An der großen Strohraute hingen vier kleinere. Ganz unten baumelte eine winzige, die sich dauernd verkehrt herum drehte. Lev fand gerade diese besonders gelungen.
Es war sein erster Pavuk, eine Weihnachtsspinne aus Stroh. Zwei Nachmittage hatte er daran gearbeitet. Seine Mutter hatte ihm die Halme zurechtgeschnitten; die Fäden hatte er selbst hindurchgezogen und verknotet. Mit neun Jahren konnte er das.
Am Heiligabend hängte er sein Werk im Wohnzimmer auf. Vom Regal her beleuchtete eine kleine Lampe das helle Stroh. Sobald jemand vorbeiging, begannen die Rauten sich zu drehen.
Lev ging mehrmals vorbei.
Die Katze Minka lag auf dem Sessel und tat zunächst, als ginge sie das alles nichts an. Dann bewegte sich die winzige Raute. Ein Ohr richtete sich auf. Bald saß Minka kerzengerade da und verfolgte jede Drehung.
Lev kannte diesen Blick von ihr.
Er stellte einen Stuhl unter den Pavuk und kürzte die Aufhängung. Seine Mutter hielt den Stuhl fest. Als Lev wieder unten stand, musste er den Kopf weit zurücklegen, um sein Werk zu betrachten.
„Da kommst du nicht dran.“
Minka blinzelte. Sie sprang vom Sessel, streckte sich ausgiebig und ging um den Tisch herum.
Lev brachte den Stuhl zurück in die Küche.
Als er wiederkam, hörte er ein leises Schaben.
Minka stand auf der Sofalehne. Eine Vorderpfote lag an der Wand. Sie hob sie vorsichtig, griff ein Stück weiter und schlug plötzlich zu.
An der Tapete tanzten die Schatten der Strohfiguren.
Die große Raute stand beinahe still. Aber die winzige sauste über die Wand, verschwand hinter einem Bilderrahmen und kam auf der anderen Seite wieder hervor. Minka duckte sich. Ihr Hinterteil wackelte.
„Minka, nein!“
Sie sprang trotzdem.
Mit den Vorderpfoten erwischte sie den Bilderrahmen. Er klapperte gegen die Wand und hing schief. Minka landete auf dem Sofa, rutschte über ein Kissen und saß anschließend unter dem Tisch.
Dort leckte sie sich eine Pfote.
Lev rückte das Bild zurecht. Vom Luftzug hatte sich sein Pavuk noch schneller gedreht. Nun liefen die Schatten mitten über die Tapete. Minka hörte mit dem Putzen auf.
Lev musste etwas unternehmen, ehe sie wieder auf die Lehne kletterte.
Zunächst hielt er den Pavuk fest. Die Schatten standen still. Minka wartete.
Lev wartete auch.
Sein Arm wurde müde.
Er konnte unmöglich den ganzen Weihnachtsabend unter seiner Weihnachtsspinne stehen. Vorsichtig ließ er los. Sofort drehte sich die kleine Raute weiter, und Minka schob sich unter dem Tisch hervor.
Lev stellte sich ihr in den Weg.
Damit trat er zugleich vor die Lampe. Sein Schatten bedeckte die Strohfiguren an der Wand. Minka suchte rechts von ihm, dann links. Als er einen Arm hob, zuckte ihr Kopf mit.
Lev sah zur Lampe hinüber.
Erst zog er den Stecker heraus. Seine Mutter holte ihm die Lampe vom Regal, und er stellte sie auf den Teppich. Dann bog er den Lampenkopf nach oben und steckte den Stecker wieder ein.
Die Schatten waren von der Wand verschwunden.
Über ihnen bewegte sich nun ein großer, verzweigter Pavuk an der Zimmerdecke. Selbst die kleinen Knoten waren zu erkennen.
Minka blickte hinauf. Sie lief bis zum Sofa, setzte sich und blickte wieder hinauf. Schließlich legte sie den Kopf so weit zurück, dass sie einen Schritt rückwärts machen musste.
Lev beobachtete sie eine Weile. Dann legte er sich auf den Teppich. Von dort hatte er die ganze Decke im Blick.
Minka kam zu ihm. Sie trat über seinen Arm, stieg auf seinen Bauch und ließ sich nieder.
Lev schob ihr den Schwanz aus dem Gesicht. Minka rückte keinen Fingerbreit. Über ihnen drehte sich die kleinste Strohraute langsam weiter.
Pavuk – die tanzende Weihnachtsspinne aus Stroh
In der Ukraine gibt es einen besonderen Weihnachtsschmuck namens Pavuk. Das ukrainische Wort bedeutet „Spinne“. Doch ein Pavuk hat weder acht Beine noch einen dicken Körper. Er besteht aus hohlen Strohhalmen, die auf Fäden gezogen und zu räumlichen Rauten zusammengefügt werden.
An einer großen Form hängen häufig mehrere kleinere. So entsteht ein leichtes Gebilde, das sich bereits bei einem schwachen Luftzug dreht.
Früher hängten Familien den Pavuk an einem Deckenbalken auf, beispielsweise über dem festlich gedeckten Tisch. Seine dünnen Strohhalme sind so leicht, dass schon die warme Luft im Zimmer ausreicht, um ihn in Bewegung zu setzen. Fällt Licht auf die Weihnachtsspinne, entstehen an den Wänden erstaunliche Schattenbilder. Die geometrischen Figuren wandern über die Tapete, werden größer oder kleiner und drehen sich mit dem Pavuk.
Der Pavuk war früher nicht bloß ein hübscher Weihnachtsschmuck. Nach altem ukrainischem Volksglauben sollte er Glück und Wohlstand ins Haus bringen. Das verwendete Stroh stammte von Getreidepflanzen wie Roggen oder Weizen und war eng mit der Landwirtschaft verbunden. Inzwischen entdecken immer mehr Menschen diesen alten Brauch wieder und basteln ihre eigenen Weihnachtsspinnen.
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