgen schlich Anja mit einer Orange in der Tasche über die stille Gasse. Vor Frau Vesnas Tür wurde sie unsicher. Was, wenn die Nachbarin lieber auf einen Jungen wartete?
Als Frau Vesna öffnete, roch es hinter ihr nach frischem Gebäck. An ihrem Ärmel klebte Mehl.
„Ich wollte fragen, ob heute schon jemand da war“, begann Anja. „Wenn nicht, könnte ich Ihr Polažajnik sein.“ Sie hielt die Orange hoch. „Den Weihnachtsgruß kann ich auch.“
Frau Vesna sah sie erstaunt an. Dann lächelte sie. „Na, das ist ja eine Überraschung. Aber natürlich! Warte, ich stehe dir ja im Weg.“
Anja setzte den rechten Fuß zuerst über die Schwelle und rief: „Hristos se rodi!“ Frau Vesna erwiderte den Gruß und nahm die Orange entgegen. Die Schale hatte einen Druckfleck, doch Frau Vesna bemerkte ihn gar nicht.
Auf dem Herd brutzelten Priganice, kleine Teigstücke, die man mit Honig aß. Frau Vesna hatte viel zu viele gemacht. „Mein Neffe hat gestern am Telefon gejammert, weil er diesmal keine bekommt. Dabei hat er noch gar keinen Appetit.“
Anja aß drei Stück. Den feierlichen Glückwunsch, den sie hatte sagen wollen, vergaß sie völlig. Stattdessen wünschte sie dem Neffen gute Besserung und fragte, ob Frau Vesna mittags Sarma bei ihnen essen wolle. Oma kochte ohnehin für doppelt so viele Leute.
Frau Vesna wollte vorher lieber Oma selbst fragen. Aber eine Dose Priganice gab sie Anja für ihre Familie mit.
Zu Hause saß Luka längst am Tisch, in den neuen Socken und mit Honig am Kinn. Anja berichtete von ihrem Besuch. Oma hörte zu und sah dabei einmal zum Haus gegenüber hinüber. Dann holte sie einen weiteren Teller aus dem Schrank.

Zum Mittagessen kam Frau Vesna mit einem Glas eingelegter Paprika. Oma Jasna behauptete, sie hätten doch längst genug zu essen, nahm sich aber gleich zwei Stück. Die beiden Frauen hatten sich so viel zu erzählen, dass Anja Geschichten aus Omas Kindheit hörte, von denen sie bisher nichts gewusst hatte.
Luka, der seine neuen Socken trug, wollte wissen, ob Anja für ihren Besuch auch ein Geschenk bekommen habe. „Priganice“, sagte Anja. „Und Frau Vesna hat mich zum Frühstück eingeladen.“ Die alte Dame nickte. „Im nächsten Jahr decke ich gleich wieder für zwei.“
„Ich komme aber schon vorher wieder“, versprach Anja. „Morgen vielleicht?“ Frau Vesna freute sich. „Dann zeige ich dir, wie man Priganice macht. Schließlich muss meine Glücksbringerin das auch lernen.“
Der erste Weihnachtsgast in Montenegro
In Montenegro feiern viele orthodoxe Familien am 7. Januar Weihnachten. Ein besonderer Brauch gehört dort zum Weihnachtsmorgen: der Besuch des Polažajnik, auch Položajnik genannt. So heißt die Person, die als Erste ein Haus betritt und der Familie Glück für das neue Jahr bringen soll.
Oft wird der erste Gast schon vorher ausgesucht. Früher waren das meistens Männer oder Jungen, häufig Verwandte oder Nachbarn. Der Polažajnik begrüßt die Familie, spricht gute Wünsche aus und wird bewirtet. In manchen Gegenden bringt er eine Orange mit. Als Dank erhält er ein kleines Geschenk, beispielsweise ein Paar Socken.
Der traditionelle Weihnachtsgruß lautet „Hristos se rodi!“ – „Christus ist geboren!“ Darauf antwortet die Familie mit „Vaistinu se rodi!“ – „Er ist wahrhaftig geboren!“ Nicht überall wird der Brauch auf dieselbe Weise gepflegt. Jede Familie hat ihre eigenen Gewohnheiten, und wie bei Anja in der Geschichte können auch neue dazukommen.
Vier Quizfragen zur Geschichte
Beantworten Sie die vier Quizfragen und sammeln Sie Ihren Geheimbuchstaben für das Weihnachtsgeheimnis. Sie können Ihre Antworten jederzeit verbessern. Den Geheimbuchstaben mit seiner Positionsnummer finden Sie auch auf dem Quizblatt, das Sie - weiter unten nach den vier Quizfragen - kostenlos als PDF herunterladen können.
Ein Weihnachtsmorgen zum Mitnehmen und Rätseln
Frau Vesna bekommt an Weihnachten überraschend Besuch. Die Geschichte dazu gibt es auch als PDF zum Herunterladen und Ausdrucken. So lässt sie sich ganz gemütlich ohne Bildschirm lesen.
Warum ist der erste Weihnachtsgast in Montenegro etwas Besonderes? Im Quiz geht es um diesen alten Brauch und um das Land selbst. Zu jeder Frage stehen vier Antworten zur Auswahl.
Auf dem Quizblatt zu dieser Weihnachtsgeschichte befindet sich ein Geheimbuchstabe mit seiner Positionsnummer. Gemeinsam ergeben die Buchstaben aller 45 Länderquizze eine weihnachtliche Botschaft.
Mit Lösungsheft als PDF – nach dem Entschlüsseln der Weihnachtsbotschaft.
Ein bisschen Weihnachtsglück für die Pinnwand
Zur Geschichte „Die Glücksbringerin“ gibt es drei Bilder, die auf Pinterest geteilt werden können. Welches gefällt am besten? Alle drei führen zur Weihnachtsgeschichte aus Montenegro.
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