Emil wollte seinem Großvater gerade die Schnur reichen, mit der sie eine Hafergarbe für die Vögel aufhängen wollten, als es im Nachbargarten schepperte. Gleich darauf hörte er Frau Halvorsen schimpfen. Erst mit der Leiter, die offenbar nicht stehen bleiben wollte, dann mit ihrem Hund Birk.
Emil stellte sich auf die Zehenspitzen und schaute über den Zaun.
Die rundliche Nachbarin stand mitten im Schnee. Ihre grauen Locken lugten unter einer roten Wollmütze hervor. Unter dem Arm klemmte ein dickes Bündel Hafer, und neben ihr saß Birk, ein großer, zotteliger Hund, der aufmerksam zuschaute.
Frau Halvorsen hatte offenbar dasselbe vor wie Emil und sein Großvater. In Norwegen nannte man die Weihnachtsgarbe für die Vögel Julenek. Nur brauchte die Nachbarin noch jemanden, der ihr die Leiter festhielt.
„Emil, du kommst gerade recht!“, rief sie über den Zaun. „Kannst du mir kurz helfen?“
Großvater begleitete ihn. Er prüfte, ob die kleine Leiter sicher stand, bevor er zu seiner eigenen Arbeit zurückkehrte.
Frau Halvorsen stieg zwei Sprossen hinauf. Emil hielt die Leiter fest, während sie sich mit der Hafergarbe abmühte. Der Ast, den sie ausgesucht hatte, lag ein gutes Stück über ihrem Kopf.
„Ein bisschen weiter nach rechts“, sagte Emil.
„Ich weiß schon, wo der Ast ist, mein Junge. Ich muss nur das verflixte Seil darumkriegen.“
Endlich saß die Garbe an ihrem Platz. Frau Halvorsen stieg herunter und betrachtete ihr Werk. Dann ging sie ein paar Schritte zurück, kniff die Augen zusammen und nickte zufrieden.
Birk schnupperte am Baumstamm. Als er seine Pfoten dagegenstellte, schüttelte Frau Halvorsen den Kopf.
„Das kannst du gleich vergessen. Die Garbe hängt nicht für dich da oben.“
Emil kannte Birk schon lange. Meist lag er auf Frau Halvorsens Terrasse, schaute zur Straße hinüber und beobachtete alles, was dort vorbeikam. Sobald sich allerdings ein Vogel auf den Zaun setzte, sprang er auf und bellte, bis dieser davonflog.
Frau Halvorsen liebte ihren Hund sehr. Mit den Vögeln hatte sie es aber ebenso. Deshalb war die Hafergarbe auch so hoch angebracht, dass Birk ihr nicht zu nahe kommen konnte.
„Die Spatzen haben es schwer genug“, sagte sie. „Da brauchen sie nicht auch noch meinen Birk, der ihnen ständig nachläuft.“
Der Hund wedelte mit dem Schwanz.
„Ja, dich meine ich.“
Emil lachte. Frau Halvorsen sprach mit Birk, als verstünde er jedes Wort. Und wenn er nicht gehorchte, erklärte sie ihm ausführlich, was sie von seinem Benehmen hielt.
Inzwischen hatte Emil kalte Finger bekommen. Frau Halvorsen bemerkte es sofort und nahm ihn mit ins Haus.
Ihre Küche war wunderbar warm. Auf dem Herd stand ein Topf mit Kakao, und auf einem Teller lagen selbst gebackene Pfefferkuchen. Birk schob sich an Emil vorbei, machte es sich auf seinem Teppich bequem und streckte alle viere von sich.
Vom Küchentisch aus konnte man die Hafergarbe sehen.
Noch war kein einziger Vogel gekommen.
Frau Halvorsen nahm das gelassen. Sie holte ein abgegriffenes Vogelbuch vom Fensterbrett und zeigte Emil einen Gimpel. Einen solchen hatte sie vor einigen Tagen in der Fichte entdeckt. Mit seiner roten Brust war er im Schnee kaum zu übersehen gewesen.
Dann erzählte sie von den Spatzen, die im Sommer in ihrer Hecke nisteten. Einmal war ein Jungvogel in ihren Schuppen geraten und hatte den Ausgang nicht mehr gefunden. Birk hatte damals so lange vor der Tür gebellt, bis sie nachgesehen hatte.
„Da war er ausnahmsweise nützlich, der alte Kerl.“
Birk öffnete ein Auge, als hätte er seinen Namen gehört.
Während Frau Halvorsen erzählte, schaute Emil immer wieder zum Fenster hinaus.
Plötzlich bewegte sich etwas zwischen den Zweigen.
„Da!“
Frau Halvorsen verstummte mitten im Satz.
Ein kleiner Spatz saß auf dem Ast über der Garbe. Sein Gefieder war zerzaust, und er drehte den Kopf nach allen Seiten. Dann hüpfte er ein Stück hinunter und pickte vorsichtig nach den Haferkörnern.
Emil rückte näher ans Fenster.
