Ein Weihnachtslied für Mama

Am Morgen des 6. Januar war es in der Küche ungewöhnlich still. Sonst sang Marijas Mutter schon beim Teekochen die alten Kolede-Lieder. Am liebsten mochte Marija das Lied von den goldenen Türen. Sie kannte die Strophen längst auswendig und sang beim Frühstück gerne mit. Doch heute stand nur Mamas leere Tasse auf dem Tisch. Sie war längst zum Frühdienst ins Krankenhaus gefahren.

Am Abend hatte Mama noch mit Marija die Verse geübt. Dann war sie mitten im Lied verstummt. „Morgen höre ich keinen von euch singen.“ Ihre Schicht begann, bevor die ersten Kinder vor dem Haus sangen.

Da hatte Marija beschlossen, mit ihren Liedern dorthin zu gehen, wo Mama arbeitete.

Sie zog mit ihrer Freundin Jana und dem kleinen Bruder Filip los. In Nordmazedonien zogen die Kinder zu Kolede singend von Haus zu Haus und bekamen dafür Nüsse oder Gebäck. Filip trug eine große Stofftasche. Sein Vater hatte ihm eingeschärft, sie nicht schon unterwegs leer zu essen.

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Beim Bäcker gab es warme Brötchen. Danach führte Marija die beiden zum Krankenhaus. Vor dem großen Eingang wurde ihr plötzlich unbehaglich. Ob die Kranken überhaupt etwas von ihrem Lied hören wollten?

Herr Ilija, der Pförtner, kannte sie von ihren Besuchen bei Mama. Im Haus dürften sie nicht singen, erklärte er. Aber er wollte fragen, ob es im Innenhof ginge. Während er telefonierte, aß Filip sein Brötchen.

Schließlich brachte Herr Ilija sie nach draußen. „Die Schwestern wissen Bescheid. Versucht es mal hier.“

Über dem Hof waren lauter leere Fenster. Jana stimmte ein Lied an, Marija sang mit, Filip erwischte nur den Refrain.

Goldne Türen, warmer Schein,
lasst die frohen Lieder rein.
Glück und Freude wünschen wir,
unsre Herzen sind bei dir.

Nach der ersten Strophe blieb es still. Das Krankenhaus war groß. Vielleicht arbeitete Mama ganz woanders.

Marija holte schon Luft zum zweiten Lied, als sich eine Gardine bewegte. Im zweiten Stock stand eine alte Frau mit weißem Zopf. Sie winkte, erst zaghaft, dann mit beiden Händen. Gegenüber erschien ein Mann im gestreiften Schlafanzug und schwenkte sein Taschentuch.

Nun kam auch ein Junge ans Fenster, kaum älter als Filip. Er hielt einen Stoffhasen im Arm und drückte dessen Pfote gegen die Scheibe. In den oberen Stockwerken tauchten weitere Gesichter auf. Eine Krankenschwester rückte einem alten Herrn den Stuhl ans Fenster. Der klopfte mit der Hand den Takt auf die Lehne.

Marija vergaß darüber beinahe, nach Mama Ausschau zu halten. Sie sangen aus voller Kehle. Aus einem halb geöffneten Fenster antwortete eine dünne Stimme, die den alten Vers bis zum Schluss kannte.

Unten ging die Hoftür auf. Mama kam heraus, den Kugelschreiber noch an der Brusttasche. Sie sah erst zu den Fenstern hinauf, dann zu den Kindern.

„Wir wollten dir Kolede bringen“, sagte Marija.

Mama drückte Marija fest an sich. Dann blieb sie bei den Kindern stehen und sang die letzte Strophe mit. Jana musste lachen: An genau derselben Stelle wie zu Hause erfand Mama wieder eine eigene Melodie. Oben winkte die alte Frau noch immer.

Auf dem Heimweg redete Filip nur von dem Jungen mit dem Stoffhasen. Ob der wohl auch am nächsten Morgen ans Fenster kommen würde? Marija wusste es nicht. Aber sie hoffte, dass er die Lieder gut gehört hatte.

Am Abend brachte Mama eine Bitte aus dem Krankenhaus mit. Der Junge mit dem Stoffhasen wollte das Lied lernen, damit er es seiner Oma vorsingen konnte, wenn er wieder zu Hause wäre.

Mama setzte sich noch in der Jacke an den Küchentisch. Marija holte Papier, und sie schrieben die Strophen für ihn auf. Bei der zweiten musste Mama lachen: Sie hatte sich jahrelang eine eigene Zeile dazu ausgedacht.

