Am 6. Januar, dem Abend vor dem russischen Weihnachtsfest, schickte Großmutter Vera ihre Enkeltochter Katja noch einmal in den Schuppen, um Holz für den Küchenherd zu holen.
Die Schuppentür war wieder einmal festgefroren. Katja zerrte so kräftig daran, dass sie beinahe rückwärts in den Schnee fiel, als die Tür endlich nachgab. Sie nahm zwei Scheite vom Holzstapel und machte sich auf den Rückweg.
Großmutter Vera kochte noch immer auf ihrem alten Herd aus schwarzem Eisen. Den hatte schon Katjas Mutter als Kind gekannt. Hinter einer kleinen eisernen Tür brannte richtiges Holz, und durch die Ritzen fiel ein warmer Feuerschein auf den Küchenboden.
Vera nahm Katja die beiden Scheite ab und öffnete die schwere Ofentür. Sie legte das Holz nach und schob es mit dem Schürhaken tiefer in die Glut. Bald knackte es wieder ordentlich.
Auf der heißen Herdplatte köchelte die Kutja, ein süßer Brei aus Weizen, Mohn und Honig. Katja durfte die Rosinen hineinstreuen. Zwei davon steckte sie sich allerdings vorher heimlich in den Mund.
Als die Großmutter den Tisch deckte, nahm sie drei Teller aus dem Schrank. Katja wunderte sich. Sie erwarteten doch niemanden.
„Den dritten bekommt der Frost“, erklärte Vera.
Früher hatten die Leute den Frost am Weihnachtsabend zum Essen gerufen, erzählte sie. Dafür sollte er im Frühjahr die jungen Blüten verschonen.
Katja dachte an ihren Kirschbaum hinter dem Schuppen. Sieben Blüten hatte er im vergangenen Frühjahr getragen. Katja hatte sie alle gezählt. Nach einer einzigen Frostnacht war keine mehr übrig geblieben.
Wenn der Frost deshalb ein wenig Kutja brauchte, sollte er sie bekommen.
Großmutter Vera füllte den dritten Teller, öffnete das Küchenfenster und rief hinaus: „Moros, Moros, komm Kutja essen! Aber von den Kirschblüten lässt du die Finger!“
Sie stellte den Teller aufs äußere Fensterbrett und machte rasch wieder zu. Dann nahm sie den Topf vom Herd.
Katja blieb am Fenster. Die Scheibe war beschlagen, und sie musste erst mit dem Ärmel darüberwischen, bevor sie etwas erkennen konnte. Die Straße hinter dem Zaun lag leer. Nur beim Nachbarn brannte noch Licht.
Da hörte sie Schritte im Schnee.
Eine breite Gestalt kam am Schuppen vorbei, langsam und dicht an der Hauswand entlang. Von ihrem Gesicht war kaum etwas zu erkennen. Der Fremde blieb unter dem Küchenfenster stehen, griff nach oben und nahm den Teller.
Katja rückte noch näher an die Scheibe.
Brei für den Frost, schön und gut. Aber Großmutters Teller gehörte nicht dazu! Sie schlüpfte in die Filzstiefel und lief hinaus. Vera rief ihr nach, sie solle wenigstens die Mütze aufsetzen.
An der Hausecke hörte Katja ein ärgerliches Schnauben. Der Fremde steckte mit einem Stiefel tief in einer Schneewehe. Den Teller hielt er hoch, damit nichts verschüttet wurde. Unter seinem Mantel schaute ein Glas Honig hervor.
Katja kannte den Mann. Es war Herr Morosow von nebenan. Sein Schnurrbart war ganz weiß vor Reif.
„Ihr habt doch nach Moros gerufen“, erklärte er. „Ich heiße Morosow. Das wird ja wohl genügen.“
Katja nahm ihm den Teller ab. Nun konnte er sich am Zaun festhalten und seinen Stiefel aus dem Schnee ziehen. Beim Holzholen hatte er Veras Ruf gehört. Moros bedeutete auf Russisch Frost. Das war Herrn Morosow als Einladung gerade recht gekommen.
Großmutter Vera lachte, als sie Katja mit Herrn Morosow vor der Tür stehen sah. Sie bat den Nachbarn herein und rückte ihm einen Stuhl an den warmen Herd.
