Seit Anfang Dezember stand Omas Krippe auf Saras Küchentisch. Maria und Josef waren aus bemaltem Ton, dem Esel fehlte die Spitze eines Ohres. Für die Hirten war zwischen der Obstschale und Saras Schulheften gerade noch Platz. Die Hefte mussten auf die Fensterbank umziehen.
Sara war neun und lebte in einem Dorf auf Malta. An Heiligabend sollte sie in der Pfarrkirche die Weihnachtsgeschichte erzählen. Nicht der Pfarrer würde die Predigt halten, sondern sie. Auf Malta gab es diesen alten Brauch, Il-Priedka tat-Tifel, schon seit mehr als hundert Jahren.
Seit Wochen übte Sara. Ihre Großmutter hörte ihr nachmittags zu, während sie Bohnen putzte oder Wäsche zusammenlegte. Den Anfang konnte Sara längst auswendig. Am liebsten mochte sie die Stelle, an der die Hirten mitten in der Nacht von den Engeln überrascht wurden.

Oma hatte die Krippenfiguren mitgebracht, damit Sara beim Erzählen die passenden Gestalten vor sich hatte. Maria und Josef wanderten zum Stall, die Hirten warteten auf der anderen Seite der Zuckerdose. Ein winziges Schaf war so schief geraten, dass es immer zur Seite kippte.
Ihr kleiner Bruder Luca fand die Übungen ausgezeichnet. Er war fünf und nahm sich besonders der Schafe an. Während Sara ihren Text aufsagte, schob er die ganze Herde dicht an den Stall.
„Die sind doch noch draußen auf dem Feld“, erklärte Sara.
„Aber wer passt auf sie auf?“
Er stellte einen Hirten daneben, drückte ihm den Stab in die Hand und rückte vorsichtshalber auch den Esel heran. Oma zog die Zuckerdose weg, bevor eines der Tiere dagegenstieß.
Am folgenden Nachmittag brachte Luca einen Stoffrest mit. Er faltete ihn zu einer Decke und legte sie dem kleinsten Schaf um. Nachts werde es auch auf Malta kühl, erklärte er, und in Bethlehem bestimmt erst recht. Sara betrachtete das winzige, zugedeckte Schaf. Es sah aus wie ein Brötchen im Taschentuch.
So verging der Dezember. Draußen hingen Lichterketten zwischen den hellen Steinhäusern. Abends fuhr manchmal ein kräftiger Wind vom Meer durch die Gassen. Drinnen schob Sara die Figuren hin und her, bis sie ihre Predigt auch ohne die Krippe sprechen konnte.
An Heiligabend trug Oma die Figuren ins Wohnzimmer. Sara zog das Kleid an, das seit Tagen bereitlag. Luca bestand auf seinem besten Pullover und kämmte sich selbst die Haare. Hinten stand trotzdem eine Strähne ab.

Die Kirche war voll. Es roch nach Tannengrün, die großen Kerzen am Altar brannten. Sara sah ihre Eltern in der dritten Reihe. Neben ihnen saß Oma, die Luca auf den Schoß genommen hatte. Seine Füße baumelten über ihren Knien.
Dann trat Sara nach vorn. Ihre Stimme hörte sich hier ganz anders an als in der Küche. Sie erzählte von Maria und Josef, von Bethlehem und dem Kind in der Krippe. Niemand klapperte mit Geschirr, niemand rückte Schafe von einer Tischkante zur anderen.
Als die Hirten an der Reihe waren, schaute Sara kurz zu Luca. Er saß aufrecht auf Omas Schoß und hörte zu. Sogar seine Füße hielten für einen Augenblick Ruhe.
Nach der Messe liefen sie durch die schmalen Straßen heim. An den Balkonen leuchteten Weihnachtssterne, und aus einem offenen Fenster klang Musik.
Luca ging schnurstracks zur Krippe. Dort lagen die drei Schafe noch beim Stall. Er schob den Hirten ein wenig näher heran und zupfte die Stoffdecke über den Rücken des kleinsten Schafes.
„Jetzt kann er auf sie aufpassen“, sagte er. „Du hast ja fertig erzählt.“
Wenn Kinder auf Malta die Weihnachtspredigt halten
Auf Malta gibt es einen besonderen Weihnachtsbrauch: die Predigt eines Kindes. In vielen Kirchen übernimmt an Heiligabend ein Junge oder Mädchen die Weihnachtsansprache. Das Kind erzählt den Menschen von der Geburt Jesu in Bethlehem. Dafür lernt es seinen Text schon Wochen vorher auswendig.
Die erste bekannte Kinderweihnachtspredigt auf Malta wurde im Jahr 1883 gehalten. Damals trat der zehnjährige Ġorġ Sapiano in der Pfarrkirche des Ortes Luqa vor die Gemeinde. Zunächst übernahmen nur Jungen diese Aufgabe. Heute dürfen auch Mädchen die Weihnachtsgeschichte vortragen. Der Brauch wird bis heute in zahlreichen maltesischen Kirchengemeinden gepflegt.
Auch Weihnachtskrippen gehören auf Malta zum Fest. Sie werden dort Presepji genannt. Die kleinen Figuren heißen Pasturi und zeigen Maria, Josef, das Jesuskind, Hirten, Schafe und andere Gestalten der Weihnachtsgeschichte. Viele Familien stellen zu Hause eine eigene Krippe auf. Manche maltesischen Krippen zeigen sogar die typische Landschaft der Insel mit ihren hellen Steinen und kleinen Häusern.
Vier Quizfragen zur Geschichte
Beantworten Sie die vier Quizfragen und sammeln Sie Ihren Geheimbuchstaben für das Weihnachtsgeheimnis. Sie können Ihre Antworten jederzeit verbessern. Den Geheimbuchstaben mit seiner Positionsnummer finden Sie auch auf dem Quizblatt, das Sie - weiter unten nach den vier Quizfragen - kostenlos als PDF herunterladen können.
Saras Weihnachtsabend zum Lesen und Rätseln
Auf Saras Küchentisch wird aus einer kleinen Weihnachtskrippe ein Schauplatz für die Proben zur Weihnachtspredigt. Dabei hat ihr Bruder Luca besonders die Schafe im Blick. Hier können Sie die Geschichte kostenlos als PDF herunterladen und vorlesen.
Dass auf Malta auch Kinder eine Weihnachtspredigt halten dürfen, ist eine Besonderheit. Doch seit wann gibt es diesen Brauch, und wie wird er gefeiert? Mit den Multiple-Choice-Fragen können Sie Ihr Wissen über die maltesischen Weihnachtstraditionen testen.
Auf dem Quizblatt zu dieser Weihnachtsgeschichte befindet sich ein Geheimbuchstabe mit seiner Positionsnummer. Gemeinsam ergeben die Buchstaben aller 45 Länderquizze eine weihnachtliche Botschaft.
Mit Lösungsheft als PDF – nach dem Entschlüsseln der Weihnachtsbotschaft.
Ein Weihnachtsabend auf Malta für Pinterest
Was macht Weihnachten auf Malta besonders? In drei Bildern zur Geschichte „Die kleine Weihnachtspredigerin“ begegnen uns Sara, ihre Familie und die maltesische Weihnachtstradition. Vielleicht findet eines der Motive einen Platz auf Ihrer Pinterest-Pinnwand mit Weihnachtsgeschichten für Kinder?
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