Hinweis zum Kolede-Lied: Der Vierzeiler „Goldne Türen, warmer Schein“ wurde für diese Geschichte frei auf Deutsch gedichtet. Er greift Motive traditioneller Kolede-Lieder aus Nordmazedonien auf, in denen Kinder unter anderem vom Öffnen der Türen singen und den Bewohnern Glück wünschen. Es handelt sich nicht um eine wörtliche Übersetzung eines überlieferten Liedtextes.

Kolede – Weihnachtssingen in Nordmazedonien

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In Nordmazedonien ziehen am frühen Morgen des 6. Januar vielerorts Kinder von Haus zu Haus und singen traditionelle Kolede-Lieder. Sie sind schon unterwegs, wenn es draußen noch dunkel ist. Mit ihren Liedern wünschen sie den Bewohnern Glück, Gesundheit und ein gutes neues Jahr. Viele orthodoxe Familien feiern am folgenden Tag, dem 7. Januar, Weihnachten.

Für ihren Gesang bekommen die Kinder kleine Geschenke. Früher waren das vor allem Walnüsse, Kastanien, Äpfel, Mandarinen und selbst gebackene Brötchen. Heute gibt es auch Süßigkeiten oder ein wenig Geld. Die Kinder tragen Beutel und Taschen mit, in denen sie ihre Gaben sammeln. Die Kolede-Lieder sind schon sehr alt. Je nach Gegend werden unterschiedliche Verse gesungen.

Die Feierlichkeiten beginnen in manchen Orten bereits am Abend des 5. Januar mit einem Kolede-Feuer, zu dem sich die Nachbarn treffen. Der 6. Januar heißt Badnik und ist der orthodoxe Heiligabend. An diesem Tag versammelt sich die Familie zum festlichen Essen. In vielen Familien gibt es ein besonderes Brot mit einer eingebackenen Münze. Wer die Münze in seinem Brotstück entdeckt, soll im neuen Jahr Glück haben.

Vier Quizfragen zur Geschichte

Beantworten Sie die vier Quizfragen und sammeln Sie Ihren Geheimbuchstaben für das Weihnachtsgeheimnis. Sie können Ihre Antworten jederzeit verbessern. Den Geheimbuchstaben mit seiner Positionsnummer finden Sie auch auf dem Quizblatt, das Sie - weiter unten nach den vier Quizfragen - kostenlos als PDF herunterladen können.

1. Frage

Wie heißt das traditionelle Weihnachtssingen der Kinder in Nordmazedonien?

2. Frage

Wann ziehen die Kinder in Nordmazedonien traditionell zum Kolede-Singen los?

3. Frage

Was bekommen die Kinder beim Kolede-Singen traditionell häufig geschenkt?

4. Frage

Welche Aussage über die geografische Lage Nordmazedoniens ist richtig?

Von Marijas Liedern zu Europas Weihnachtsbräuchen

Marija hat sich für ihre Mutter etwas Besonderes ausgedacht. Die Weihnachtsgeschichte über ihren Besuch im Krankenhaus und den alten Kolede-Brauch aus Nordmazedonien gibt es hier als PDF zum Herunterladen. Sie eignet sich zum Vorlesen und für gemütliche Lesestunden.

Weihnachtslied

Wie gut sind die Weihnachtsbräuche Nordmazedoniens bekannt? Zum Ausdrucken gibt es vier Quizkarten mit Fragen über Kolede und das Land selbst. Die Karten können gesammelt und mit den Quizkarten zu weiteren europäischen Weihnachtsbräuchen ergänzt werden.

Quiz zu Nordmazedonien

Auf dem Quizblatt zu dieser Weihnachtsgeschichte befindet sich ein Geheimbuchstabe mit seiner Positionsnummer. Gemeinsam ergeben die Buchstaben aller 45 Länderquizze eine weihnachtliche Botschaft.

Zum Weihnachtsgeheimnis

Mit Lösungsheft als PDF – nach dem Entschlüsseln der Weihnachtsbotschaft.

Drei Bilder von Marijas ungewöhnlichem Weihnachtsmorgen für Pinterest

Marijas Geschichte aus Nordmazedonien hat drei eigene Illustrationen bekommen. Sie erzählen von einem besonderen Weihnachtsbrauch, einer kleinen Überraschung und einem Lied, das noch gebraucht wird. Alle drei Bilder stehen hier zum Teilen auf Pinterest bereit.

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