Hugo hielt die kleine Figur zwischen zwei Fingern hoch. An ihrer Nase klebte Sahne.
Endlich! Zehn Jahre war er alt, und noch nie hatte er den König im Roscón de Reyes gefunden, dem süßen Hefekranz, den seine Familie am spanischen Dreikönigstag aß. Heute, am 6. Januar, gehörte die goldene Papierkrone ihm.
Bloß war sie nicht da.
Seine Mutter schüttelte die Bäckertüte aus. Großvater hob sogar seinen Teller an, obwohl er seit Beginn des Frühstücks darauf bestand, nichts mit der Sache zu tun zu haben. Hugo schaute unter den Tisch.
Keine Krone.
„Den König habe ich trotzdem gefunden“, sagte er beim Auftauchen. „Inés, bring mir bitte noch Kakao.“
Seine Schwester machte einen tiefen Knicks. Sie brachte die Kanne, goss ihm ein und hielt anschließend die Hand auf.
„Zwei Stück Marzipan. Diener müssen bezahlt werden.“
Hugo gab ihr eins. Das zweite versprach er für später. Noch ehe er den ersten Schluck genommen hatte, erklärte sein Vater, ein König brauche einen ordentlichen Thron. Er schleppte den großen Sessel an den Tisch. Hugo versank zwischen den Polstern und musste sich ein Kissen unterlegen lassen.
So gefiel ihm das.
Inés hatte unterdessen einen zusammengefalteten Pappstreifen aus dem Kuchenkarton gefischt. Die weiße Rückseite eignete sich zum Schreiben. Darauf notierte sie Hugos Schulden.
Großvater fand, dass ein König die Beschwerden seiner Untertanen anhören müsse. Er habe da schon länger etwas vorzubringen: Inés übe seit Weihnachten auf ihrer neuen Flöte. Stets dasselbe Lied, stets mit demselben falschen Ton.
Inés holte die Flöte. Hugo sollte selbst urteilen.
Beim dritten Versuch legte Großvater zwei Mandeln auf den Tisch. Wenn sie aufhöre, dürfe sie die behalten.
„Vier“, sagte Inés.
Hugo entschied, dass drei genügten. Es dauerte eine Weile, bis sich eine dritte Mandel fand. Sie steckte zwischen den kandierten Früchten auf dem Roscón.
Jetzt wollte Hugo sein Kuchenstück essen.
Sein Vater räusperte sich. Ob Seine Majestät denn schon die Neujahrsansprache vorbereitet habe? So etwas erwarteten die Leute von ihrem König.
Hugo legte die Gabel hin und stand im Sessel auf. Von oben konnte er die ganze Tafel übersehen. Sein Vater zog das Kissen unter seinen Füßen weg, bevor es herunterrutschte.
Hugo verkündete, dass niemand mehr Flöte spielen dürfe, solange ein anderer schlafe. Außerdem seien Besuche beim Zahnarzt künftig freiwillig.
Seine Mutter widersprach dem zweiten Gesetz. Großvater wollte beim ersten noch ergänzt haben, dass man auch dann nicht spielen dürfe, wenn er erst vorhabe einzuschlafen.
Inés schrieb alles auf. Dann war ihr Pappstreifen voll.
Sie klappte ihn auseinander, um mehr Platz zu bekommen. Ein goldener Rand blitzte auf. Sie zog weiter, faltete mehrere Spitzen nach oben und hielt plötzlich eine lange Papierkrone vor sich.
Für einen Augenblick wurde es still.
Hugo kletterte aus dem Sessel.
Die Krone hatte die ganze Zeit mit der goldenen Seite nach innen auf dem Tisch gelegen. Auf ihrer Rückseite standen nun die unbezahlten Marzipanschulden, das Flötengesetz und ein durchgestrichener Satz über Zahnärzte.
Inés legte sie ihm um den Kopf. Sein Vater schob die Enden ineinander, und Hugo setzte sich wieder auf seinen Thron.
Nun konnte er endlich weiteressen.
Inés tippte ihm auf die Schulter. Er musste die Krone noch einmal abnehmen: Unter den Gesetzen fehlte seine Unterschrift.
Hugo unterschrieb auf dem Knie. Als er aufsah, hatte Großvater bereits die Augen geschlossen. Inés hielt die Flöte noch in der Hand.
Hugo schob ihr wortlos die kleine Königsfigur zu. Dann legte er das versprochene Stück Marzipan daneben.
Roscón de Reyes – ein Kuchen, der Könige krönt
In Spanien gibt es zum Dreikönigstag am 6. Januar einen besonderen Kuchen: den Roscón de Reyes. Das süße Gebäck hat die Form eines großen Rings und ist mit bunten kandierten Früchten geschmückt. Im Inneren verstecken sich eine kleine Figur und eine Bohne. Wer die Figur in seinem Kuchenstück entdeckt, darf eine Krone tragen und sich für einen Tag wie ein König oder eine Königin fühlen.
Doch auch die Bohne hat eine besondere Bedeutung. Wer sie findet, muss nach einem alten Brauch den Dreikönigskuchen bezahlen. Die kleine Figur bringt dagegen Glück. Deshalb schauen viele Familien beim Anschneiden besonders gespannt auf ihre Kuchenstücke. Die bunten Früchte auf dem Roscón erinnern übrigens an die Edelsteine einer prächtigen Königskrone.
Der Dreikönigstag gehört in Spanien zu den wichtigsten Weihnachtsfeiertagen. Schon am Abend des 5. Januar ziehen die Heiligen Drei Könige (Kaspar, Melchior und Balthasar) bei festlichen Umzügen durch zahlreiche Städte. Sie fahren auf geschmückten Wagen, und die Kinder bekommen Süßigkeiten. Am nächsten Morgen warten in vielen Familien die Geschenke der Drei Könige. Der Roscón de Reyes gehört für viele Spanier zum Abschluss der Weihnachtsfeierlichkeiten.
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