Ein Ton für Heiligabend

An Heiligabend wollte Niek seinem Opa Willem einen Ton auf dem Midwinterhoorn vorspielen. Einen einzigen, aber einen ordentlichen. Vorher durfte Opa nichts davon erfahren.

Am ersten Advent hatte Opa das lange, gebogene Holzhorn wie jedes Jahr aus der Scheune geholt. Vom alten Brunnen aus ließ er seine tiefen Rufe über die Wiesen von Twente klingen. Antwortete ein anderes Horn aus der Ferne, wartete er geduldig ab, ehe er erneut hineinblies.

An diesem Sonntag hatte er Niek zum ersten Mal selbst blasen lassen. Der Zehnjährige pustete, was seine Lunge hergab, und bekam einen roten Kopf. Viel war nicht zu hören.

„Du musst den Ton mit den Lippen machen. Nicht das Horn vollpusten.“

Opa zeigte es ihm geduldig, doch Niek brachte nur ein klägliches Pffft zustande. Bei seinem Großvater gelang es auf Anhieb. Das war natürlich ärgerlich.

Als Opa einige Tage später ins Dorf fuhr, holte Niek das Horn heimlich aus der Scheune. Hinter dem Holzschuppen legte er das breite Ende auf einen alten Kartoffelkasten und übte, bis ihm die Backen schmerzten.

„Ist das Willems Horn?“

Hinter der Hecke stand Herr Bos, der Nachbar. Er trug seine Schirmmütze tief über den Augen. Früher waren er und Opa die besten Freunde gewesen. Doch vor einigen Jahren hatte Opa ihm sein altes Midwinterhoorn geliehen, das noch von seinem Vater stammte. Bei einer Adventsfeier war es Herrn Bos aus den Händen gefallen und hatte einen langen Riss bekommen. Er hatte es sorgfältig reparieren lassen. Trotzdem sprach Opa seitdem kaum noch mit ihm.

Niek wollte das Horn schon forttragen, doch Herr Bos kam durch das Gartentor herüber. Behutsam fuhr er mit dem Daumen über die reparierte Stelle. Dann zog er das kleine Mundstück aus Holunderholz heraus.

„Fang erst damit an. Das lange Horn brauchst du noch gar nicht.“

Auch ohne Horn war es nicht leichter. Herr Bos zeigte ihm, wie er die Lippen zum Schwingen brachte. Dann setzte er sich auf den Kartoffelkasten, holte einen Apfel aus der Tasche und begann ihn zu schälen.

Niek probierte weiter. Einmal rutschte ihm das Mundstück fast aus der Hand. Dann kam ein raues Schnarren heraus. Herr Bos hielt mitten im Schälen inne.

„Na, hör mal! Kannst du das noch einmal?“

Zunächst konnte Niek nicht. Bis zum Abend gelang es ihm immerhin dreimal. Herr Bos gab ihm ein Stück Apfel und versprach, Opa nichts zu verraten.

Nach der Schule schlich sich Niek nun öfter in Herrn Bos‘ Schuppen. Zwischen der Werkbank und den rostigen Zangen war Platz genug zum Üben. Schließlich gelang ihm auch auf dem ganzen Horn ein Ton. Kein besonders schöner, aber er war da.

Einmal kam Opa früher vom Einkaufen zurück. Niek erkannte sein Fahrrad an der quietschenden Bremse und duckte sich hinter die Werkbank. Herr Bos trat vors Gartentor und verwickelte Opa in ein Gespräch über dessen Fahrrad, das dringend geölt werden müsse.

Während die beiden miteinander redeten, konnte Niek mit dem Horn ungesehen am Gemüsegarten vorbei nach Hause schleichen.

Am Heiligabend war der Brunnenrand nass vom Nebel. Niek bat Opa, zuerst blasen zu dürfen. Als er das Mundstück an die Lippen setzte, war er so aufgeregt, dass ihm die Hände zitterten.

Es kam kein Ton. Niek wischte die feuchten Hände an seiner Jacke ab und versuchte es noch einmal. Diesmal klang es: ein tiefer Ton, anfangs etwas wacklig, dann immer kräftiger. Niek blies, bis ihm die Luft ausging.

Opa Willem hatte die Mütze abgenommen. „Das hast du nicht allein gelernt, mein Junge.“

Niek gestand, dass Herr Bos ihm geholfen hatte. Opa sagte nichts. Er betrachtete den alten, sauber verleimten Riss in seinem Horn.

Da öffnete sich das Gartentor. Herr Bos stand draußen, sein eigenes Midwinterhoorn unter dem Arm. Offenbar hatte er alles gehört.

Eine Weile wusste keiner der beiden Männer, was er sagen sollte. Schließlich räusperte sich Opa.

