Am Morgen war das Küchenfenster mit Frost überzogen. Über die ganze Scheibe liefen feine weiße Linien, manche fast gerade, andere gebogen, dazwischen kleine Spitzen und gefiederte Flächen.
Einar stand davor und vergaß, dass er eigentlich nur nachsehen wollte, ob in der Nacht Schnee gefallen war. In einer Ecke der Scheibe sah er einen Vogel. Ganz deutlich. Der Kopf zeigte nach links, dahinter lag ein breiter Flügel, und unten zog sich eine Linie wie ein langer Schwanz.
Als seine Schwester Elín später in die Küche kam, zeigte Einar ihr die Stelle. Sie sah keinen Vogel. Für sie war es ein Fisch. Der Vater meinte voller Überzeugung, dort lägen zwei Berge hintereinander. Großmutter sah ein Rentier und war sich ihrer Sache so sicher, als hätte es ihr eben noch zugeblinzelt.
Einar sah noch einmal hin. Die Linien waren dieselben geblieben. Trotzdem sah jeder etwas anderes.
Am Nachmittag wurde Laufabrauð gebacken. Darauf freute Einar sich jedes Jahr. Der Teig wurde so dünn ausgerollt, dass er fast durchsichtig wirkte. Auf dem Tisch lagen kleine Messer, ein Rädchen mit gezacktem Rand und Großmutters alte Blechdose. Mehl lag auf den Ärmeln, auf dem Tisch und bald auch auf Einars Hose.
Draußen wurde es schon dunkel. Im Fenster spiegelte sich das warme Licht der Küche, dahinter lag Schnee auf dem niedrigen Steinwall. Der Frost war noch immer da.
Einar wollte diesmal nicht wieder Rauten und Dreiecke schneiden. Er wollte den Vogel vom Fenster.
Dort hatte das alles so einfach ausgesehen. Im Teig bekam Einar die feinen Linien kaum hin. Gleich beim ersten Versuch lagen zwei Schnitte zu dicht beieinander und der Fladen riss ein. Einar schob ihn zur Seite und fing noch einmal an.
Beim zweiten arbeitete er langsamer und schaute zwischendurch immer wieder zum Fenster.
Er ließ einige Linien weg, machte andere größer und setzte dort einen kleinen Bogen, wo auf der Scheibe eigentlich keiner war. Nach und nach entstand etwas, das dem Vogel einigermaßen ähnelte.
Neben ihm schnitt Elín ihren Fisch. Sie schaute auf dieselbe Stelle am Fenster wie Einar, und trotzdem führte ihr Messer ganz anders über den Teig. Der Vater machte seine Berge. Großmutter blieb zunächst bei einem alten Muster, das ihre Hände offenbar besser kannten als ihre Augen.
Am Ende lagen vier ganz verschiedene Laufabrauð vor ihnen. Einar musste zweimal hinschauen. Sie hatten sich doch alle an derselben Stelle am Fenster orientiert.
Sein Vogel war nicht besonders gleichmäßig geworden. Ein Flügel war größer, an einer Stelle fehlte eine Linie. Einar fand ihn trotzdem gut.
Dann nahm er Elíns Fladen. Erst sah er darin nur das Muster. Nach einer Weile verstand er, wo sie den Fisch entdeckt hatte. Beim Laufabrauð seines Vaters dauerte es länger, aber irgendwann konnte Einar auch die beiden Berge erkennen.
Nur bei Großmutters Rentier hatte er weiterhin keine Ahnung, wo es sein sollte.
Am Abend war die Küche wieder aufgeräumt. Die Laufabrauð lagen auf großen Tellern. Aus dem Wohnzimmer schimmerte das Licht vom Weihnachtsbaum bis in den Flur, und draußen lag der Schnee still über den dunklen Steinen.
Einar ging noch einmal zum Fenster.
Sein Vogel war sofort da.
Jetzt erkannte Einar auch Elíns Fisch und die Berge seines Vaters.
Er blieb noch am Fenster stehen. Zwischen den feinen Frostlinien fiel ihm plötzlich etwas auf, das vorher nicht da gewesen war – jedenfalls nicht für ihn. Es sah ein bisschen aus wie ein kleines Haus. Oder vielleicht doch eher wie eine Mütze? Je länger Einar hinsah, desto weniger sicher war er.
Einar grinste.
Diesmal rief er niemanden.
Es reichte ihm, dass er wusste, wo es war.
Laufabrauð – filigrane Muster aus Teig
Laufabrauð gehört in Island für viele Familien zur Weihnachtszeit. Der Teig wird hauchdünn ausgerollt und anschließend mit kleinen Messern oder speziellen Rädchen eingeschnitten. Durch Falten, Schnitte und feine Muster entstehen fast spitzenartige Formen – kein Fladen sieht genau wie der andere aus.
Traditionell sitzt man dafür gemeinsam am Tisch und gestaltet mehrere Laufabrauð hintereinander. Anschließend werden die dünnen Teigfladen kurz in heißem Fett ausgebacken, bis sie knusprig sind. Gerade das gemeinsame Schneiden und Verzieren macht aus dem Backen eine kleine Weihnachtsbeschäftigung, bei der jeder sein eigenes Muster entwickeln kann.
„Im Frost verborgen“ kostenlos ausdrucken
Die feinen Linien am Fenster beschäftigen Einar noch lange nach dem Frühstück. Hier finden Sie die isländische Weihnachtsgeschichte als PDF zum kostenlosen Herunterladen und Ausdrucken.
Zu jeder Weihnachtsgeschichte können Sie die passenden Quizkarten ausdrucken und sammeln. Die Fragen greifen vor allem den Brauch hinter der Geschichte auf – diesmal geht es um das isländische Laufabrauð. So entsteht nach und nach eine kleine Sammlung für eine gemeinsame Quizrunde rund um Weihnachtsbräuche aus verschiedenen Ländern.
Frostbilder, Laufabrauð und ein kleines Weihnachtsrätsel
Zu „Im Frost verborgen“ finden Sie hier drei Pinterest-Bilder zum Teilen und Merken. Die Motive greifen Einars Entdeckungen am vereisten Fenster und das gemeinsame Laufabrauð-Backen auf und nehmen ein kleines Stück isländische Weihnachtszeit mit zu Pinterest.
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