Der Drache in der Weihnachtskrippe

Bei der dritten Weihnachtskrippe blieb Zosia stehen. Die Türme funkelten wie bei den anderen, aber hier entdeckte sie etwas, das überhaupt nicht dazu passte.

Unter einem Balkon kringelte sich ein grüner Schwanz hervor.

Zosia ging in die Hocke. Zwischen zwei Säulen saß ein Drache mit kurzen Flügeln, spitzen Zähnen und einem Auge, das größer war als das andere. Er sah aus, als wäre er bei irgendetwas erwischt worden.

Tante Magda kam herüber, betrachtete das Tier und meinte, in Krakau könne man mit allem rechnen.

Aber Zosia wollte es genau wissen. Was hatte so ein grüner Kerl bei Maria, Josef und dem Jesuskind verloren? Sie stellte sich dicht vor die Absperrung. Gerade wollte sie nachsehen, ob der Drache auch Krallen hatte, da hob er den Kopf.

Zosia fuhr zurück.

Eben hatte seine Schnauze noch nach unten gezeigt. Jetzt sah er sie geradewegs an. Sie rief nach der Tante, doch als diese herüberkam, rührte sich nichts mehr. Der Drache saß still zwischen den Säulen.

Eine Frau mit einer großen Einkaufstasche stellte sich vor die Krippe und verdeckte ihr die Sicht. Als die Frau weiterging, stand das Drachenmaul offen.

Nun konnte sie sich die Sache wirklich nicht mehr eingebildet haben.

Am anderen Ende des Tisches stand ein älterer Mann mit einem weißen Schnurrbart. Sein brauner Pullover war an den Ellbogen geflickt. Als Zosia zu ihm hinübersah, zog er eine Augenbraue hoch.

Sie tat, als hätte sie nichts bemerkt, und ging langsam zur Seite des Tisches. Von dort entdeckte sie einen dünnen Draht. Er verschwand hinter einer Säule, genau dort, wo der Drache saß.

„Aha“, sagte der Mann hinter ihr. „Du bist mir auf die Schliche gekommen.“

Zosia drehte sich um. Auf seinem Pullover klebte ein winziger Schnipsel Goldpapier. Er stellte sich als Herr Walenty vor. Die Krippe hatte er selbst gebaut. Nun winkte er Zosia und Tante Magda hinter den Tisch.

Zwischen den Holzleisten saß eine kleine Kurbel. Herr Walenty drehte sie. Vorn hob der Drache den Kopf, öffnete sein Maul und senkte sich wieder. Zosia musste lachen. Die ganze Weile hatte dieser Mann sie an der Nase herumgeführt!

„Was macht der Drache überhaupt in einer Weihnachtskrippe?“, fragte sie.

Herr Walenty erzählte ihr vom Wawel-Drachen, der nach einer alten Krakauer Sage in einer Höhle unter dem Schlossberg gehaust haben soll. Den kannte hier jedes Kind. Deshalb hatte Herr Walenty ihn in seine Krippe gesetzt.

„Und beißt er?“

Herr Walenty betrachtete die spitzen Zähne.

„Der? Der kann ohne mich nicht einmal den Mund aufmachen.“

Dann durfte Zosia die Kurbel selbst drehen. Behutsam, damit die dünnen Holzleisten heil blieben. Der Drache nickte Tante Magda zu. Anschließend sperrte er sein Maul so weit auf, dass seine kleine rote Zunge sichtbar wurde.

„Jetzt reicht’s“, meinte Herr Walenty. „Sonst kriegt er noch Kieferweh.“

Als Zosia mit ihrer Tante zur Garderobe ging, trat ein kleiner Junge vor die Krippe. Er entdeckte den Drachen sofort und zeigte mit dem Finger darauf. Im nächsten Augenblick bewegte sich der grüne Kopf.

Der Junge riss die Augen auf.

Zosia sah zu Herrn Walenty hinüber. Er stand hinter seinem Tisch und hatte beide Hände darunter versteckt. Dabei schaute er so harmlos drein, dass sie sich auf die Lippen beißen musste.

Sie verriet nichts.

Draußen begann es zu schneien. Noch im Hinausgehen hörte Zosia den Jungen aufgeregt nach seiner Mutter rufen.

