Lazar hatte es sich auf dem Sofa bequem gemacht. Die Füße ließ er oben, damit niemand auf den Gedanken kam, er wolle mitmachen. Mit zehn Jahren musste man nicht mehr durchs Wohnzimmer kriechen und piepsen. Auch nicht am 6. Januar, wenn bei seiner Familie in Serbien Heiligabend gefeiert wurde.
Großvater schüttelte Stroh aus einem Sack und sah zu ihm hinüber.
»Bleibt unser großer Herr auf seiner Stange?«
Lazar rückte ein Kissen zurecht. Großvater sollte ruhig spotten. Er hatte sich vorgenommen, diesmal nur zuzusehen.
Beim Pijukanje spielten die Erwachsenen die Hühner, und die Kinder suchten als Küken im Stroh nach Süßigkeiten und Nüssen. Großmutter hatte alles vorbereitet. Nun kam sie aus der Küche, wischte ihre Hände an der Schürze ab und begann zu glucken.
Milan und Vuk stürzten sich auf das Stroh. Vuk piepste so eifrig, dass er kaum zum Suchen kam. Milan hingegen arbeitete schweigend. Er machte kleine Haufen und schob jeden untersuchten beiseite.
Nach einer Weile saß er auf den Fersen.
»Oma, du hast die Bonbons vergessen.«
Großmutter schob ihn ein Stück zur Seite und griff selbst ins Stroh. Ihre Hand kam leer heraus. Sie versuchte es an einer anderen Stelle.
Vuk hob den Teppichrand an. Darunter lag ein Knopf, den er vorsichtshalber einsteckte.
Sonst fanden sie nichts.
Milan musterte Großvater, der am Tisch saß und kaute.
»Ein Stück Brot«, erklärte der Alte und zeigte den Rest vor.
Milan glaubte ihm erst, als er auch noch seine Taschen umgestülpt hatte. Großmutter wurde inzwischen ungehalten. Sie hatte jedes Bonbon einzeln ins Stroh gesteckt, damit die Kinder länger suchen mussten. Dass sie nun überhaupt keines fanden, war nicht vorgesehen.
Lazar nahm die Füße vom Sofa.
Auf dem Teppich lag kein einziges Bonbonpapier. Falls Großvater wirklich genascht hatte, konnte er unmöglich alles aufgegessen haben, auch noch die Walnüsse samt Schalen.
Lazar zog den leeren Sack zu sich heran und schüttelte ihn.
Aus dem Flur piepste es.
Vuk hatte beide Hände vor dem Mund. Milan stand neben ihm. Lazar wartete. Da kam der Laut noch einmal, lang und kläglich.
Im Flur saß Tante Jelena auf einem zweiten Strohsack und kämpfte mit ihrem Stiefel. Sie war spät dran und wollte nun nicht auch noch den ganzen Schnee ins Wohnzimmer tragen. Bei jedem Ruck am Stiefel quietschte es unter ihr.
Lazar kniete sich neben den Sack.
»Steh mal auf.«
»Wenn du mir vorher den Stiefel ausziehst.«
Er zog, sie hielt sich am Schuhschrank fest. Der Stiefel kam frei, Lazar fiel rückwärts gegen die Wand, und Tante Jelena konnte endlich aufstehen.
Unter dem Stroh fand er etwas Weiches. Er drückte darauf. Es piepste ihm geradewegs ins Gesicht: ein gelbes Stoffküken mit schiefem Schnabel.
An seinem Fuß klebte ein eingewickeltes Bonbon.
Lazar trug beides ins Wohnzimmer.
Großmutter erkannte ihr Küken sofort. Den Sack hatte sie neben die Tür gestellt. Lazars Vater hatte ihn weggeschoben, weil er nicht vorbeikam. Und Großvater hatte den anderen genommen, in dem das frische Stroh für den Hühnerstall steckte.
Schuldbewusst betrachtete er den leeren Sack. »Es stand doch nichts dran.«
Großmutter nahm ihm den Sack aus der Hand und ging den richtigen holen.
Diesmal half Lazar beim Ausschütten. Vuk hielt die Öffnung auf, bis sie ihm entglitt. Stroh fiel über seine Knie, und eine Walnuss rollte unter das Sofa. Gleich hinterher verschwand eine Schokolade.