„Du hast mir damals das Horn wieder ordentlich hergerichtet. Das hätte ich dir längst sagen sollen.“

Herr Bos nahm seine Mütze ab. „Und ich hätte besser darauf aufpassen müssen.“

Opa nickte. Dann deutete er auf den Brunnen. „Komm schon her. Früher haben wir doch auch zusammen gespielt.“

Und tatsächlich standen die beiden wenig später nebeneinander und bliesen ihre alten Hornrufe über die Wiesen. Niek durfte zwischendurch ebenfalls spielen, wobei ihm Herr Bos jedes Mal verstohlen zunickte.

Als es dunkel wurde, nahm Opa seinen Nachbarn mit ins Haus. Oma holte eine weitere Tasse aus dem Schrank und stellte Weihnachtsgebäck auf den Tisch.

Herr Bos blieb bis zum Abendessen. Und als er endlich aufbrach, musste er Opa versprechen, am nächsten Morgen wiederzukommen. Sie wollten gemeinsam mit Niek üben.

„Aber erst nach dem Frühstück“, sagte Herr Bos. „Und diesmal bringe ich den Apfelkuchen mit.“

Das Midwinterhoorn in den Niederlanden

Ein Ton für Heiligabend: Midwinterhorn

In der niederländischen Region Twente erklingen in der Advents- und Weihnachtszeit besondere Holzhörner. Sie heißen Midwinterhoorn und sind oft mehr als einen Meter lang. Ihre tiefen Töne tragen weit über die Wiesen und Felder. Der alte Brauch wird bis heute gepflegt.

Ein Midwinterhoorn ist leicht gebogen und wird aus Holz hergestellt. Dafür sägt man einen passenden Stamm der Länge nach auseinander, höhlt beide Hälften aus und fügt sie wieder zusammen. Das Mundstück besteht häufig aus Holunderholz. Der Spieler muss seine Lippen zum Schwingen bringen, damit ein Ton entsteht. Das verlangt einige Übung.

Mancherorts wird das Midwinterhoorn am Rand eines alten Brunnens gespielt. Früher bewahrte man bestimmte Hörner auch im Wasser auf, damit das Holz nicht austrocknete und die beiden Hälften dicht zusammenblieben. Traditionell beginnt das Hornblasen am ersten Adventssonntag und endet am 6. Januar, dem Dreikönigstag. Besonders schön ist es, wenn ein Hornruf über die Landschaft klingt und ein anderer Spieler aus der Ferne antwortet.

Vier Quizfragen zur Geschichte

Beantworten Sie die vier Quizfragen und sammeln Sie Ihren Geheimbuchstaben für das Weihnachtsgeheimnis. Sie können Ihre Antworten jederzeit verbessern. Den Geheimbuchstaben mit seiner Positionsnummer finden Sie auch auf dem Quizblatt, das Sie - weiter unten nach den vier Quizfragen - kostenlos als PDF herunterladen können.

1. Frage

Aus welchem Material wird das traditionelle niederländische Midwinterhoorn hergestellt?

2. Frage

Wann beginnt in Twente traditionell die jährliche Midwinterhoorn-Saison?

3. Frage

Wo wurde das Midwinterhoorn früher oft gespielt?

4. Frage

An welchem Meer liegen die Niederlande?

Vom Hornruf zum Europa-Quiz

Ein Junge, ein Holzhorn und ein Nachbar, von dem Opa möglichst nichts erfahren soll. Die Weihnachtsgeschichte „Ein Ton für Heiligabend“ können Sie hier als PDF herunterladen und ausdrucken.

Ton aus Horn

Wie entsteht ein Ton auf dem Midwinterhoorn? Und wann erklingen diese besonderen Holzhörner? Das Quiz beschäftigt sich mit dem alten Weihnachtsbrauch aus Twente und mit weiteren interessanten Fragen über die Niederlande.

Quiz zu Niederlande

Auf dem Quizblatt zu dieser Weihnachtsgeschichte befindet sich ein Geheimbuchstabe mit seiner Positionsnummer. Gemeinsam ergeben die Buchstaben aller 45 Länderquizze eine weihnachtliche Botschaft.

Zum Weihnachtsgeheimnis

Mit Lösungsheft als PDF – nach dem Entschlüsseln der Weihnachtsbotschaft.

Von der ersten Hornstunde bis zum Weihnachtsabend

Von der ersten Hornstunde bis zum Weihnachtsabend

Nieks Geschichte hat gleich mehrere schöne Bildmotive bekommen. Drei davon können hier auf Pinterest gespeichert und geteilt werden. Vielleicht findet eines der Bilder einen Platz auf Ihrer Weihnachts-Pinnwand?

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