Wer bei Livias Vater am Küchentisch essen wollte, musste erst Papier beiseiteschieben. Seit Wochen baute er an seiner Iffele, einer riesigen Papierlaterne, die er beim Klausjagen auf dem Kopf tragen würde. Innen kam ein Licht hinein.
Livia durfte sie nicht tragen. Der Vater hatte sie ihr versuchsweise aufgesetzt und gleich wieder heruntergenommen. Dabei war sie elf und konnte einen vollen Kartoffelsack aus dem Keller holen. Das sagte sie ihm auch.
»Der Kartoffelsack hat keine Papierspitzen«, erwiderte er.
Wenigstens beim Ausschneiden durfte sie helfen. Die engen Bögen überließ ihr Vater ihr allerdings nicht. Darüber beugte er sich selbst, die Brille vorn auf der Nase. Livia bekam die Sterne und Kreise.
Sie hatte ihrem Vater einmal eine Maus mit Brille gezeichnet. Das Bild hing noch am Kühlschrank. »Papa bei der Arbeit« stand darunter.
Den Fuchs zeichnete sie auf einen schmalen Papierstreifen. Er saß mit erhobener Schnauze da. Den Schwanz musste sie zweimal ausradieren, bis er sich ordentlich um seine Füße legte.
Ihr Vater sah ihn sich an und schob die Brille hoch. »Ein Fuchs gehört nicht auf eine Iffele.«
Warum eigentlich? Auf seiner Iffele waren Blumen, obwohl am fünften Dezember draußen keine Blumen mehr wuchsen. Livia legte die Zeichnung neben die Schere und schnitt den letzten Kreis aus. Der geriet ihr eckig.
Am Abend ging der Vater früh los. Unten im Treppenhaus musste ihm jemand die Haustür ganz aufhalten, sonst kam er mit der Iffele nicht hindurch.
Livia folgte später mit ihrer Mutter. In Küssnacht, am Fuß des Schweizer Berges Rigi, standen die Leute schon dicht an dicht am Straßenrand. Neben einem Bäckerladen fanden die beiden noch Platz. Dann krachte der Böllerschuss.
Die Straßenlampen erloschen. Livia tastete nach der Hand ihrer Mutter. Im Dunkeln rückten die Leute noch näher zusammen. Aus der Seitengasse kam das erste Licht.
Eine Iffele schwebte über den Köpfen, mit hohen roten Fenstern. Weitere folgten. Die Träger drehten sich langsam, sodass die Muster bald verschwanden, bald wieder aufleuchteten. Über zweihundert sollten es sein. Livia suchte nach dem blauen Stern ihres Vaters.
Da war er! Nein, dieser hatte einen roten Kreis in der Mitte. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, aber nun hob der Mann vor ihr auch noch sein Telefon hoch.
Ihre Mutter zog sie ein Stück zur Seite. Zwischen zwei Schultern konnte Livia auf die Straße sehen.
Gerade glitt eine Iffele vorbei. Unten, dicht über dem Kopf des Trägers, leuchtete etwas Rotes. Livia sah eine spitze Schnauze. Dann drehte sich die Laterne weg. Sie packte den Ärmel ihrer Mutter.
Noch einmal musste sie sich drehen. Nur noch einmal!
Der Träger machte einen langsamen Schritt rückwärts, und da saß er: ihr Fuchs, mit dem Schwanz um die Füße. Sogar die kleine Kerbe im Ohr hatte der Vater ausgeschnitten. Daneben hockte noch ein Tier.
Livia blinzelte. Es war viel kleiner, hatte runde Ohren und einen dünnen Schwanz. Vor den Augen saßen zwei helle Ringe. Erst als die Iffele ganz zu ihnen gewandt war, erkannte sie den schmalen Steg dazwischen.
Die Maus vom Kühlschrank! Mitsamt Papas Brille. Er hatte sein Mäusebild neben ihren Fuchs gesetzt.
Livia musste lachen. Sie winkte mit beiden Armen, bis ihr Vater sie sah. Unter der Iffele hob er kurz die Hand. Dann musste er weiter; hinter ihm wartete schon der nächste Träger.