Warum in Krakau sogar Drachen in Weihnachtskrippen sitzen

Der Drache in der Weihnachtskrippe, besonderer Weihnachtsbrauch, Weihnachtsgeschichte

In der polnischen Stadt Krakau gibt es Weihnachtskrippen, die wie prächtige kleine Schlösser aussehen. Sie heißen Szopki krakowskie und haben hohe Türme, bunte Fenster und kunstvolle Verzierungen. Neben Maria, Josef und dem Jesuskind sind darin auch Figuren zu sehen, die zu den Geschichten und Sagen der Stadt gehören. Dazu zählt sogar ein Drache!

Der Wawel-Drache ist eine der bekanntesten Sagengestalten Krakaus. Der Legende nach lebte er vor langer Zeit in einer Höhle unter dem Wawel-Hügel, auf dem heute das berühmte Schloss steht. In manchen Krakauer Weihnachtskrippen bekommt er einen Platz zwischen den anderen Figuren. Einige Krippenbauer versehen ihre Kunstwerke sogar mit kleinen Mechanismen, durch die sich einzelne Figuren bewegen können.

Die Tradition der Krakauer Weihnachtskrippen entstand im 19. Jahrhundert. Damals stellten unter anderem Maurer und andere Handwerker solche Krippen her. Beim Bau orientierten sie sich an den berühmten Gebäuden ihrer Stadt. Besonders die ungleichen Türme der Krakauer Marienkirche sind bis heute beliebte Vorbilder. Seit 2018 gehört die Herstellung der Krakauer Szopki zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO.

Vier Quizfragen zur Geschichte

Beantworten Sie die vier Quizfragen und sammeln Sie Ihren Geheimbuchstaben für das Weihnachtsgeheimnis. Sie können Ihre Antworten jederzeit verbessern. Den Geheimbuchstaben mit seiner Positionsnummer finden Sie auch auf dem Quizblatt, das Sie - weiter unten nach den vier Quizfragen - kostenlos als PDF herunterladen können.

1. Frage

Was ist typisch für Krakauer Weihnachtskrippen?

2. Frage

Welche besonderen Figuren können in Krakauer Krippen vorkommen?

3. Frage

Welches Fabelwesen gehört zu einer berühmten Krakauer Sage?

4. Frage

Welches Land grenzt westlich an Polen?

Ein grüner Drache wartet auf Leser und Rätselfreunde

Mit dem PDF holen Sie sich Zosias ungewöhnliche Begegnung mit dem Krakauer Drachen nach Hause. Laden Sie die Weihnachtsgeschichte herunter und lesen Sie gemeinsam, wie das neugierige Mädchen hinter das Geheimnis einer ganz besonderen Krippenfigur kommt. Die Geschichte eignet sich zum Vorlesen und für Kinder, die schon selbstständig lesen.

Drache in Krippe

Wie gut kennen Sie die Krakauer Weihnachtskrippen und das Land Polen? Laden Sie das Quiz mit vier Quizkarten herunter und beantworten Sie gemeinsam die Fragen zum Wawel-Drachen, zu den Szopki und zur polnischen Landeskunde. Sammeln Sie die Karten zusammen mit den Quizkarten unserer anderen europäischen Weihnachtsgeschichten. So entsteht nach und nach eine schöne Sammlung unterschiedlicher Weihnachtsbräuche.

Quiz zu Polen

Auf dem Quizblatt zu dieser Weihnachtsgeschichte befindet sich ein Geheimbuchstabe mit seiner Positionsnummer. Gemeinsam ergeben die Buchstaben aller 45 Länderquizze eine weihnachtliche Botschaft.

Zum Weihnachtsgeheimnis

Mit Lösungsheft als PDF – nach dem Entschlüsseln der Weihnachtsbotschaft.

Krakauer Weihnachtszauber zum Weiterteilen

Mal steht die kunstvolle Weihnachtskrippe im Mittelpunkt, mal Zosias Überraschung und mal das Geheimnis um den beweglichen Drachen. Die drei Pinterest-Motive greifen unterschiedliche Szenen der Geschichte auf. Teilen Sie die Bilder auf Pinterest und machen Sie damit auf diesen besonderen polnischen Weihnachtsbrauch aufmerksam.

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