An der Kirche auf Opas Lichterkappe gab es einiges zu bewundern: rote Fenster, eine winzige Tür und ein Dach, dessen Ziegel Toni einzeln zählen konnte. Nur mit dem Turm war etwas schiefgegangen. Er neigte sich so weit nach rechts, als wollte er nachsehen, wer unten zur Tür hereinkam.
Toni legte den Kopf schräg.
„Opa, dein Kirchturm kippt.“
Sein Großvater beugte sich um die Kappe herum. Sie nahm beinahe den ganzen Küchentisch ein.
„Tatsächlich“, sagte er. „Und das schon seit dreiundzwanzig Jahren.“
Toni fand, dass Opa darüber erstaunlich vergnügt war. Doch dass der Turm schief war, das hatte seinen Grund: Opas Vater hatte die Kirche als kleiner Junge gezeichnet. Als Opa viele Jahre später seine Lichterkappe baute, hatte er sie genauso übernommen, bis hinauf zur krummen Spitze.
Nun wollte Toni das Bild sehen.
Opa schob seine Brille hoch und blickte zur Decke. In der alten Truhe auf dem Dachboden könnte es noch liegen. Dort bewahrte er die Sachen seiner Eltern auf.

Wenig später kletterte Toni hinter ihm die schmale Treppe hinauf. Der Lichtkegel von Opas Taschenlampe huschte über Kisten, einen Wäscheständer und ein Paar Skier.
Die Truhe klemmte unter der Dachschräge. Toni musste rückwärts kriechen, damit Opa den Deckel aufbekam. Es roch nach Staub und altem Holz.
Obenauf lag ein gestrickter Handschuh. Darunter kam ein kleiner hölzerner Lastwagen zum Vorschein. Drei Räder hatte er noch. Toni ließ ihn über ein Brett rollen. Er fuhr ein Stück und kippte auf die Seite.
Mit diesem Lastwagen hatte sein Urgroßvater gespielt. Unter der Ladefläche klebte etwas Dunkles, das Opa mit dem Fingernagel prüfte. Leim war es wohl kaum. Sein Vater hatte dort Bonbons vor seinen beiden Brüdern versteckt.
Als Nächstes zog Toni eine winzige rote Geldbörse hervor. Darin lag ein Knopf, groß und blau wie eine Pflaume.
Opa nahm ihn in die Hand. Er gehörte zum Sonntagsmantel seiner Mutter. Nachdem er abgegangen war, hatte sie ihn sorgfältig aufgehoben und anschließend überall gesucht. Sogar unter den Küchenschrank hatte Opa damals nachsehen müssen.
Und nun lag der Knopf hier, in einer Geldbörse, die längst niemand mehr benutzte.
Opa strich mit dem Daumen darüber. Dann legte er ihn zurück.
Die Zeichnung fanden sie nicht.
Unter den Briefen war sie ebenso wenig wie in der Blechdose. Opa hob zwei Fotografien heraus und tastete darunter. Toni leuchtete ihm. Langsam bekam er kalte Knie.
Ganz hinten lag noch ein dünnes Schulheft.
Toni zog es hervor. Zahlenkolonnen füllten die Seiten. An einer Rechnung war so heftig radiert worden, dass das Papier ein Loch hatte. Das kam ihm bekannt vor. Er blätterte weiter.
Zwischen den letzten Seiten raschelte etwas.
Ein gefaltetes Blatt.
Vorsichtig klappte Toni es auseinander. Da war die Kirche mit ihrer kleinen Tür. Und da war der Turm.
Auf der Zeichnung hing er noch viel schiefer.
„Der fällt ja gleich auf den Baum!“
Opa lachte. Sein Vater sei furchtbar stolz auf das Bild gewesen. Jeder Besuch hatte es anschauen müssen. Nur sein Bruder durfte es irgendwann nicht mehr sehen. Der hatte behauptet, in einer solchen Kirche müssten die Glocken draußen hängen, weil sie sonst gegen die Wand schlugen.
Toni betrachtete den Turm. Ganz unrecht hatte der Bruder wohl nicht gehabt.