Nun kam der Samichlaus, wie der Nikolaus hier hieß, mit seinem langen Bart und dem Bischofsstab. Hinter ihm nahten die Glockenträger und Musikanten.
Ihre Mutter beugte sich zu Livia und fragte, was denn mit der Maus gewesen sei. Da setzten die großen Glocken ein, und Livia musste ihr die Antwort ins Ohr brüllen.
Das Küssnachter Klausjagen: Laternen, Glocken und Samichlaus
In Küssnacht am Rigi, einem Ort in der Schweiz, gibt es Anfang Dezember einen ganz besonderen Nikolausumzug: das Klausjagen. Sobald die Straßenlampen erlöschen, ziehen Männer mit riesigen, leuchtenden Papierlaternen auf dem Kopf durch die Gassen. Diese Laternen heißen Iffelen.
Ihre Form ähnelt einer hohen Bischofsmütze. Durch das ausgeschnittene Papier und die bunten Farben sehen sie aus wie wandernde Kirchenfenster.
Die Herstellung einer Iffele ist eine aufwendige Handarbeit. Aus festem Karton werden zahlreiche kleine Formen ausgeschnitten und mit farbigem Seidenpapier hinterklebt. Auf der Vorderseite befindet sich traditionell der heilige Nikolaus, auf der Rückseite ein Kreuz mit den Buchstaben JHS. Dazwischen finden Blumen, Sterne und kunstvolle Bilder Platz. Besonders große Iffelen erreichen eine Höhe von mehr als zwei Metern. Beim Klausjagen ziehen über zweihundert dieser leuchtenden Kunstwerke durch Küssnacht.
Zum Klausjagen gehört auch jede Menge Lärm. Die Geisselchlepfer lassen ihre Peitschen knallen, die Trychler schwingen große Glocken, und Musikanten begleiten den Samichlaus durch das Dorf. Den Abschluss bilden die Hornbläser. Früher verfolgten junge Leute den Nikolaus mit großem Geschrei durch die Straßen. Daraus entwickelte sich der festliche Umzug, der heute jedes Jahr zahlreiche Besucher nach Küssnacht lockt.
Vier Quizfragen zur Geschichte
Beantworten Sie die vier Quizfragen und sammeln Sie Ihren Geheimbuchstaben für das Weihnachtsgeheimnis. Sie können Ihre Antworten jederzeit verbessern. Den Geheimbuchstaben mit seiner Positionsnummer finden Sie auch auf dem Quizblatt, das Sie - weiter unten nach den vier Quizfragen - kostenlos als PDF herunterladen können.
Ein Fuchs, eine Maus und ein kleines Quiz-Abenteuer
Machen Sie aus dem Schweizer Klausjagen eine schöne Lesestunde. Laden Sie die Geschichte als PDF herunter und erfahren Sie, wie Livia zwischen Hunderten leuchtenden Iffelen nach der Laterne ihres Vaters sucht. Der Ausdruck eignet sich zum Vorlesen, für den Unterricht oder als weihnachtlicher Lesestoff für zu Hause.
Laden Sie anschließend das Quiz mit vier Quizkarten herunter. Die Fragen beschäftigen sich mit dem Klausjagen und mit der Schweiz. Ergänzen Sie Ihre Sammlung mit weiteren Quizkarten zu den Weihnachtsbräuchen Europas. So entsteht mit jeder neuen Geschichte eine kleine Sammlung voller Weihnachtswissen.
Auf dem Quizblatt zu dieser Weihnachtsgeschichte befindet sich ein Geheimbuchstabe mit seiner Positionsnummer. Gemeinsam ergeben die Buchstaben aller 45 Länderquizze eine weihnachtliche Botschaft.
Mit Lösungsheft als PDF – nach dem Entschlüsseln der Weihnachtsbotschaft.
Drei Bilder für Ihre Weihnachts-Pinnwand
Zur Geschichte „Der Fuchs in der Laterne“ finden Sie hier drei Pinterest-Bilder. Die Illustrationen greifen die besondere Stimmung des Schweizer Klausjagens auf und machen neugierig auf Livias Erlebnis. Wählen Sie Ihr Lieblingsmotiv oder merken Sie sich gleich alle drei Bilder für Ihre Sammlung weihnachtlicher Leseideen.
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