Lazar legte sich flach auf den Teppich und langte danach. Die Schokolade bekam er zu fassen. Die Nuss lag weiter hinten.
Neben ihm gluckte seine Mutter.
»Piep!«, antwortete er und streckte den Arm noch ein Stück aus.
Dann hob er rasch den Kopf und sah nach Großvater.
Der gluckte zurück. Weiter sagte er nichts. Er war damit beschäftigt, Vuk eine Walnuss aus dem Pullover zu schütteln.
Pijukanje – warum Kinder in Serbien an Weihnachten wie Küken piepsen
In vielen serbisch-orthodoxen Familien ist der 6. Januar Heiligabend. Zu den besonderen Bräuchen gehört das Pijukanje: Die Erwachsenen glucken wie Hennen, die Kinder piepsen wie kleine Küken. Dabei suchen sie im Stroh nach versteckten Süßigkeiten, Nüssen oder kleinen Geschenken. Das Wohnzimmer verwandelt sich für kurze Zeit in einen fröhlichen Hühnerstall.
Das Stroh hat eine besondere Bedeutung. Es gehört zur Weihnachtsgeschichte von der Geburt Jesu, der nach christlicher Überlieferung in eine Krippe gelegt wurde. Auch das Geglucke und Gepiepse haben einen Sinn. So wie eine Henne ihre Küken beschützt, kümmern sich die Erwachsenen um die Kinder. Der Brauch gilt als Zeichen für familiären Zusammenhalt, Fürsorge und ein glückliches Zuhause.
Der Name Pijukanje stammt vom Piepsen der Küken. Je nach Familie und Region läuft der Brauch ein wenig anders ab. Das Stroh liegt beispielsweise unter dem Tisch oder auf dem Fußboden. Bei einigen Familien werfen die Erwachsenen die Leckereien hinein, bei anderen verstecken sie sie vorher. Auf den Heiligabend am 6. Januar folgt das serbisch-orthodoxe Weihnachtsfest am 7. Januar.
Vier Quizfragen zur Geschichte
Beantworten Sie die vier Quizfragen und sammeln Sie Ihren Geheimbuchstaben für das Weihnachtsgeheimnis. Sie können Ihre Antworten jederzeit verbessern. Den Geheimbuchstaben mit seiner Positionsnummer finden Sie auch auf dem Quizblatt, das Sie - weiter unten nach den vier Quizfragen - kostenlos als PDF herunterladen können.
Hühneralarm zum Lesen und Rätseln
Laden Sie die Weihnachtsgeschichte „Hühneralarm an Weihnachten“ als PDF herunter und begleiten Sie Lazar bei seiner Suche nach dem verschwundenen Weihnachtsnaschwerk. Drucken Sie die Geschichte für eine gemütliche Vorleserunde aus oder nutzen Sie sie als Lesestoff für Kinder, die selbst lesen möchten.
Holen Sie sich außerdem das passende Quiz mit vier Quizkarten. Damit greifen Sie die Ereignisse der Geschichte und den serbischen Weihnachtsbrauch Pijukanje auf. Sammeln Sie auch die Quizkarten zu weiteren europäischen Weihnachtsbräuchen und stellen Sie daraus Ihre eigene kleine Weihnachtsbrauch-Sammlung zusammen.
Auf dem Quizblatt zu dieser Weihnachtsgeschichte befindet sich ein Geheimbuchstabe mit seiner Positionsnummer. Gemeinsam ergeben die Buchstaben aller 45 Länderquizze eine weihnachtliche Botschaft.
Mit Lösungsheft als PDF – nach dem Entschlüsseln der Weihnachtsbotschaft.
Vom Kükenpiepsen auf die Pinterest-Pinnwand
Eine Weihnachtsgeschichte, bei der sich das Wohnzimmer in einen Hühnerstall verwandelt, verdient auch fröhliche Bilder. Für „Hühneralarm an Weihnachten“ gibt es drei Illustrationen zum Teilen. Speichern Sie die Motive auf Pinterest und machen Sie andere Leserinnen und Leser auf den serbischen Brauch Pijukanje aufmerksam.
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