Herr Morosow zog seine verschneiten Stiefel aus und stellte sie zum Trocknen neben die Ofentür. Dann setzte er sich, schraubte sein mitgebrachtes Glas Honig auf und gab eine ordentliche Portion davon über die Kutja. Die schmeckte ihm so gut, dass er keine einzige Rosine übrig ließ.
Katja gönnte ihm den Brei. Nur für ihren Kirschbaum war damit noch nichts gewonnen. Der Frost, der im Frühjahr die Blüten erfrieren ließ, hieß schließlich nicht Morosow.
Als niemand aufpasste, füllte sie deshalb einen neuen Teller mit Kutja. Sie stellte ihn draußen auf die Fensterbank, diesmal möglichst weit nach hinten, und legte einen Löffel dazu.
Am nächsten Morgen war der Brei hart gefroren. Zwei Spatzen hüpften um den Teller herum, konnten aber keinen Bissen herauspicken. Katja holte ihn herein und stellte ihn zum Auftauen neben den warmen Herd.
Herr Morosow kam kurz darauf, um seine vergessene Mütze abzuholen. Als er die gefrorene Kutja sah, schüttelte er den Kopf.
„Ein sonderbarer Frost. Lässt die beste Kutja stehen!“
Katja blickte hinaus zu ihrem Kirschbaum. Wenn es im Frühjahr wieder Nachtfrost gab, würde sie lieber Herrn Morosow bitten, mit ihr nach dem Baum zu sehen.
Der kam wenigstens, wenn man ihn rief.
Warum der Frost in Russland zum Weihnachtsessen gerufen wurde
In manchen Gegenden Russlands gab es früher einen ungewöhnlichen Weihnachtsbrauch: Die Menschen luden den Frost zum Essen ein. Dazu öffnete jemand am Weihnachtsabend die Tür oder das Fenster und rief nach Moros. Das russische Wort bedeutet „Frost“.
Man bot dem Frost etwas vom Festessen an und bat ihn, im Frühjahr und Sommer die Felder und Gärten zu verschonen. Denn Kälte zur falschen Jahreszeit konnte eine ganze Ernte zerstören.
Eine traditionelle Speise zum russischen Weihnachtsfest ist hierbei die Kutja. Das ist ein süßer Brei, der aus gekochten Weizenkörnern oder Reis zubereitet wird. Dazu kommen beispielsweise Honig, Mohn und Rosinen. Auch Nüsse können dazugehören. Viele russisch-orthodoxe Familien feiern Weihnachten am 7. Januar. Deshalb fällt ihr Weihnachtsabend auf den 6. Januar. An diesem Abend bereitete man die Kutja als besondere Festtagsspeise zu.
Das Einladen des Frosts war ein alter Volksbrauch, den die Menschen je nach Gegend unterschiedlich ausführten. Manche stellten eine Schale mit Essen bereit, andere hielten einen Löffel Kutja ans Fenster oder riefen draußen im Hof. Dahinter steckte der Wunsch, dass der Frost im Winter bleiben und die jungen Pflanzen im Frühjahr nicht beschädigen sollte. Heute gehört dieser Brauch nicht überall zum Weihnachtsfest. Er zeigt aber, wie wichtig den Menschen früher das Wetter und eine gute Ernte waren.
Vier Quizfragen zur Geschichte
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Ein rätselhafter Teller und vier Weihnachtsfragen
Laden Sie „Ein Teller für den Frost“ als PDF herunter und begleiten Sie Katja zu ihrer Großmutter Vera. Dort lernt sie einen alten russischen Weihnachtsbrauch kennen, bei dem sogar der Frost zum Essen gerufen wird. Lesen Sie gemeinsam, wer sich schließlich an der Kutja bedient und weshalb Katja sich solche Sorgen um ihren Kirschbaum macht.
Wie feiert man in Russland Weihnachten, und weshalb bekam der Frost früher etwas vom Festessen? Laden Sie das Quiz mit vier Multiple-Choice-Karten herunter und entdecken Sie gemeinsam interessante Einzelheiten über russische Weihnachtsbräuche. Sammeln Sie die Karten und ergänzen Sie Ihre Sammlung mit den Quizkarten zu weiteren europäischen Weihnachtsbräuchen.
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