Der Apfelbaum hinter Großvaters Haus war alt und krumm. Die unteren Äste waren so weit unten, dass Luka ohne Hilfe hinaufklettern konnte. Im Sommer saß er gerne in seinem Baumversteck und schaute über die Gartenmauer. Nur Äpfel trug der Baum kaum noch.
Am Abend vor Weihnachten saß die Familie in der Küche. Großmutter räumte die Teller zusammen und fragte: „Hast du die Axt schon bereitgelegt?“ Der Großvater nickte. „Morgen ist der Apfelbaum dran.“
Luka wartete auf eine Erklärung. Doch die beiden sprachen bereits über den Besuch am nächsten Tag. Später sah er durchs Fenster die Axt am Schuppen lehnen.
Luka lag lange wach. Er wusste, dass der Baum kaum noch Äpfel trug. Aber deshalb musste man ihn doch nicht fällen! Erst im Frühjahr hatte Großvater Petar einen dicken Ast absägen wollen. Luka hatte so lange gebettelt, bis er bleiben durfte. Und jetzt wollte Petar offenbar den ganzen Baum loswerden.
Am Weihnachtsmorgen stand Luka früh auf, zog sich warm an und schlich hinaus in den Garten. Hinter einem Bretterstapel neben dem Baum versteckte er sich. Die gefrorene Erde war hart und kalt. Als die Hintertür knarrte, duckte er sich.
Petar kam mit der Axt in den Garten. Die Großmutter blieb in der Haustür stehen und beobachtete ihn. Ihr geblümtes Kopftuch hatte sie unter dem Kinn zusammengebunden.
Der Großvater trat vor den Apfelbaum und betrachtete seine kahlen Äste. „Drei Jahre lang hast du mir kaum einen Apfel geschenkt. Was soll ich bloß mit dir machen?“ Er nahm die Axt von der Schulter. „Am besten haue ich dich um!“
„Nein, tu das nicht!“, platzte es aus Luka heraus.
Petar blieb stehen. Er schaute sich um, konnte aber niemanden entdecken. „Na, wer spricht denn da?“, fragte er und blickte schließlich zum Apfelbaum hinauf.
Luka duckte sich noch tiefer hinter die Bretter. Sein Großvater hatte ihn offenbar nicht entdeckt. Also hielt er sich den Ärmel vor den Mund und sagte mit möglichst tiefer Stimme: „Ich bin der Apfelbaum!“
„Ach, der Apfelbaum persönlich!“, sagte Petar und schaute zu den kahlen Ästen hinauf. „Dann kannst du mir vielleicht erklären, warum ich dich nicht fällen soll.“
„Weil ich nächstes Jahr wieder Äpfel tragen werde!“
Die Großmutter hielt sich die Hand vor den Mund, damit man ihr Lachen nicht hörte. Petar dagegen schien die Sache sehr ernst zu nehmen.
„Das hast du mir letztes Jahr auch schon versprochen. Und was war? Kaum ein Apfel hing an deinen Zweigen.“
„Im Frühling war es viel zu kalt!“, antwortete Luka.
„Und im Jahr davor? Da war die Ernte auch nicht besser.“
„Da hast du mich zu wenig gegossen!“
„Ach, sieh mal einer an! Jetzt bin ich auch noch schuld.“ Petar kratzte sich am Bart. „Und was soll ich deiner Meinung nach machen, damit du endlich wieder Äpfel trägst?“
Darauf wusste Luka eine Antwort. Der Boden müsse gelockert werden, sagte er. Und der abgebrochene Zweig am Zaun müsse weg.
Petar hörte sich alles an. „Gut. Aber dafür will ich im Herbst einen ordentlichen Korb Äpfel.“ Luka versprach es. Dabei stieß er mit dem Knie gegen ein Brett. Es fiel mit lautem Krachen um.
Petar kam um den Stamm herum. Luka saß mit roten Ohren auf der kalten Erde. „Das dachte ich mir“, sagte der Großvater und half ihm auf.
Die Großmutter erzählte, dass Petars Vater an Weihnachten ebenso mit Obstbäumen gesprochen hatte. Einer drohte mit der Axt, der andere versprach für den Baum eine gute Ernte. „Eigentlich wollte ich heute antworten“, sagte sie. „Die Axt benutzen wir dabei natürlich nicht.“
„Das hättet ihr mir gestern sagen können“, murrte Luka. „Stimmt“, sagte Petar. „Ich dachte nicht, dass du es ernst nimmst.“ Luka rieb sich die kalten Hände. Er wollte jetzt erst einmal ins Haus.
In der Küche bekam er warmen Tee und Brot. Petar brachte die Axt wieder in den Schuppen und fragte dann, ob Luka ihm im Frühjahr beim Graben helfen wolle.
Luka nickte und schaute zum alten Apfelbaum hinaus. Einen ganzen Korb Äpfel hatte er versprochen. Das war vielleicht ein bisschen viel gewesen.
Warum erschreckt man an Weihnachten einen Obstbaum?
Aus serbisch-orthodoxen Gemeinden im Kosovo ist ein merkwürdiger alter Weihnachtsbrauch überliefert: das Erschrecken der Obstbäume. Dabei stellte sich jemand mit einer Axt vor einen Baum, der nur wenige Früchte trug, und drohte ihm scherzhaft mit dem Fällen. Eine zweite Person sprach für den Baum und versprach, dass er im kommenden Jahr wieder reichlich Früchte tragen werde.
Das Ganze war ein kleines Schauspiel, bei dem der Obstbaum natürlich stehen blieb. Die Menschen wünschten sich damit eine gute Ernte im kommenden Jahr. Äpfel, Pflaumen und andere Früchte aus dem eigenen Garten waren früher besonders wertvoll. Sie wurden frisch gegessen, getrocknet oder für den Winter eingelagert. Wenn ein Baum mehrere Jahre kaum Früchte trug, war das für eine Familie durchaus ärgerlich.
Großvaters merkwürdiger Weihnachtsplan als PDF mit Quiz
Warum steht Opa Petar am Weihnachtsmorgen mit einer Axt vor seinem Apfelbaum? Luka möchte das unbedingt herausfinden und gerät dabei in ein ziemlich sonderbares Gespräch. Die Weihnachtsgeschichte aus dem Kosovo können Sie hier als PDF herunterladen und in Ruhe vorlesen.
Warum drohte man früher einem Obstbaum mit dem Fällen, und was sollte der Brauch bewirken? Mit den vier Quizkarten zum Kosovo lässt sich das Wissen über diese ungewöhnliche Weihnachtstradition spielerisch testen.
Die Quizkarten können Sie hier kostenlos herunterladen, ausdrucken und ausschneiden. Zusammen mit den Quizkarten zu den Weihnachtsbräuchen anderer Länder lassen sie sich sammeln. So entsteht nach und nach eine kleine Sammlung mit Weihnachtsbräuchen aus ganz Europa.
Ein sprechender Apfelbaum zu Weihnachten?
Großvater Petar droht seinem alten Apfelbaum mit der Axt. Doch plötzlich beginnt der Baum, sich zu verteidigen! Was dahintersteckt, erzählt eine humorvolle Weihnachtsgeschichte aus dem Kosovo, die auf einem alten Brauch beruht. Teilen Sie gerne eines der folgenden Bilder auf Pinterest, damit auch andere die Geschichte entdecken können.
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