Der Onkel schüttelte den Umhang vor der Haustür aus. Nico trat einen Schritt zurück. Es staubte ordentlich, und der muffige Geruch blieb trotzdem drin.
»Der tut es noch«, sagte der Onkel und reichte ihm auch den Hirtenstock.
Nico nahm beides ohne Begeisterung. Für das Krippenspiel hatte er sich einen Helm gewünscht. Einen römischen, mit einem roten Busch obendrauf. Stattdessen sollte er Schafe hüten.
Sein Freund Sandro durfte König sein. Er trug eine goldene Krone und eine Geschenkschachtel, die mit blauem Samt bezogen war. Allerdings musste er dauernd die Nase hochrecken, damit ihm die Krone nicht über die Augen rutschte. Ein wenig tröstete das Nico.
In den Gassen von Montegiardino wurde es eng. Für das lebende Krippenspiel kamen Besucher aus ganz San Marino. Zwischen den alten Steinhäusern hatten die Dorfbewohner Marktstände aufgebaut. Beim Schmied blieben die Kinder stehen, denn dort flogen Funken. Die Korbflechterin musste ihren Schemel immer wieder an die Hauswand rücken.
Nico hätte dem Jesuskind gern etwas mitgebracht. Ein Lamm wäre schön gewesen. Doch Bauer Righi hatte ihm seine Tiere nur zum Hüten gegeben und ausdrücklich gesagt, er wolle nachher alle wiederhaben.
Am Brunnen wollte Nico den Wassereimer füllen. Dabei sah er zwischen den Pflastersteinen einen roten Strich. Er kratzte mit einem Zweig in der Fuge, bis sich ein flacher Stein löste. Eine Seite war glatt, und quer darüber lief der rote Streifen. Nico hielt ihn unter den Wasserstrahl. So einen hatte er noch nie gefunden. Er steckte ihn ein. Den könnte er dem Kind bringen.
Mit Einbruch der Dunkelheit begann das Spiel. Nico bekam davon zunächst wenig mit. Ein Schaf drängte zum Brotstand, das andere lief um Nico herum, bis sich der Strick um seine Beine schlang. Als er endlich alle am Pfosten neben dem Stall festgebunden hatte, war ihm unter dem Umhang warm geworden.
Drinnen stand Maria mit dem Kind auf dem Arm. Sie wollte es in die hölzerne Krippe legen, aber sobald sie deren Rand berührte, schlug ein Bein auf das Pflaster. Klack. Maria zog die Hand zurück.
Der Zimmermann kniete bereits daneben. Er stopfte Stroh unter das zu kurze Bein. Das Stroh wurde platt. Aus seiner Schürzentasche holte er ein Holzstück, schob es darunter und drückte auf den Krippenrand. Jetzt wackelte das andere Ende.
Draußen sangen die Leute. Durch die offene Stalltür sah Nico die Könige herankommen. Sandro hielt seine Krone fest. Weit waren sie nicht mehr.
Der Zimmermann versuchte es mit einem dünneren Holzspan. Der rutschte davon, bis vor Nicos Schuh.
Nico griff in die Tasche.
»Kannst du den brauchen?«
Der Zimmermann fuhr mit dem Daumen über den Stein, dann hob er die Krippe an. Nico kroch neben ihn. Mit der glatten Seite nach unten schob er den Stein über das Pflaster. Noch ein Stück musste er hinein. Nico drückte mit beiden Daumen nach.
Langsam ließ der Zimmermann los. Er rüttelte an der Krippe. Diesmal klackte nichts.
Maria legte das Kind hinein. Gerade noch rechtzeitig zog Nico seine Füße aus dem Weg, ehe der erste König darübersteigen musste.
Später, als er bei seinen Schafen saß, konnte er den roten Streifen unter dem Krippenbein sehen. Auch im Laternenlicht war er gut zu erkennen.
Nach der Aufführung wartete Nico, bis Maria das Kind genommen hatte. Dann bückte er sich nach dem Stein.
»Lass ihn mir bitte noch«, bat der Zimmermann. »Die Krippe muss für die nächste Vorstellung so stehen bleiben.«
Nico zog einen Strohhalm weg, der über dem roten Streifen lag. Draußen rief sein Onkel. Er wollte die Schafe heimbringen.
Nico richtete sich auf und nahm seinen Stock. Beim nächsten Krippenspiel würde er ja wieder hier sein.
Wenn ein ganzes Dorf zur Weihnachtskrippe wird
In Montegiardino, einem kleinen Ort im Staat San Marino, gibt es zur Weihnachtszeit eine besondere Aufführung: den Presepe Vivente, die lebende Weihnachtskrippe. Die Darsteller tragen historische Kostüme. Zwischen den alten Steinhäusern ziehen Hirten mit ihren Tieren durch die Gassen, und Handwerker zeigen, wie Menschen früher gearbeitet haben.
Bei diesem Krippenspiel sitzen die Zuschauer nicht vor einer Bühne. Sie spazieren durch die engen Straßen und entdecken an verschiedenen Stellen Szenen aus dem Leben vor rund 2000 Jahren. Zu sehen sind zum Beispiel Schmiede, Töpfer, römische Soldaten und Marktleute. Den Mittelpunkt bildet die Geburt Jesu mit Maria, Josef und dem Kind in der Krippe.
Das Krippenspiel gehört seit vielen Jahren zu Montegiardino. Die Bewohner des Ortes organisieren es gemeinsam, und viele Familien machen mit. Traditionell finden die Aufführungen am 26. Dezember und am 6. Januar statt. Der zweite Termin fällt auf den Dreikönigstag.
Vier Quizfragen zur Geschichte
Beantworten Sie die vier Quizfragen und sammeln Sie Ihren Geheimbuchstaben für das Weihnachtsgeheimnis. Sie können Ihre Antworten jederzeit verbessern. Den Geheimbuchstaben mit seiner Positionsnummer finden Sie auch auf dem Quizblatt, das Sie - weiter unten nach den vier Quizfragen - kostenlos als PDF herunterladen können.
Nicos kleiner Fund zum Mitnehmen, mit Quiz
Laden Sie sich die Weihnachtsgeschichte „Der Stein für die Krippe“ als PDF herunter und begleiten Sie Nico durch die Gassen von Montegiardino. Die Geschichte eignet sich zum Vorlesen und gemeinsamen Lesen mit Kindern.
Passend zur Geschichte können Sie vier Quizkarten zum lebenden Krippenspiel in San Marino herunterladen. Lösen Sie die Fragen gemeinsam und sammeln Sie auch die Quizkarten zu den anderen europäischen Weihnachtsbräuchen. Mit jedem neuen Quiz kommen vier weitere Karten hinzu.
Auf dem Quizblatt zu dieser Weihnachtsgeschichte befindet sich ein Geheimbuchstabe mit seiner Positionsnummer. Gemeinsam ergeben die Buchstaben aller 45 Länderquizze eine weihnachtliche Botschaft.
Mit Lösungsheft als PDF – nach dem Entschlüsseln der Weihnachtsbotschaft.
Nicos Weihnachtsabend zum Teilen auf Pinterest
Zu „Der Stein für die Krippe“ gibt es drei verschiedene Motive für Ihre Pinterest-Pinnwand. Speichern Sie Ihre Favoriten und greifen Sie bei der nächsten Vorleserunde wieder darauf zurück.
Mehr Geschichten für Kinder: