Der Topfdeckel klapperte. Ivo hob ihn an und sah hinein. Graue Erbsen, bis weit hinauf. Er setzte den Deckel zurück und schnupperte lieber an der Pfanne, in der Großmutter Zwiebeln briet.
Ob sie die Erbsen wirklich alle essen müssten, wollte er wissen.
Großmutter nickte. In Lettland gehörte das zu Weihnachten. Die grauen Erbsen sollten aufgegessen werden, damit im neuen Jahr möglichst wenig Tränen flossen.
Ivo schaute zum Küchenschrank.
„Dann braucht Frau Ozola auch welche.“
Am Nachmittag hatte die Nachbarin ihre Einkaufstasche auf der Treppe abgestellt. Ivo hatte sie ihr bis zur Tür getragen. Sonst behauptete sie bei solchen Gelegenheiten, in ihm stecke ein kleiner Gewichtheber. Heute hatte sie ihm wortlos über den Ärmel gestrichen. Erst beim Aufschließen war ihr das Danke eingefallen.
Sie würde heute allein sein. Das hatte Großmutter erzählt.
Ivo holte eine Schüssel und schöpfte Erbsen hinein. Großmutter wickelte ein Küchentuch darum und öffnete ihm die Wohnungstür.
Nebenan musste er zweimal klingeln. Schon wurden ihm die Arme schwer, da hörte er Frau Ozolas Schritte.
Sie ließ ihn in die Küche. Auf dem Tisch standen zwei Teller, daneben lagen rote Servietten. Frau Ozola räumte einen Teller weg, damit die Schüssel Platz hatte.
Ivo blieb, während sie aß. Er erzählte ihr von seinem Schneemann, dem er eine Kartoffel als Nase eingesetzt hatte. Die letzte Möhre hatte Großmutter nicht hergeben wollen.
Frau Ozola hörte zu und fragte, ob eine Kartoffel denn hielte. Dann wurde sie wieder still.
Ivo betrachtete die Schüssel. Sie war beinahe leer. Eigentlich hätte es jetzt besser werden müssen.
Auf dem Treppenabsatz blieb er stehen. Vielleicht war es einfach zu wenig gewesen?
Zu Hause war Großmutter gerade ins Wohnzimmer gegangen, um Weihnachtsmusik anzumachen. Ivo nahm die größere Schüssel mit dem blauen Rand. Er musste sich beeilen, bevor Frau Ozola ihren Teller abwusch.
Diesmal füllte er die Schüssel fast bis zum Rand mit Erbsen. Den Löffel hatte er quer über die Schüssel gelegt, doch unterwegs rutschte er hinein. Ivo versuchte, ihn herauszuziehen, doch dabei schwappte alles bedenklich. Also ließ er den Löffel einfach in der Schüssel und klingelte mit dem Ellbogen.
Frau Ozola blickte auf die Schüssel und fragte schmunzelnd: „Du hast wohl Angst, dass ich nicht satt werde?“
Sie nahm ihm die Schüssel ab, aber essen konnte sie nichts mehr. Nicht einmal einen Löffel. Ivo versuchte zu erklären, dass es doch gegen die Tränen sei.
Frau Ozola lächelte und nahm Ivos Hand. Sie drückte sie kurz, bevor sie die Schüssel zur Seite schob.
Als Ivo zurückkam, stand Großmutter irritiert vor dem offenen Topf.
„Hast du jetzt das ganze Haus mit Erbsen versorgt?“
Er erzählte ihr von seinem Plan. Auch davon, dass Frau Ozola nun satt war, aber immer noch so traurig aussah.
Großmutter legte den Schöpflöffel ab. „Weißt du, was ihr fehlt?“
Ivo zog an einem losen Faden des Küchentuchs. Er hatte nur gefragt, ob die Erbsen schmeckten.
Diesmal gingen sie gemeinsam hinüber. Kaum hatten sie geklingelt, rief Frau Ozola durch die geschlossene Tür:
„Keine Erbsen mehr!“
Ivo schaute zu Großmutter auf. Sie hielt ihre leeren Hände hoch, obwohl Frau Ozola das gar nicht sehen konnte. Hinter der Tür wurde der Schlüssel gedreht.
In der Küche stand noch immer der zweite Teller auf der Anrichte. Frau Ozolas Tochter hatte kommen wollen. Nun lag sie mit Fieber im Bett. Den Kuchen hatte Frau Ozola schon gestern gebacken.
Sie setzte sich und rückte die Zuckerdose zurecht. Ivo setzte sich neben sie. Diesmal dachte er nicht gleich ans Heimgehen.
Großmutter fragte nach der Tochter. Frau Ozola erzählte, und nach einer Weile fragte sie ihrerseits, ob bei ihnen das Essen inzwischen kalt geworden sei.
„Kommen Sie mit nachsehen“, sagte Großmutter.
Frau Ozola zögerte noch. Dann holte sie den Kuchen.
Drüben schob Ivo einen Stuhl an den Tisch. Großmutter nahm einen Teller aus dem Schrank.
„Erbsen hatte ich für heute eigentlich genug“, sagte Frau Ozola und setzte sich.
Ivo stellte die Schüssel ein Stück weiter weg. Dafür rückte er die Zwiebelpfanne näher an sie heran.
Frau Ozola nahm sich einen Löffel voll.
„Und morgen zeigst du mir diese Kartoffelnase.“
Weihnachtsbrauch der grauen Erbsen
In Lettland gehören graue Erbsen zu den traditionellen Weihnachtsgerichten. Die getrockneten Erbsen werden zunächst in Wasser eingeweicht und anschließend weich gekocht. Besonders gern werden sie mit gebratenen Zwiebeln und Speck gegessen.
Zu den grauen Erbsen gehört ein alter Volksglaube: An Weihnachten sollen alle Erbsen aufgegessen werden, damit im neuen Jahr möglichst wenig Tränen fließen. Früher wünschten sich die Menschen mit solchen Bräuchen Glück und ein gutes neues Jahr.
Natürlich können Erbsen nicht wirklich verhindern, dass jemand traurig wird. In der Geschichte nimmt Ivo den Brauch trotzdem sehr ernst. Erst als er mit seiner Großmutter noch einmal bei Frau Ozola klingelt, erfährt er, warum die Nachbarin an diesem Weihnachtsabend so traurig ist.
Zwei Schüsseln und ein guter Gedanke, mit Rätselspaß
Ivo meint es gut mit seiner Nachbarin. Dass sein Plan mit den grauen Erbsen nicht ganz so funktioniert, wie er sich das vorgestellt hat, macht diese Weihnachtsgeschichte besonders liebenswert. Hier können Sie „Eine Schüssel voller Glück“ als PDF herunterladen und ausdrucken – zum gemütlichen Vorlesen oder zum Selberlesen.
Warum essen die Menschen in Lettland an Weihnachten graue Erbsen? Und was hat dieser Brauch mit Tränen zu tun? Mit den folgenden vier Quizkarten können Sie gemeinsam mit Ihren Kindern herausfinden, wie gut sie sich mit diesem besonderen Weihnachtsbrauch auskennen.
Laden Sie die Quizkarten kostenlos herunter, drucken Sie sie aus und schneiden Sie sie aus. Sammeln Sie auch die Karten zu den anderen Weihnachtsbräuchen! So entsteht nach und nach eine bunte Quizsammlung mit spannenden Fragen rund um Weihnachten in verschiedenen Ländern.
Ivos Weihnachtsabend in Bildern
Ausgerechnet graue Erbsen spielen in dieser Weihnachtsgeschichte eine wichtige Rolle! Zu Ivos Geschichte gibt es drei liebevoll gestaltete Bilder, die sich auf Pinterest teilen und für später merken lassen. So können auch andere Leserinnen und Leser das kleine Weihnachtsabenteuer aus Lettland entdecken.
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