Draußen gesellte sich ein zweiter Spatz zum ersten. Die beiden hielten sich an den Halmen fest und pickten die Haferkörner heraus.
Frau Halvorsen stellte ihre Tasse ab und rückte näher ans Fenster. Emil saß neben ihr und beobachtete, wie die Spatzen die Körner aus den Halmen pickten.
Eine ganze Weile schauten die beiden den Vögeln zu. Erst als es an der Haustür klopfte, wandte Emil sich um. Sein Großvater war gekommen, um ihn zum Weihnachtsessen abzuholen.
„Darf ich morgen wiederkommen?“, fragte Emil, während er seine Stiefel anzog.
„Aber selbstverständlich. Die Spatzen werden wohl kaum alle Körner an einem Tag auffressen.“
Sie gab ihm noch zwei Pfefferkuchen mit auf den Weg. Einen für ihn und einen für den Großvater.
Als Emil durch den Garten zurückging, sah er sich noch einmal um. Frau Halvorsen stand am Küchenfenster. Gerade landete ein dritter Spatz auf der Hafergarbe.
Emil winkte. Frau Halvorsen winkte zurück und schob Birk dabei mit dem Ellenbogen vom Fensterbrett.
Morgen, nahm Emil sich vor, würde er etwas früher zu ihr gehen. Mit Frau Halvorsen konnte man sich gut unterhalten. Und ihren Kakao machte sie auch ausgezeichnet.
Julenek – ein Weihnachtsgeschenk für die Vögel
In Norwegen gibt es einen besonderen Weihnachtsbrauch für die Vögel: den Julenek. Das ist eine Garbe aus Getreidehalmen, meistens Hafer, an denen noch die Körner sitzen. Die Menschen befestigen sie hoch an einem Baum oder auf einer Stange. Dort können Spatzen, Meisen und andere Vögel die Körner herauspicken.
Der Julenek-Brauch stammt aus dem ländlichen Norwegen. Früher wählten die Bauern dafür besonders gutes Getreide aus. Die Garbe sollte groß und für die Vögel gut sichtbar sein. Wann sie aufgehängt wurde, war von Gegend zu Gegend verschieden. In manchen Orten geschah das schon früh am Heiligabend, anderswo erst am Nachmittag. Heute ist der Julenek nicht nur auf Bauernhöfen, sondern auch in Städten zu finden.
Früher beobachteten die Menschen gespannt, welche Vögel den Julenek besuchten. Viele Spatzen, Gimpel oder Meisen galten als gutes Zeichen für die nächste Getreideernte. Blieben die Vögel aus, befürchtete man eine schlechte Ernte. Woher der Brauch ursprünglich stammt, ist nicht sicher geklärt. Schriftliche Berichte darüber gibt es aber schon aus dem 18. Jahrhundert.
Vier Quizfragen zur Geschichte
Beantworten Sie die vier Quizfragen und sammeln Sie Ihren Geheimbuchstaben für das Weihnachtsgeheimnis. Sie können Ihre Antworten jederzeit verbessern. Den Geheimbuchstaben mit seiner Positionsnummer finden Sie auch auf dem Quizblatt, das Sie - weiter unten nach den vier Quizfragen - kostenlos als PDF herunterladen können.
Die Weihnachtsgarbe zum Lesen und Rätseln
Laden Sie „Weihnachten für die Spatzen“ als PDF herunter und begleiten Sie Emil zu seiner eigenwilligen Nachbarin Frau Halvorsen. Die Weihnachtsgeschichte erzählt vom norwegischen Julenek-Brauch, einem zotteligen Hund namens Birk und einer ungewöhnlichen Bekanntschaft. Drucken Sie die Geschichte zum Vorlesen oder Selberlesen aus.
Wie gut kennen Sie den norwegischen Julenek-Brauch? Laden Sie die vier Quizkarten mit Fragen über die Weihnachtsgarbe und Norwegen herunter. Drucken Sie die Karten aus, schneiden Sie sie zu und sammeln Sie auch die Quizkarten der anderen europäischen Weihnachtsgeschichten. So wächst mit jeder Geschichte Ihre Sammlung.
Auf dem Quizblatt zu dieser Weihnachtsgeschichte befindet sich ein Geheimbuchstabe mit seiner Positionsnummer. Gemeinsam ergeben die Buchstaben aller 45 Länderquizze eine weihnachtliche Botschaft.
Mit Lösungsheft als PDF – nach dem Entschlüsseln der Weihnachtsbotschaft.
Ein kleines Weihnachtsfest für die Spatzen
Was eine Hafergarbe, eine Leiter und ein zotteliger Hund miteinander zu tun haben, erzählt die Weihnachtsgeschichte aus Norwegen. Die drei Illustrationen zeigen Emil und Frau Halvorsen bei ihren weihnachtlichen Erlebnissen. Speichern Sie die Bilder auf Pinterest oder teilen Sie die Motive mit Menschen, die gern Geschichten lesen und vorlesen.
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