Am Abend des fünften Januar drängten sich die Zuschauer an den Straßen von Ebensee. Toni schob die Hände tief in seine Jackentaschen. Von irgendwoher kamen Glockenschläge, erst vereinzelt, dann so viele, dass er sie bis in den Bauch spürte.
Über den weißen Gewändern der Glöckler leuchteten die großen Kappen.
Toni reckte sich. Eine zog vorüber, noch eine. Dann entdeckte er die roten Kirchenfenster.
Und den Turm.
Er winkte mit beiden Armen, bis sein Großvater ihn sah.
„Gut, dass du ihn nicht gerade gemacht hast, Opa!“
Opa lachte. Dann lief er den anderen nach, und der schiefe Turm schwankte über ihm durch die Straße.
Wenn Kirchtürme durch Ebensee ziehen
In Ebensee am Traunsee in Österreich wird es jedes Jahr am 5. Januar besonders bunt und laut. Dann ziehen die Glöckler durch die Straßen. Sie tragen weiße Gewänder, große Glocken am Rücken und riesige, leuchtende Kappen auf dem Kopf. Die Glöckler laufen in Gruppen, die „Passen“ heißen.
Die kunstvollen Lichterkappen entstehen in mühevoller Handarbeit. Ihr Gerüst besteht aus Holzleisten, die mit Papier verkleidet werden. Ausgeschnittene Muster und Bilder werden mit buntem, durchscheinendem Papier hinterlegt. So entstehen leuchtende Sterne, Kirchen, Türme und viele andere Motive. Für manche Kappen brauchen die Glöckler mehrere Monate.
Der Glöcklerlauf findet am Abend vor dem Dreikönigstag statt. Nach einer alten Überlieferung sollen die hellen Lichter und das laute Glockengeläut böse Wintergeister vertreiben und Glück für das neue Jahr bringen. Der Ebenseer Glöcklerlauf gehört seit 2010 zum immateriellen Kulturerbe Österreichs. Damit wird ein Brauch gewürdigt, den die Menschen seit vielen Generationen pflegen.
Vier Quizfragen zur Geschichte
Beantworten Sie die vier Quizfragen und sammeln Sie Ihren Geheimbuchstaben für das Weihnachtsgeheimnis. Sie können Ihre Antworten jederzeit verbessern. Den Geheimbuchstaben mit seiner Positionsnummer finden Sie auch auf dem Quizblatt, das Sie - weiter unten nach den vier Quizfragen - kostenlos als PDF herunterladen können.
Der Kirchturm, der nicht gerade werden durfte
Laden Sie sich die Weihnachtsgeschichte als PDF herunter und begleiten Sie Toni und seinen Großvater auf den Dachboden. Erfahren Sie, weshalb ausgerechnet der schiefe Kirchturm auf Opas Lichterkappe etwas ganz Besonderes ist. Lesen Sie die Geschichte in Ruhe selbst oder nutzen Sie sie zum Vorlesen.
Zur Weihnachtsgeschichte gibt es vier Quizkarten zum Glöcklerlauf, womit Sie gemeinsam mit Kind/ern Ihr Wissen über diesen österreichischen Weihnachtsbrauch testen können. Sammeln Sie auch die Karten zu den anderen europäischen Weihnachtsgeschichten. So entsteht nach und nach ein kleines Quiz über die Weihnachtsbräuche verschiedener Länder, das Sie immer wieder für gemeinsame Ratespiele nutzen können.
Auf dem Quizblatt zu dieser Weihnachtsgeschichte befindet sich ein Geheimbuchstabe mit seiner Positionsnummer. Gemeinsam ergeben die Buchstaben aller 45 Länderquizze eine weihnachtliche Botschaft.
Mit Lösungsheft als PDF – nach dem Entschlüsseln der Weihnachtsbotschaft.
Opas Lichterkappe auf Pinterest
Ein schiefer Kirchturm, eine alte Kinderzeichnung und ein ungewöhnlicher Weihnachtsbrauch aus Österreich: Diese Geschichte bietet reichlich Stoff für schöne Illustrationen. Hier finden Sie drei Bilder dazu. Speichern Sie Ihre Lieblingsmotive auf Pinterest und teilen Sie die Geschichte mit anderen.
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